Bad Dürkheim Zorn neu entdecken

Kabarett darf alles. Das hat Christoph Sieber am Donnerstagabend in der Lutherischen Kirche in Wachenheim eindrucksvoll gezeigt. Dabei war es ihm besonders wichtig, nicht nur mit heiteren Beobachtungen zu unterhalten, sondern auch mit ernsten Worten zum Nachdenken anzuregen. Die Folge: Andächtige Stille wechselte sich mit lautstarkem Gelächter ab.
„Sie müssen mit allem rechnen, denn ich bin gut drauf“, begrüßte der in Köln lebende Kabarettist sein Publikum, bei dem er sich gleich zu Beginn kräftig einschleimte: „Ich bin schon so oft hier vorbeigefahren und habe jedes Mal gedacht: Wenn ich doch nur einmal in Wachenheim spielen dürfte“, sagte er freudestrahlend und hatte damit die Aufmerksamkeit direkt auf seiner Seite. Dass man bei ihm wirklich mit allem rechnen muss, zeigte er anschließend mit einem wilden Ritt durch die Welt der Politik und des Alltags. Dabei gelang es ihm selbst bei den ernsten Thematiken nie den Unterhaltungswert außer Acht zu verlieren und dennoch eine nachhaltige Wirkung zu hinterlassen. Die Politik sei verkommen zu einem Selbstbedienungsladen. „16 Jahre Kohl werden uns rückwirkend kurz vorkommen, denn die Merkel werden wir nicht mehr los“, prophezeite Sieber, der gleich noch einen draufsetzte: „Diese Regierung will nichts.“ Als Beispiel führte er das Vorhaben eines flächendeckenden Mindestlohns an, der allerdings „nicht jetzt und nicht überall“ komme. „Da kann ich auch zu meiner Frau sagen: Schatz, ich liebe dich, aber nicht jetzt und auch nicht für immer“, veranschaulichte er das politische Nicht-Vorankommen. Auch so manche technische Neuheit nahm er gekonnt aufs Korn. So zum Beispiel das wassertaugliche i-Pad. „Wie oft habe ich schon beim Schwimmen im Schwimmbad gedacht: Wenn ich jetzt meine Mails abrufen könnte“, witzelte er, während er dabei Schwimmbewegungen ausführte, die allein schon dafür sorgten, dass so mancher vor Lachen auf seinem Stuhl hin- und herrutschte. Seine Bemerkung, dass man damit ja auch schnell Fotos der Beckenkacheln in Facebook stellen könnte, verlängerte den Lachanfall nur noch. Allerdings war Sieber nicht nur daran gelegen, mit solchen leicht verdaulichen Überlegungen zu unterhalten. Stellenweise hatte er schwere Kost anzubieten, die jedoch auch zu überzeugen wusste und der guten Stimmung keineswegs schadete. „Frau Merkel hat uns schon lange aufs Bänkchen gesetzt, wir drücken Knöpfe, damit wir beschäftigt sind und warten auf einen Bus, der niemals kommt“, fasste er die aktuelle Lage zusammen und plädierte dafür, den aus früheren Jahren wirkungsvollen „Zorn des kleinen Mannes“ wieder zu entdecken. Mit einem lauten Schrei trainierte er mit den Wachenheimern, die sich ohne Zögern an dieser Übung beteiligten, schon einmal, wie man richtig zornig wird. Sieber überzeugte ebenfalls als Trennungsbeauftragter der Regierung, die festgestellt habe, dass „eine Demokratie ohne Volk viel einfacher wäre“, und überraschte als Rapper, der wild über die Bühne tanzte. Seine Jonglierfähigkeiten beschränkten sich nicht nur auf den Umgang mit Wörtern, auch drei Bälle hatte er problemlos unter Kontrolle und untermauerte damit zusätzlich seinen Vortrag, mit dem er die Anwesenden nicht nur bestens unterhielt, sondern zugleich mit reichlich Denkanstößen versorgte. (lai)