Bad Dürkheim „Uns hängt de Donald so weit aus’m Hals“
Sitzfleisch musste jeder selbst mitbringen, für Unterhaltung war bei der Prunksitzung der „Derkemer Grawler“ fünfeinhalb Stunden lang in der voll besetzten Salierhalle bestens gesorgt. Die Karnevalgesellschaft brillierte wie immer mit ihrem tänzerischen Nachwuchs.
Die überwiegend von Gästen bestrittenen Büttenreden waren dem Kokolores gewidmet und weniger politisch. Lediglich Vizesitzungspräsidentin und Protokollerin Heike Zabeck nahm den politischen Ist-Zustand kritisch-närrisch unter die Lupe. Grawler-Chef Falco Weidenhausen bekam ein Geburtstagsständchen gesungen: Er wurde just am Samstag 39 Jahre alt. Wenn es die Narren nicht gäbe, man müsste sie erfinden, denn: „Wer zu ernst nimmt diese Welt, geht an ihr zugrunde“, machte Sitzungspräsident Horst Seitz Stimmung gegen „Mucker und Philister“, und an diesem Abend hielten sich selbige denn auch sehr bedeckt. Noch bevor der Vorhang hochging, machten sich die Gardemädchen Lena Weidenhausen, Noelia Sammet und Cecilie Herzberger in ihrer von Linda Wingerter geschriebenen Bütt das Motto der Prunksitzung zu eigen „Wir feiern mit unserer Stadt 600 Jahre Wurstmarkt“. „Postfaktisch“ und „Fake-News“ zogen sich durch die Bütt von Protokollerin Zabeck, die als Wahrsagerin antrat: „Die Wahrheit gibt’s nicht mehr bei Google, sondern nur in meiner Kugel.“ Mehr als ein Viertel aller Programmpunkte des Abends bestritt der Grawler-Nachwuchs mit Tanznummern – Garde, Schau- und Mariechentanz – von den goldigen Grawler-Zwergen im Vorschulalter, bis zu der Schautanzgruppe im Teenager- und Twen-Alter. Wofür die Trainerinnen der verschiedenen Tanzformationen Nicole Straub, Ina Harig, Michaela Glaser, Alexandra Weidenhausen, Corinna Hornig und Christine Herzberger das Jahr über ihre Freizeit investieren, begeisterte einmal mehr Publikum und das närrische Komitee auf der Bühne, kommt doch der närrische Nachwuchs meist aus diesen Reihen, wie Tanzmariechen Jule Harig demonstrierte: Zuerst mit einem akrobatischen Tanz und mit einer kurzen Büttenrede. „Mich braucht man nicht motivieren, ….Mariechentanz ist Elixier.“ Als Aushilfskellner aus Mainz zielten Julian Seitz und Frank Brunswig mit viel Wortwitz auf die Lachmuskeln der Besucher. „Moi Kind hääßt emol Lisa“, „Unn wenn’s en Bu wird?“, „Dann hodder’s schwer“, so ein Dialog. „Ei Bub“, machte in typisch Määnzer Tonfall der stolze Papa Seitz keinen Hehl daraus, wer da vor ihm stand, um sich das Weinpräsent abzuholen. Nachbarliche „Nettigkeiten“ tauschten Frau Schrullig und Frau Knodder aus. Dahinter verbargen sich die beiden Grawler-Aktiven Waltraud Malschofsky und Jutta Zehner. „Zum Fresse und eine Sünde wert“, fanden sie den Dürkheimer Bürgermeister. Etwas für die Frauenquote hatte die „Leiningische Schlossgarde“ getan und trat mit Marketenderinnen zum „graziösen“ Gardetanz an. Sie wurden vom Publikum mit kräftigem Applaus für ihre getanzte „Hämmerchen-Polka“ bedacht. Den Gardetanz in Reinkultur führten aus der rheinischen Fasnacht die Gäste der „KG Altstadtfunken Opladen vor. Gemünzt auf die Verhohnepiepelung alles Militärischen waren die Opladener mehr als einen Hingucker wert: Die Blümchen im Gewehr, die prächtigen Uniformen, der Koch mit seinem riesigen Suppenlöffel, auch der Tanz selbst diente dem lächerlich machen von Befehlston und militärischem Drill. „Uns hängt de Donald so weit aus’m Hals“, widmeten die Stadtplatzpenner Berti Senft und Horst Seitz den geplagten Kallstadtern ein Lied. Das musikalische Duo Marike Senft und Christoph Glogger gingen frei nach Georg Kreisler „Tauben vergiften im Park“. Die Tränen in die Augen trieb einem Jens Gabler als Hausmeister, mit seiner „Schwiechermudder, es Herta.“ Ähnlichkeiten mit Heinz Becker, alias Gerd Dudenhöffer, drängten sich da auf. Eine Bank in der Grawler-Prunksitzung ist seit Jahren Musikprofessor Werner Beidinger. „Früher war Sex, Drugs and Rock n’Roll, heit iss Vegetarier und Lactoseunverträglichkeit“, mokierte er sich. Ebenfalls mit den Saarländern hatte es „Molli“, alias Oliver Sauer: Er assoziierte gelbe Reizwäsche und gelbe Säcke. Nach so viel Lachen und Klatschen war das Publikum satt, und Bernd Wehrum hatte es schwer im Buhlen um seine Aufmerksamkeit. Sie reichte gerade mal eben so noch zum Mitsingen der Kurt Dehn-Lieder... Weitere Bilder in der App |mkö