Bad Dürkheim Spezielle Versuchsreihe – Chemie stimmt immer

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Forschungschemiker, Führungskraft bei Weltkonzernen, Förderpreisstifter, auch mit 70 noch Freiberufler als Firmenberater – und nicht zuletzt Familienvater mit Zwillingsmädchen: Die Vita von Dieter Wagner hört sich interessant an. Auch ohne den Landesverdienstorden, den der Freinsheimer gerade für seine umfangreiche ehrenamtliche Tätigkeit vor allem für Hochschule und Kirche erhalten hat (wir berichteten).

Der gebürtige Nürnberger studierte in Erlangen Chemie, bevor er 1977 als Forschungschemiker zur BASF kam. Zur gleichen Zeit zog Wagner mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Freinsheim. „Wir wären eigentlich nach Dannstadt gezogen. Der Umzugswagen war schon bestellt, als der Vermieter eine Woche vorher ankündigte, er brauche das Haus selbst. Dann musste ich auf die Schnelle ein neues Haus finden, und das war dann zufällig in Freinsheim“, erzählt Wagner. Zufälle gab es in seiner Laufbahn einige. Etwa, als er erst neun Monate bei der BASF und noch in der Probezeit war, in den Werksgruppenvorstand des Verein Angestellter Akademiker (VVA) kam. Nach einer Umfrage des VAA unter den BASF-Führungskräften erklärte Wagner dem Konzernvorstand, dieser müsse sich aufgrund einer völlig falschen Führungspolitik nicht über die miese Stimmung im Werk wundern. „Aufgrund der Umfrageergebnisse konnte ich auch ganz klar sagen, was man meiner Meinung nach anders machen müsste“, erläutert Wagner. „Das war das Ende meiner Chemikerkarriere ...“ Denn mit seinen Vorschlägen hatte er seinen Arbeitgeber derart überzeugt, dass er als Leiter der Führungskräfteplanung und -entwicklung ins Personalressort wechselte. Nach siebeneinhalb Jahren übernahm er gar die Leitung des Personalwesens in Ludwigshafen. „Meine Freude hielt sich in Grenzen“, bekannt Wagner. „Ich hatte doch keine Ahnung von dem Job und bis dato maximal vier Mitarbeiter. Plötzlich waren es 850 ...“ Die Abwendung von Chemie und Forschung bereut Wagner nicht. „In der Chemie lernen Sie, aus hochkomplexen Dingen einzelne Grundbausteine herauszulösen und hieraus wieder neue komplexe Dinge aufzubauen. Das komplexeste Gebilde, das ich kenne, ist der Mensch. Wenn man sich dort die Grundverhaltensmuster klar macht, kann man unglaublich viele Erklärungen finden, warum sich jemand wie verhält“, sagt Wagner. Respekt vor den Menschen und Zuhören haben für ihn als Führungskraft oberste Priorität. „Kommunikation beginnt mit Zuhören. Das kann man sich leicht merken, weil der Mensch zwei Ohren und einen Mund hat. In diesem Verhältnis sollte man kommunizieren.“ „Als ich nach gut sechs Jahren das Gefühl hatte, es merkt nicht mehr gleich jeder, dass ich keine Ahnung von Personal habe, kam ein Anruf aus der Vorstandssitzung“, erzählt der Freinsheimer. Er sollte als Geschäftsführer nach Argentinien. Wichtig war ihm aber die Unterstützung seiner Familie. „Sie muss dahinterstehen, sonst funktioniert das nicht.“ Ein Angebot für Brasilien hatte er ein Jahr vorher deshalb noch abgelehnt. „Meine Töchter standen damals kurz vor dem Abitur, das konnte ich nicht verantworten“, erklärt der Vater. Große Hochachtung hat er vor seiner Frau, die für den Umzug nach Argentinien ihren Lehrerberuf aufgab. „Meine Frau war genauso engagiert in ihrem Job wie ich in meinem. Zu Hause war sie Lehrerin, Mutter, hatte ihr soziales Umfeld. In Buenos Aires erst mal nichts. Unsere Töchter sind in Deutschland geblieben, das war auch schwer“, erinnert sich Wagner. Heftige Tränen habe es gegeben, sowohl beim Abschied nach Argentinien als auch vier Jahre später, als es genauso überraschend wieder zurückging. „Da gab es noch mehr Tränen. Das zeigt am besten: Es war eine unglaubliche Zeit dort.“ Zurück in Deutschland übernahm Dieter Wagner die Leitung der BASF-Düngemittelproduktion. Und mit deren Ausgliederung stand für ihn der nächste Wechsel an. „Ich wollte mit meiner Frau gerade ein paar Tage an die Ostsee fahren“, erzählt er. Da erhielt er einen Anruf, ob er Vorstandschef der Knoll AG werden wolle. „Außer dass ich keine Ahnung von Pharma hatte, gab es keinen Grund, der dagegen sprach“, sagt Wagner. Seinen neuen Posten trat er im Juli an, im Oktober erfuhr er von den Plänen der BASF, sich weltweit aus der Pharmaindustrie zu verabschieden. Abbott übernahm Knoll – und nach gut drei Jahren als Divisional Vice President bei Abbott verabschiedete sich Wagner mit 58 Jahren aus der Firma. „Mir war bereits mit Anfang 30 klar, dass ich mich später als Berater selbstständig machen möchte. Daher hatte ich einen Altersteilzeitvertrag abgeschlossen.“ Daneben engagiert er sich ehrenamtlich besonders an Hochschulen. Er habe immer das Ziel verfolgt, Praxis und Theorie nicht zu weit auseinanderdriften zu lassen. Im Jahr 2014 rief er den Förderpreis der Familie Wagner ins Leben. “ Der Schröter-Preis, den es vorher für herausragende Abschlussarbeiten im Sozial- und Gesundheitswesen gab, sollte nicht mehr verliehen werden, da der diakonische Gedanke nicht mehr ausreichend vertreten wäre“, erklärt Wagner. „Ich war so wütend über diesen Beschluss. Es geht nicht an, dass Leute, die sich dermaßen engagieren und solche hervorragenden Arbeiten unter hohem persönlichen Einsatz machen, nicht honoriert werden“, findet er. Trotz alldem sah er seine Familie stets als größtes Hobby an. „Ich habe mein Studium unterbrochen, als wir die Zwillinge bekommen haben. Den Begriff Hausmann gab es damals noch nicht. Aber meine Frau war Lehrerin und gerade fertig: Sie konnte Geld verdienen“, sagt Wagner. Daher habe er die beiden Mädchen groß gezogen. „Vielleicht haben wir deshalb auch heute noch so ein enges Verhältnis ...“ Nach dem Tod seiner Frau verbringt er Heiligabend diesmal allein. „Ich will das so. Nur wenn ich alleine bin, bin ich nicht alleine“, sagt Wagner. „Wenn Sie den Fernseher ausmachen, haben Sie trotzdem noch die Bilder vor Augen, beim Radio hat man noch die Musik im Ohr. Meine Frau ist bei mir“, sagt er. Und am ersten Feiertag kommen die Töchter mit ihren Familien traditionell zum Gansessen.

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