Donnersbergkreis
Das Ausmaß der Katastrophe: „Zerstörung, viele Tote und schlimme Bilder“
Herr Fischer, Sie haben 1998 bei der Jugendfeuerwehr Göllheim angefangen, was hat Sie damals begeistert?
Damals konnte man erst mit zehn Jahren in die Jugendfeuerwehr eintreten – heute fängt es ja schon mit sechs in der Kinderfeuerwehr an. Faszinierend war für mich eine Mischung aus der Begeisterung für die Feuerwehr an sich und meinem damaligen Freundeskreis. Wir hatten alle Lust, etwas zu tun, was Sinn und Gemeinschaft verbindet.
Gab es einen Einsatz, der Sie besonders geprägt hat?
Da gab in 27 Jahren Feuerwehr mehrere. Aber die Flutkatastrophe im Ahrtal bleibt mir am deutlichsten im Gedächtnis. Am 15. Juli 2021 habe ich beruflich in der Leitstelle Koblenz geholfen, und in den darauffolgenden Tagen war ich mit Kameradinnen und Kameraden aus dem Donnersbergkreis in Dernau und den umliegenden Gemeinden im Einsatz. Das Ausmaß der Katastrophe war bis dahin für die meisten unvorstellbar: Zerstörung, viele Tote und ein Schadensbild, das jede bisherige Erfahrung übertroffen hat. Diese Tage waren sicher die prägendsten in meiner bisherigen Laufbahn.
Was bedeutet für Sie die Ernennung zum stellvertretenden Brand- und Katastrophenschutzinspekteur?
Für mich ist das vor allem Vertrauen und Anerkennung – von den Verbandsgemeinden, ihren Feuerwehren und unseren Katastrophenschutzeinheiten. Früher hieß die Funktion „Kreisfeuerwehrinspekteur“ und war klar auf Feuerwehrarbeit fokussiert. Heute umfasst sie den ganzen Katastrophenschutz, also neben der Feuerwehr auch den Sanitäts-, Betreuungs- und Verpflegungsdienst sowie die Rettungshundestaffel. All diese Bereiche leisten einen wichtigen Beitrag und ich sehe mich in der neuen Funktion als Vertreter für alle. Wir schaffen das nur zusammen. Ich bringe auch meine beruflichen Erfahrungen ein: Als Rettungsassistent und Notfallsanitäter kenne ich den „weißen Bereich“ – Gesundheit und Rettungsdienst – ebenso wie den „blauen Bereich“ der Feuerwehr. Das macht es einfacher, in beiden Welten zu vermitteln.
Sie haben vom Jugendfeuerwehrmann bis zum Verbandsführer alle Stationen durchlaufen, wie haben sich die Aufgaben verändert?
Als Jugendfeuerwehrmann war es spannend, Technik zu entdecken und erste Geräte kennenzulernen. Im aktiven Dienst mit 16 Jahren kamen die ersten echten Einsätze dazu – das war aufregend. Später, mit der Ausbildung zum Gruppenführer und Zugführer ging es stärker Richtung Führung. Der letzte Abschnitt war 2020 die Ausbildung zum Verbandsführer und für die Stabsarbeit. Besonders gern arbeite ich an der Ausrichtung unserer Feuerwehr: Technik beschaffen, Strukturen anpassen, Zukunft mitgestalten.
In Ihrem Hauptberuf leiten Sie eine Abteilung in der Integrierten Leitstelle Ludwigshafen. Gibt es da Synergien mit Ihrem Ehrenamt?
Sehr viele. Die Integrierten Leitstellen sind der Dreh- und Angelpunkt der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr. Hier laufen alle Informationen aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz zusammen. Dadurch hat man einen Blick über den eigenen Landkreis hinaus und kennt unterschiedliche Herangehensweisen. In einer Krise ist es enorm wichtig, die richtigen Köpfe zu kennen: Wer kann in welcher Lage schnell helfen? Man muss nicht alles wissen, aber wissen, wo und bei wem man Expertise bekommt.
Welche Gefahrenlagen treten in der Region häufig auf?
Wir sind ländlich geprägt – und haben dennoch nennenswerte Gefahrenpotenziale. Etwa Chemie- und Industriebetriebe, die unter die Störfallverordnung fallen. Der Durchgangsverkehr über unsere Bundesstraßen und die Autobahn hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, was zu mehr Unfällen führt. Außerdem verfügen wir über große Waldflächen – im Zuge des Klimawandels steigt so die Gefahr von Vegetations- und Waldbränden. Unsere Feuerwehren in den fünf Verbandsgemeinden arbeiten eng zusammen, die Alarmplanung bindet Unterstützungsleistungen schon im Vorfeld ein. Das trainieren wir regelmäßig.
Beziehen Sie Szenarien wie längere Stromausfälle, Versorgungsengpässe oder Cyberangriffe in Ihre Vorbereitungen ein?
