Eisenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Besuch im Grubenmuseum: Sprechende Kiefern und harzige Zähne

Zu Beginn der Tour durften sich die Besucher die verschiedenen Tonarten anschauen. Auch Anfassen war erlaubt.
Zu Beginn der Tour durften sich die Besucher die verschiedenen Tonarten anschauen. Auch Anfassen war erlaubt.

Bodo Peisch weiß alles über den Tonabbau in der Erdekaut. Im Grubenmuseum verrät er, was ein Harzer Roller ist und weshalb Bergleute oft Karies hatten.

Der Lieblingskaffeebecher, die Toilettenschüssel und das Waschbecken – ein Alltag ohne Gegenstände aus Keramik ist kaum denkbar. Grundlage dafür ist Ton. Und der wurde in Eisenberg im großen Stil abgebaut.

Zum Beispiel in der Grube Riegelstein in der Erdekaut, die heute ein Museum ist. In dem alten Gebäude hat sich eine Gruppe von RHEINPFALZ-Lesern eingefunden. 60 Meter unter ihnen bauten Bergleute von 1920 bis 1996 Ton ab. Gästeführer Bodo Peisch zeigt auf den engen Förderkorb. In diesem wurden die Bergleute durch den Förderschacht nach unten zu ihrem Arbeitsplatz und der abgebaute Ton nach oben befördert. Nichts für Klaustrophobiker. Besonders unangenehm sei der Transport für verletzte Bergleute gewesen, erzählt Peisch. Wenn Ton von der Decke bröckelte, seien oft Abschürfungen oder Knochenbrüche die Folge gewesen. Die Verletzten kamen auf die Trage, die aufgrund des Platzmangels senkrecht in den Aufzug gestellt wurde. „Das tat dann noch mal zusätzlich weh“, sagt Peisch.

Im Förderkorb ging es für die Bergleute nach unten in die Grube. Die Aufsichtsperson sorgte für die Sicherheit.
Im Förderkorb ging es für die Bergleute nach unten in die Grube. Die Aufsichtsperson sorgte für die Sicherheit.
Bodo Peisch zeigt eine Sauerstoffmaske aus den 1960er-Jahren.
Bodo Peisch zeigt eine Sauerstoffmaske aus den 1960er-Jahren.
Im Bergwerk wurde über Signale kommuniziert.
Im Bergwerk wurde über Signale kommuniziert.
Eine alte Waage zum Wiegen des Tons.
Eine alte Waage zum Wiegen des Tons.
Der Förderkorb ist nichts für Menschen mit Klaustrophobie.
Der Förderkorb ist nichts für Menschen mit Klaustrophobie.
Bodo Peisch (links) mit seiner Gruppe.
Bodo Peisch (links) mit seiner Gruppe.

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Bergleute seien wahre Multitalente gewesen, erzählt Peisch. „Die konnten mauern, Schlosserarbeiten durchführen und schreinern.“ Damit die Decke nicht einstürzte, hätten sie Gerüste aus Kiefernholz gebaut. „Das ist ein langfaseriges Holz“, weiß der Gästeführer. „Es reißt von oben nach unten und gibt dabei quietschende Töne von sich. Das hat die Bergleute gewarnt. Die Kiefern haben quasi mit ihnen gesprochen.“ Dass Kiefernholz in großen Mengen unter Tage verarbeitet wurde, sei der Grund dafür, dass in Eisenberg und Umgebung so viele Kiefern-Monokulturen vorkämen.

Ob jemand wisse, was ein Harzer Roller sei, fragt Peisch die Gruppe. „Ein Käse“, sagt eine Teilnehmerin. Peisch schmunzelt. Das sei zwar nicht falsch, aber so habe man früher auch die Kanarienvögel bezeichnet, die unter Tage dabei waren. Fiel der Vogel tot um, bedeutete das, dass den Bergleuten eine Kohlenmonoxidvergiftung drohte. Tod durch Ersticken sei ohnehin die größte Gefahr unter Tage gewesen. Alle Bergarbeiter hätten stets ein Sauerstoffgerät am Gürtel getragen. Peisch hält ein antikes Stück aus den Sechzigern hoch. Außerdem habe es Luftmaschinen gegeben. „Das waren früher typische Jobs für Frauen“, sagt Peisch. Mit Kurbeln pumpten sie Frischluft nach unten. Eine Teilnehmerin scherzt: „Wenn eine Frau ihren Mann nicht mehr wollte, konnte sie ihm einfach die Luft abstellen.“

Eine weitere Gefahr für die Bergleute, ja sogar eine regelrechte Berufskrankheit, sei Karies gewesen, sagt Peisch. Die Gruppe guckt verdutzt. Peisch öffnet eine Vitrine und nimmt ein Stückchen Holz heraus. Es ist ein Kienspan. „Den klemmten sich die Bergleute zwischen die Zähne und zündeten ihn an.“ Rund 20 Minuten habe so ein Span gebrannt und für Licht gesorgt. Dann war der nächste dran. Das Problem: „Kienspäne sind sehr harzig. Und das hat die Zähne kaputtgemacht.“

Feuerfester Ton

Aus dem Erdekaut-Ton wurde Schamotte hergestellt, erzählt Peisch, eine äußerst feuerfeste Mischung aus gebranntem und nicht gebranntem Ton. Aus dieser wurden beispielsweise Schiedelrohre für Schornsteine gefertigt – oder Steine zum Auskleiden von Hochöfen in der Stahlindustrie. Aber auch Vasen, Tassen oder Flaschen wurden aus Erdekaut-Ton geformt. Die Teilnehmer bestaunen eine alte Sprudelflasche, die Peisch ihnen zeigt. Sie stammt aus der Zeit um 1900.

Teilnehmerin Iris Hummel ist begeistert: „Alte Arbeitsweisen haben mich schon immer fasziniert. Ich mag es, wenn Museen Wissen lebensecht vermitteln.“ Auch Gudrun Müller ist froh, an der Tour teilgenommen zu haben. „Ich bin sehr geschichtsinteressiert und war schon oft zum Spazierengehen in der Erdekaut. Aber ins Grubenmuseum hatte ich es bisher noch nicht geschafft.“

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