Weierhof
Bauernhof im Frühling: Lamm im Wohnzimmer, Hühner im Stress
Es blökt im Wohnzimmer von Melanie und Markus Seeber. Seit ein paar Tagen lebt das Ehepaar nicht alleine in seinem Haus. Tiffany wohnt jetzt bei ihnen. Tiffany braucht in der Nacht eine Milchflasche und tagsüber ein paar Streicheleinheiten. Außerdem muss sie täglich gewogen werden, um sicherzugehen, dass sie zunimmt.
Tiffany ist ein Lamm, und ihre Mutter hatte sich nach der Geburt nicht um sie gekümmert, sondern nur um ihre Schwester. Es war die erste Geburt für Mutter Ingwer; da waren zwei kleine Lämmer wohl ein bisschen viel für sie, und Melanie und Markus Seeber haben das kleine Schaf kurzerhand mit zu sich ins Wohnzimmer genommen.
Nun ist das für die beiden Jungbauern keine so außergewöhnliche Sache. Schließlich sind sie Bauern, aber trotzdem ist es etwas Besonderes, wenn jedes Jahr im Frühling die Lämmer auf die Welt kommen und dann hin und wieder eines der Tiere mit ins Haus zieht.
Landwirte leben mit den Jahreszeiten
„Letztes Jahr im Frühling haben wir einen kleinen Bock mit der Flasche aufgezogen, der wurde dann im Herbst zusammen mit den anderen pubertären Böcken geschlachtet. Das tat schon ein bisschen weh“, erzählt Melanie Seeber. Aber: So sei das Leben. Landwirte leben mit den Jahreszeiten, dem Wetter und dem Zyklus des Lebens. Dazu gehört auch, dass Tiere geschlachtet werden. Und dazu gehört, seit Jahren keine weite Urlaubsreise gemacht zu haben.
Trotzdem lieben die beiden Jungbauern ihren Beruf und üben ihn mit Leidenschaft aus. Wobei Landwirt viel mehr ist, als nur ein Beruf, eher Berufung und Lebensinhalt. In diesem Frühling hat die arbeitsreiche Zeit bereits ein paar Wochen früher als üblich begonnen. „Weil es Anfang März so trocken war, haben wir bereits da angefangen, die Felder vorzubereiten“, erzählt Markus Seeber. Ansonsten beginnt die arbeitsintensive Zeit in der Regel Mitte März. Wer kennt es nicht: „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und Wiesen instand. Er pflüget den Boden, er egget und sät und rührt seine Hände früh morgens und spät.“
26 Schafe leben gerade auf dem Hof
Auch bei Seebers sind die Tage lang. In der Regel klingelt um 6.30 Uhr der Wecker, oft endet der Arbeitstag erst, wenn es draußen schon dunkel ist. Wenn im Frühling die Lämmer zur Welt kommen, kann es sogar passieren, dass sie mitten in der Nacht in den Stall gehen und nach dem Rechten sehen. Zwar haben sie eine Kamera im Schafstall hängen und können so sehen, wie es den Tieren geht, aber trotzdem ist es manchmal nötig, dass sie bei der Geburt dabei sind.
26 Schafe leben zurzeit auf dem Hof von Ehepaar Seeber. Wobei: Eigentlich sind es ein paar mehr. Denn viele Schafe sind jetzt im Frühling trächtig. Oft bekommen sie Zwillinge, Drillinge oder sogar Vierlinge. Dieses Jahr im Frühling haben sie 13 trächtige Schafe. „Wir hatten auch schon Jahre, da hatten wir mehr Muttertiere“, erzählt Melanie Seeber. Die Schafe und Ziegen sind nur im Winter und im frühen Frühling während der Lammzeit im Stall, Ende April ziehen die Tiere nach draußen auf die Weidefläche. Frühstens ab einem halben Jahr bis Jahr werden die männlichen Tiere geschlachtet, sie wiegen dann zwischen 60 bis 70 Kilogramm.
Ein Bauernhof war ihr Lebenstraum
Die Seebers stammen ursprünglich nicht aus dem Donnersbergkreis: Markus Seeber ist im Südschwarzwald auf dem Schauinsland groß geworden, Melanie Seeber in der Nähe von Heidelberg. Zwar sind sie nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen, haben aber beide an der Universität Hohenheim Agrarwissenschaften studiert. Dort hat sich das Paar kennengelernt und gemeinsam beschlossen, dass ein eigener Bauernhof ihr Lebenstraum ist. Bereits im Jahr 2015 hat Markus in Weierhof auf dem Hof von Uli Zerger ein Praktikum gemacht. Ein paar Jahre später haben sich die beiden bei einem Forumstreffen wiedergesehen – dort treffen sich Jungbauern ohne eigenen Hof und Landwirte, die einen Hof haben, den sie gerne übergeben möchten.