Ja. Ich denke, spätestens seit der Corona-Pandemie sind Szenarien, die man sich früher nur in der Theorie vorstellen konnte, zum zentralen Punkt jeder Einsatzvorplanung geworden. Wir kennen langfristige Stromausfälle aus anderen Ländern, ebenso Versorgungsengpässe, und auch hier haben wir den Ernstfall vorbereitet und geprobt. Cyberangriffe sind inzwischen eine ernsthafte Bedrohung, wichtig ist eine umfassende Einsatzvorbereitung, um im Ernstfall schnell, sicher und zielgerichtet reagieren zu können.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat im Oktober einen neuen Krisenratgeber veröffentlicht. Sollen sich die Bürger vorbereiten?
Wir leben in einem der sichersten Länder der Erde. So beginnt auch, glaube ich, der Einstieg in diesen Ratgeber. Allerdings können uns verschiedene Ereignisse zu jeder Zeit treffen. Auch in Rheinland-Pfalz haben uns in den vergangenen Jahren unterschiedlichste Einsätze gefordert, sei es die Flutkatastrophe im Ahrtal oder Stromausfälle, die über einen längeren Zeitraum angehalten haben. Daher ist es auf jeden Fall angebracht, sich auf Krisen oder Katastrophen vorzubereiten. Damit werden die Ereignisse zwar nicht weniger schlimm, aber in der Situation hilft es, sicherer handeln zu können.
Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für die Bevölkerung?
Jetzt könnte ich Tipps aus Ratgebern oder Checklisten geben, da diese Listen aber ohnehin überall genannt werden, möchte ich drei Punkte aufführen, die ebenso wichtig sind. Erstens: Warnungen verstehen und bewerten. Sirenensignale kennen, Warn-Apps wie NINA oder Katwarn nutzen und Cell Broadcast beachten. Dabei ist wichtig zu wissen, woher die Warnung kommt und ob sie vertrauenswürdig ist. Zweitens: Solidarität. Im Ernstfall gegenseitig helfen und unterstützen. Bei einem Stromausfall sind nicht nur einzelne Haushalte betroffen, sondern ganze Straßenzüge oder Orte. Drittens: Zuversicht und Ruhe bewahren. In Krisen besonnen die nächsten Schritte planen, ohne Panik. Auch wenn es sich in der Theorie leichter anhört: strukturiertes Vorgehen hilft.
Wie schaffen Sie es persönlich, ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen?
Ehrlich gesagt kam es noch nie vor, dass ich in einer Einsatzlage in Panik geraten bin. Vielleicht, weil ich seit vielen Jahren mit solchen Situationen lebe. Die Erfahrung hilft. Meine Regel ist: eines nach dem anderen. Egal ob Ahrtal, Dachstuhlbrand oder Verkehrsunfall – nicht losstürmen, sondern zuerst Überblick verschaffen: Welche Gefahren liegen vor? Welche Aufgaben sind zu lösen? Und dann in geordneter und sicherer Reihenfolge für alle Beteiligten handeln.
Was sehen Sie als größte Herausforderungen der kommenden Jahre?
Klimabedingte Einsatzlagen wie Wald- und Vegetationsbrände, Unwetter. Aber die größte Herausforderung ist die Personalgewinnung. In ländlichen Regionen wird es schwieriger, ehrenamtliche Feuerwehrleute zu finden. Beruf, Familie und Feuerwehr unter einen Hut zu bringen, ist anspruchsvoll. Aber: Bei uns kann jeder mitmachen, egal ob Quereinsteiger, Mutter, Vater, jung oder alt, unabhängig von Geschlecht oder Fitness. Die Aufgaben der Feuerwehr sind so vielfältig, dass wir für jede und jeden den passenden Platz finden.
Und auf welche Aufgaben freuen Sie sich persönlich?
Die Herausforderungen und Aufgaben der Zukunft – gerade im Einsatz – sind oft mit Schicksalsschlägen, Verlusten oder Leid anderer Menschen verbunden. Da zu sagen, man „freut sich“ auf diese Einsätze, fände ich falsch. Was mich jedoch motiviert, ist, Menschen für das Ehrenamt Feuerwehr zu begeistern und in den aktiven Dienst zu bringen. Denn ohne Personal nützen Fahrzeuge, Häuser und Technik nichts.
Welche Bedeutung hat die Nachwuchsarbeit für die Feuerwehr?
Sie ist das Rückgrat des Ehrenamtes. Brandschutzerziehung beginnt im Kindergarten, die Kinderfeuerwehr startet ab sechs Jahren, mit zehn beginnt die Jugendfeuerwehr. Viele heutige Wehrführer haben selbst dort angefangen.
Die Jugendfeuerwehr ist also ein geeigneter Einstieg?
Ganz klar: Ja. Dort lernt man Technik, Kameradschaft und erlebt gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel Zeltlager, Ausflüge oder Wettbewerbe. Zum Abschluss kann man die Leistungsspange erwerben.
