Bad Dürkheim
Tafel: Wie Ehrenamtliche Dutzende Bedürftige versorgen
Eine Tomate macht den Unterschied. Ist in der Packung nur eine faule dabei, wird der Supermarkt das ganze Gebinde nicht mehr anbieten. Dass nicht das ganze Gemüse im Müll landet, sondern bei Bedürftigen ankommt, dafür sorgen in Bad Dürkheim zwischen 60 und 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tafel.
Am Dienstagmorgen vor den Osterfeiertagen sind gut ein Dutzend davon im Einsatz. Dienstag ist einer der beiden Wochentage, an denen die Fahrer Lebensmittel abholen – unter anderem Tomatenpäckchen mit unschönen Einzelfrüchten.
Seit Kurzem arbeiten die Helfer in renovierten Räumen. 20 Jahre lang sei im Gebäude in der Gaustraße fast nichts gemacht worden, erklärt Tafel-Vorsitzender Werner Grill. Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen, die Technik soll funktionieren. Es gibt einen neuen Boden, was noch fehlt, ist ein Kühl- und Heizsystem, sagt Robert Schumann, der die Bauarbeiten begleitete. Die Anlage soll Ende April installiert werden. Investiert wurde ein niedriger fünfstelliger Betrag durch Spendengelder.
Schicht bis 14 Uhr
Im Pausenraum sitzen um 10 Uhr drei Frauen beim Kaffee. „Kein Vergleich“, sagt eine über den neuen Sozialraum. Er ist zwar klein, wirkt nach der Renovierung aber gemütlich. Lange Pause gibt es aber nicht: Gleich kommt die nächste Lieferung. Je nach Art und Umfang der Waren dauert die Schicht der Frauen noch bis 12 oder 14 Uhr.
Alles, was aus 23 Geschäften und Supermärkten kommt, muss genau geprüft werden. Dann werden Verpackungen geöffnet, schlechte Stücke wie unschöne Tomaten entnommen und die übrigen zurechtgelegt. Am Nachmittag folgt die Ausgabe, für die weitere Mitarbeiter im Einsatz sind.
Die Ehrenamtlichen helfen – von einer Stunde pro Woche bis „viele“. „Wir brauchen sie alle“, sagt Grill, auch wenn es Fluktuation gibt. Oft sind hier Rentner tätig, die altersbedingt irgendwann aufhören, erklärt Schumann. Der Bedarf schwankt. Aktuell gebe es sogar eine Warteliste für Helfer.
Vier Wochen war die Tafel wegen der Renovierung geschlossen. Der Betrieb sei allerdings anschließend reibungslos weitergegangen, sagt Grill. Am ersten Ausgabetag nach der Wiedereröffnung wurden 57 Familien versorgt, am zweiten fast genauso viele. Pro Familie sind es im Schnitt zwei bis drei Personen. Generell gilt zwar weiter ein Aufnahmestopp, wer aber Hunger leide, werde nicht abgewiesen, betont Grill. Durch die aktuelle Krise habe die Tafel nicht unbedingt mehr Kunden, sagt der Vorstand. „Die Anzahl schwankt immer hin und her“, sagt er. Nicht immer gebe es dafür eine Erklärung.
Die Mitarbeiter versuchen, alles zu verwerten. Was an verderblichen Lebensmitteln am Ausgabetag nicht weggeht, erhalten Foodsharer. Also Menschen, die ebenfalls Lebensmittel retten, aber nicht bedürftig sind. Grill betont: Erst wenn die Kunden versorgt seien, gingen Reste an Foodsharer. Was nicht mehr für Menschen geeignet ist, wird als Tierfutter weitergenutzt. Ein Bauer holt diese Reste ab.
„Sehen, riechen, schmecken“
Dass so viele Lebensmittel bei der Tafel landen, hat viel mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum zu tun. Im Kühlschrank liegen Waren, die schon bald ablaufen. Grill wundert sich über den laxen Umgang mit Lebensmitteln. „Das leisten wir uns als Gesellschaft“, sagt er mit Blick auf großzügig eingeschweißte Nudeln und Joghurt, die die Supermärkte palettenweise an die Tafeln abgeben.
„Sehen, riechen, schmecken“ sei hier das Motto. Und damit sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an diesem Morgen eben auch beschäftigt. Bei einer größeren Menge von Fertiggerichten wölbt sich das Plastik verdächtig nach außen. Das Essen wird nicht mehr verwendet. „Da gibt es keine Diskussionen“, sagt Grill.
Für die Sortierung verantwortlich ist Monika Schumann. Sie ist seit dreieinhalb Jahren bei der Tafel. Aufmerksam geworden ist sie auf die Einrichtung über einen Zeitungsartikel. Sie müsse in der Rente nicht die ganze Zeit auf dem Sofa sitzen, sagte sie sich. Also packt sie mit an, inzwischen auch im Vorstand.
Rehab Jawish arbeitet einmal in der Woche bei der Tafel. Das habe sie bereits vor Corona getan. Seit der Pandemie sei sie seit zwei Jahren wieder im Einsatz. „Ich helfe“, sagt die Frau, die aus Syrien stammt, während sie Gemüse sortiert.
Fürs Lager ist Dirk Schreckenberg verantwortlich. Er ist seit etwa dreieinhalb Jahren bei der Tafel und hat seit zwei Jahren die Aufgabe übernommen, die Bestände im Blick zu halten. Er achtet darauf, dass alles kontrolliert und sinnvoll abgegeben wird, beim Sortieren hilft er weiterhin. Hinten bei Schreckenberg stehen keine Tomaten, sondern Haltbares und Unverderbliches. Zwischen 30 und 50 Stunden im Monat sei er hier tätig, schätzt er. Er wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagt er über seine Motivation. „Ich kann jeden nur loben“, sagt Grill mit Blick auf die Ehrenamtler.
Was nach den Feiertagen wieder in Massen geliefert wird, kann Grill schon vor Ostern sagen: Schokohasen. „Wir haben auch noch Nikoläuse“, sagt Monika Schumann über das, was in der normalen Konsumkette rasant an Wert verliert. Glücklicherweise ist Schokolade lange haltbar, egal in welche Form sie gegossen wurde.