Donnersbergkreis Als nur noch sieben Sänger nach Bischheim fuhren

„Der gehorsamste Unterzeichnete ist so frei, königlichem Bezirksamt hiermit die ergebenste Anzeige zu machen, dass sich in hiesiger Gemeinde ein Gesangverein bildet.“ Mit diesen Worten meldete der Dorfschullehrer Ludwig Schultz am 16. April 1864 einen neu gegründeter Verein an: den Gesangverein „Germania“ mit Sitz in Steinbach. Schulz darf somit als Initiator des organisierten Chorgesangs in dem Dorf am Fuße des Donnersbergs angesehen werden. Heute, Samstag, und am morgigen Sonntag feiern die „Schdoabacher“ Sänger mit großem Programm ihr 150. Jubiläum.
Rückblick: Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich immer mehr Gesangvereine. Natürlich spielte dabei die Liebe zum Chorgesang eine wichtige Rolle. Aber auch die Einschränkung der Meinungsfreiheit sowie das Verbot von Burschenschaften und politischen Vereinen trugen ihren Teil zu dieser Entwicklung bei. In erster Linie waren es Bauern, die nach getaner Arbeit bei Gesang in geselliger Runde die Gemeinschaft pflegten. Streng waren die damaligen Vorgaben: Zwei Singstunden fanden pro Woche statt, jedes aktive Mitglied war zum regelmäßigen Besuch verpflichtet. Das Fernbleiben ohne Entschuldigung von drei aufeinanderfolgenden Chorproben hatte den Ausschluss aus dem Verein zur Folge. Das älteste heute noch erhaltene Notenblatt des Vereins befindet sich im Besitz von Armin Bauer und trägt auf dem Titelblatt die Aufschrift „Karl Bauer 1890“. Es enthält zahlreiche Liedtexte mit entsprechender Notenschrift, in feiner deutscher Handschrift gefertigt. Der junge Verein wollte sich verstärkt in das öffentliche Leben des Dorfes einbringen: Daher beantragte man im November 1891 die Erlaubnis, eine Verlosung und einen Ball zu veranstalten und aus diesem Grund die Polizeistunde hinauszuschieben. Die damalige Königliche Bayrische Regierung der Pfalz lehnte das Ansinnen jedoch ab: Sie gestattete nur eine auf Vereinsmitglieder beschränkte Verlosung. Dies war mit der Beginn der über Jahrzehnte hauptsächlich in Gesangvereinen beliebten Christbaumversteigerungen. Auch ansonsten hatte die Geselligkeit einen hohen Stellenwert: Sängerfeste der Brudervereine in der Umgebung wurden besucht, Familienabende durchgeführt und Theater gespielt. Hinzu kamen Sommerfeste und Jahresausflüge. Schon damals hatte der Jubiläumsverein über die Gemeindegrenzen hinaus eine herausragende Rolle im kulturellen Miteinander. Die Liederabende hatten einen besonderen Flair: Die Gastvereine sind an den Ortseingängen abgeholt worden und durch die meist festlich geschmückten Straßen zum Veranstaltungsraum gezogen. Im März 1900 bekam der Gesangverein ein Problem mit dem Bezirksamt: Er habe öffentlich ein Theaterstück aufgeführt, obwohl die ortspolizeiliche Genehmigung verweigert worden war. Über das Verbot war auch das Pfarramt verständigt. Daraufhin erstattete das Bezirksamt Strafanzeige: Jakob Bauer II wurde per Strafbefehl des königlichen Amtsgerichts Winnweiler zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten und drei Tagen verurteilt. Das trübte jedoch keineswegs die Freude am Theaterspiel und in den Folgejahren gibt es weitere Aufführungen – nun offenbar mit der erforderlichen Genehmigung. Der erste Weltkrieg hinterließ auch beim Gesangverein Spuren. Aber unmittelbar nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen startete man einen Neuanfang: Chorgesang und Theaterspiel wurden fortgesetzt. Schon wenige Monate darauf war auch der Steinbacher Verein von der Geldentwertung betroffen – das Jahr 1923 schloss man mit einem Kassenbestand von 100.148.866 Mark ab. In diese wirtschaftlich schwierige Zeit fielen die Querelen mit dem Turnverein. Wegen einer Schlägerei im März 1924 nach einer Theatervorstellung in der Turnhalle hatten sich im Turnverein zwei Gruppen gebildet. Diskutiert wurde zwischen Parteien, ob der Gesangverein weiterhin seine Proben in der Turnhalle abhalten darf. Ergebnis der Diskussionen war eine Nutzungsverordnung: Das Durchführen von Singstunden wurde demnach abgelehnt, die Ausrichtung von Veranstaltungen gegen eine angemessene Gebühr aber erlaubt. Folge: Fortan veranstaltete der Gesangverein in der Turnhalle weder Theateraufführungen noch Singstunden. Die Chorproben fanden in den nächsten Jahren in Gaststätten, später im Schulsaal, dann im Vereinslokal und schließlich im Bürgerhaus statt. Um das Jahr 1929 schwebte kurzzeitig der Pleitegeier über dem Verein: Das Geldvermögen schmolz auf kümmerliche 27 Pfennige. Doch von diesem finanziellen Tief erholte sich der Verein sehr schnell, schon Ende 1932 bewegten sich Vereinsleben und Finanzen wieder im gewohnten Rahmen. Aber bereits 1936 kämpfte der Verein erneut ums finanzielle Überleben und schloss das Jahr mit einem Überschuss von zwei Pfennigen ab. Diesmal dauerte das Dilemma deutlich länger an, auch die Zahl der Sänger war stark rückläufig – im Juni 1939 fuhren gerade mal noch sieben Sänger zum Sängerfest nach Bischheim. Danach kommt das Vereinsleben wegen des zweiten Weltkrieges vollkommen zum Erliegen. Im Februar 1954 startete die Wiederbelebung des Vereins: Eingeladen wurde mit der Ortsschelle, 27 sangeswillige Männer kamen zusammen. Schnell stieg die Zahl der Aktiven auf 45, das Vereinsleben pulsierte. Zwischenzeitlich wurde aus dem Gesangverein der Männergesangverein „Germania“. Liederabende wurden gefeiert, Tagesausflüge organisiert. Als Kulturträger leistete der Verein seinen Beitrag zu einem intakten Dorfleben. Über viele Jahre konnte die große Anzahl von Aktiven gehalten und ein breit gefächertes Vereinsleben geboten werden. Um die Jahrtausendwende war die Zahl der Mitglieder zwar rückläufig, die Anzahl der Sänger mit 27 aber weiterhin konstant. Im Jubiläumsjahr haben die Steinbacher wie viele Gesangvereine mit Problemen zu kämpfen – dennoch ist der Verein aktiv und begegnet äußeren Einflüsse mit individuellen Ideen. (llw)