Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Bachs „Johannespassion“ auf Pfälzisch

Volles Gotteshaus, auch vor dem Altar, wo Chor, Orchester und Solisten Bachs „Johannespassion“ auf eine nicht alltägliche Weise
Volles Gotteshaus, auch vor dem Altar, wo Chor, Orchester und Solisten Bachs »Johannespassion« auf eine nicht alltägliche Weise aufführten: mit Pfälzer Texten von Michael Landgraf.

Bachs „Johannespassion“ auf Pfälzisch – kann das funktionieren? Der große, langanhaltende Beifall in der Peterskirche dürfte unterstreichen: Ja, das hat die Menschen erreicht.

Das Interesse an der „Pälzer Passion“ war groß. Die Peterskirche in Kirchheimbolanden schien an diesem Karfreitagnachmittag aus allen Nähten zu platzen, auch mit dem dichten Gedränge von Chor, Orchester und Solisten, die Ulrike Heubeck als Dirigentin vorm Altar versammelt hatte. Der Einstieg gelang wuchtig und präzise. Punktgenau und volltönend ist die Camerata Risonanza präsent, um die Zuhörer sofort aufzunehmen in die tiefe, aufwühlende Bewegtheit des Eingangschorals. Darin nahm der gut 30-köpfige Chor der Bezirkskantorei Donnersberg gleich souverän den Faden auf, trat kraftvoll ein in dieses Drama um Leiden und Tod Christi.

Die Worte danach aus dem Johannesevangelium klangen sicher erstmal ungewohnt. „Sellemols“, setzte Michael Landgraf oben auf der Kanzel ein, „sellemols, do korz vorm Passah-Feschd, do is de Jesus z’samme mit seine Jinger niwwer iwwer de Bach Kidron gange noi in en Gaade“. Erstaunlich, wie genau man da hinhört, und das setzte sich fort. Michael Landgraf, vielfach preisgekrönter Autor, Theologe, Publizist und Mundartdichter aus Neustadt, übertrug die Evangelientexte konsequent, klar und ohne Verbiegungen. Man mag das Pfälzische mögen oder nicht: Die Erzählung bewahrte in diesem Wortgewand und in Landgrafs Vortrag ihre Tiefe, Würde und Ernsthaftigkeit, schlicht und direkt. Darin wird eben deutlich: Sie gehört allen, gleich welcher Herkunft, Bildung und Sprache.

Die Rezitative fehlen

Natürlich greift das tief ein in das Werk. Denn mit dem Erzähler fallen alle Rezitative weg, auch die darin eingebetteten Feinheiten, und damit ebenso die gesamte Tenorpartie einschließlich der Arien in dieser Stimmlage. Das Werk büßt so natürlich Substanz ein, wirkt im Ergebnis schlichter – und bleibt doch in der Konzentration auf die Choräle und die Soli von Christina Bravo (Sopran), Denise Seyhan (Alt) und Florian Sauer (Bass) schlüssig und reich an musikalischem Glanz.

Hinreißend schön war Christina Bravos Part in der zauberhaften Arie „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“, ein Edelstein im so reichen Melodienschatz dieses Meisterwerkes. „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ kommt dramatisch bewegt im runden, warmen Ton Florian Sauers – er hat schon beim letztjährigen Karfreitagskonzert mit seinem klangschönen Bariton auf sich aufmerksam gemacht und war diesmal die meistbeschäftigte Stimme im Solistentrio. Denise Seyhan, Mezzosopranistin mit reicher Opernerfahrung aus Karlsruhe, hatte das dunkle Timbre ihrer farbenreichen Altstimme schon in „Von den Stricken meiner Sünden“ einnehmend erklingen lassen, bewältigte später das tieftraurige „Es ist vollbracht“ im klanglich schwierigen Dialog mit einer siebensaitigen Viola da Gamba. Reizvoll ausgemalt wurden auch jene Momente, in denen der Chor oder Solisten die Arien im Dialog noch profilieren, so etwa in „Mein teurer Heiland“ oder in der erwähnten Bassarie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“, in der Sauers Kolleginnen verstärkt wurden von Anna Risser als zweitem Sopran.

Klangsicher: die Bezirkskantorei

Bemerkenswert rund, klangvoll und sicher präsentierte sich der neu formierte Chor der Bezirkskantorei, er hatte immerhin mehr als ein Dutzend Choräle zu bewältigen bei diesem Auftritt. Das Orchester, ein Profi-Ensemble aus dem Rhein-Main-Gebiet, überzeugte ohne Abstriche, war im Gesamtauftritt ebenso wie in den so reizvollen Kleinbesetzungen mit ihrem feinen Zusammenspiel – etwa der Holzbläser zur ergreifenden Sopranarie „Zerfließe mein Herze“ in ihrem Flehen und Klagen – mehr als nur ein hoch kompetenter und spielfreudiger Begleiter.

Mag sein, dass nicht wenige an diesem Nachmittag in der lichtdurchfluteten Peterskirche wieder genauer hingehört haben auf die Karfreitagserzählung. Das Publikum zeigte sich mit seinem großen Applaus jedenfalls dankbar für das mutige Experiment der Bezirkskantorin Ulrike Heubeck und ihre Offenheit für neue Wege.

x