2019 zogen Melanie und Markus schließlich nach Weierhof mit dem Ziel, den Betrieb von Uli Zerger irgendwann zu übernehmen. 2020 legten sie gemeinsam mit ihm den Grundstein: Die Gerbachhof GbR wurde gegründet. Von diesem Zeitpunkt an bewirtschafteten sie den Bioland-Betrieb zusammen. Schließlich übernahmen sie im Jahr 2024 die landwirtschaftlichen Flächen und Teile der Gebäude des Hofes. Gleichzeitig wurde auch der Name des Hofes geändert: Gemeinsam mit einem weiteren Bioland-Betrieb aus dem Dorf entschlossen sie sich dazu, den Betrieb unter dem Namen „Biohof am Hollerberg“ weiterzuführen.
Bio-Produkte können gekauft werden
Auch ein Hofladen gehört dazu. Hier können sich die Kunden jeden Tag in einem Selbstbedienungsladen mit Bio-Produkten aus eigener Produktion eindecken: Eiern, Kartoffeln, Kichererbsen und, nach einer Vorbestellung, eben auch Lammfleisch von ihren eigenen Tieren. Alles in 1a-Bio-Qualität versteht sich.
Melanie und Markus sind nicht die einzigen Zugezogenen auf dem Hof: Ihre Thüringer-Wald-Ziegen helfen ihnen durch ihr natürliches Fressverhalten, die Flächen freizuhalten und dadurch die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt zu fördern. „Unsere Kunden freuen sich auch über die pikante Ziegenbratwurst“, erzählt Markus Seeber. In diesem Jahr erwarten sie allerdings keinen Nachwuchs.
Die Hühner haben gerade einen Großauftrag
Dagegen haben die Hühner gerade einen Großauftrag: Ostern steht vor der Tür, und da werden Eier gekauft ohne Ende. „Wir haben in den Wochen vor Ostern eine Eierverkaufzunahme von 50 Prozent. Ich weiß gar nicht, was die Leute an Ostern immer mit den ganzen Eiern machen“, sagt Markus. Bereits drei Wochen vor dem großen Fest werden Eier gehortet, damit es pünktlich vor Ostern losgehen kann mit dem großen Ostereierkauf. Nur in einer Sache müssen die jungen Bauern ihre Kunden enttäuschen: „Unsere Hühner legen keine weißen Eier. Das können wir nicht beeinflussen. Aber ansonsten ist das Eigelb unserer Eier sehr dunkel, weil unsere Hühner durch die Freilandhaltung auch Würmer und Käfer fressen.“
Während sich Melanie gerade im Stall um ein zweites kleines Lamm kümmert, das ein bisschen klein und zart auf die Welt gekommen ist und nicht trinken möchte, macht sich Markus schließlich auf den Weg auf die Felder. Die 100 Hektar Acker, die zum Hof gehören, müssen jetzt dringend vorbereitet werden, damit bald die Aussaat der Lupinen, Kichererbsen und des Maises beginnen kann.
Eine Hülsenfrucht wird hier gerade heimisch
Apropos Kichererbse, noch so eine Sache, die eigentlich nicht im Donnersbergkreis heimisch ist. Als eine der ersten Bauern in der Region haben sich die Seebers an die Hülsenfrucht gewagt. Mit Erfolg. Obwohl: „Der Anbau von Kichererbsen in Deutschland ist mit einer erheblichen Ertragsunsicherheit verbunden“, erzählt der Jungbauer. Grund dafür sind die oft wechselhaften Wetterbedingungen bei uns in der Nordpfalz, die nicht jedes Jahr den speziellen Anforderungen der wärmeliebenden Pflanze gerecht werden.
„Dennoch haben wir uns bewusst entschieden, dieses Risiko einzugehen. Die zunehmend trockeneren und wärmeren Sommer bieten Chancen für den heimischen Anbau, und wir freuen uns, Bioland-Kichererbsen zu ernten“, sagt Melanie. Eigentlich wird die Frucht traditionell in warmen Regionen wie Indien, Pakistan, der Türkei oder Australien angebaut.
Nach ein paar Tagen konnte das Lamm Tiffany wieder in den Stall zu den anderen Schafen ziehen, die Seebers haben das Wohnzimmer erstmal wieder für sich. Bis vielleicht demnächst ein weiteres Lamm ihre Hilfe braucht und umsorgt werden muss. Aber das sind die beiden gewohnt – daran merken sie: Es ist wieder Frühling.