Bad Dürkheim Sprachbilder und Schattenspiele

Ganz aus der Nähe kamen die ersten Teilnehmer der Festwoche Türkei im Theater im Pfalzbau. Der Lyriker Hasan Özdemir, der in Freinsheim die Literarische Lese initiiert hat, las aus seinem jüngsten Lyrikband „Geschälte Sätze“. Das Hof-Theater-Tromm aus dem Odenwald präsentierte das Begegnungsstück „Du und Ich“, in dem zwei Kinder über die jeweils fremde Sprache des anderen zum Miteinander finden.
Was macht es für einen Unterschied, ob einer in einem anatolischen Dorf zur Welt und erst als junger Erwachsener nach Deutschland kam, wenn er so deutsche Gedichte schreibt wie Hasan Özdemir? Ein Akzent immerhin ist ihm geblieben, auch seine Sprachbilder sind von natürlicher Poesie, unverbraucht und unverkrampft. Zwischen dem Gedichtvortrag spielte Muhittin Temel die türkische Harfe. Auch Temel musste nicht weit anreisen, lebt in Mannheim und ist Mitbegründer der Orientalischen Musikakademie. Özdemir hat auch Erzählungen und ein Theaterstück geschrieben, das bei einer früheren Festwoche uraufgeführt wurde, aber er ist ein Vollblutlyriker geblieben. Er hat einen eigenen Ton, einen individuellen Sprachduktus und eben die Themen, die immer und überall die Themen der Lyrik sind. Tagesaktuelle Trends, von denen Lyrik keineswegs frei ist, interessieren ihn nicht. Im Lauf der Jahre sind seine Gedichte immer kürzer und komprimierter geworden. Der im Vorjahr erschienene Band „Geschälte Sätze“ vereint 50 von ihnen. Ein zentrales Thema ist die Zeit. „Ich male die Zeit und hänge sie an die Wand. Sie tickt weiter“. Sie ist „ein gemieteter Raum“, den er in Abschnitten unter die Lupe nimmt: „Einen blauen Anzug trägt der Mittwoch.“ Beobachtungen in der Stadt, die andere gar nicht wahrnehmen, werden zu Momentaufnahmen voller Musik: „Mit der Straßenbahn fährt sie weg, die Frau.“ Manchmal zieht er sich in sich zurück: „Am Rhein sitze ich nur so ohne Tiefe.“ Er denkt nach über Baum und Mensch, über das Glück und das Wort, über sein Leben hier: „Im Garten Deutschlands steht ein Baum. Er trägt saftige Früchte“. So einfach sich das anhört, will es doch hart erarbeitet sein: „Mühsam bringe ich die Sätze auf den Punkt.“ Um, wie er sagte, die Hörer einzubinden, hatte sich Hasan Özdemir etwas Neues ausgedacht. Freiwillige sollten jeweils eines seiner Gedichte lesen. Er hatte deren mehrere zur Auswahl vorbereitet. Nun fügte es sich, dass Profis des Worts unter den Hörern waren und die lasen himmlisch schön: Markus Schultz, Schauspieler aus Tromm, und Regisseur Jürgen Flügge, die Sängerin Nathalie Stadler und Intendant Hansgünther Heyme. Das Hof-Theater-Tromm hatte im Theaterfoyer ein naturbeiges Zelt aufgebaut, das 40 Zuschauer fasst. Wände und Decke waren faltenreich drapiert, der Boden mit Teppichen ausgelegt. Hier saß ein Mädchen und hielt eine kleine Trommel umklammert. Ein Junge kugelte herein und wollte sie haben. Das Mädchen schreckte zurück. Was sie sagte, verstand der Junge nicht. Was er sagte, verstand das Mädchen nicht. Trotzdem hatten sie viel Gemeinsames, was sich auch an den Kostümen ablesen ließ. Im Hin und Her wurde allmählich klar: Sie heißt Yasemin, er Benjamin. Bevor Sprache als Code verstanden wird, nimmt man sie sinnlich als Klang auf. Zusammen mit Regisseur Jürgen Flügge haben Canan Kir und Markus Schultz Spiel und Text entwickelt. Deutsch und Türkisch sind zwei grundverschiedene Sprachen, aber hier klingt die eine oft wie die melodisch-rhythmische Antwort auf die andere: Yasemin – Benjamin, du und ich – sen ve ben. Die beiden blutjungen Darsteller agieren mit viel körperlichem Einsatz und verschmitzter Spielfreude. Die kleinen Zuschauer ab drei Jahren folgten gebannt und oft auch mit Kommentaren ihren Sprach- und Kinderspielen. Verstecken, alte deutsche Fingerspiele, traditionelles türkisches Schattenspiel, Märchenerzählen mit Figuren und Aus-dem-Teppich-Lesen. Die musikalischen Klänge zu den sprachlichen machte Martina Pracht. Zum Schluss mit einem alten deutschen Kinder-Tanzlied waren alle Kinder eingeladen.