Bad Dürkheim
Social-Media-Verbot für Kinder? Bad Dürkheimer Jugendkomitee setzt auf Medienkompetenz
Seit Wochen diskutiert die Politik ein mögliches Social Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren für Plattformen wie Instagram, Facebook und TikTok. Für 14- bis 16-Jährige soll es eingeschränkte Nutzungsfunktionen geben. Die SPD stieß die Debatte ein, inzwischen wollen auch Teile der CDU ein entsprechendes Verbot, die CSU bremst das Vorhaben: Die Partei fordert mehr Angebote zur Medienkompetenz und Schutz vor jugendgefährdenden Angeboten. Die Bundesschülerkonferenz lehnt ein Verbot ab, Kinder- und Jugendärzte unterstützen hingegen den Vorstoß. Aber was halten junge Erwachsene vor Ort von der Debatte? Wir haben beim Jugendkomitee in Bad Dürkheim nachgefragt.
Aktuelle Sprecher des Jugendkomitees sind José Lopez Neugebauer (18) und Fynn Hoffmann (18), zuvor war Levi Hagen (18) Sprecher der kommunalen Jugendvertretung, die sich für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren in Bad Dürkheim einsetzt. Die drei jungen Erwachsenen eint die Einschätzung, dass ein Social Media-Verbot nur schwer umzusetzen ist und dass vor allem mehr Medienkompetenz vermittelt werden müsste.
Gefahren durch Cybermobbing und Pädophilie
So wie es aktuell geregelt ist, kann es aber auch nicht weitergehen, meint Neugebauer. Der Zugriff auf das Internet für Grundschüler sollte eingeschränkt werden, die Gefahren durch Cybermobbing und Pädophilie seien einfach zu groß. Hagen ist besorgt, dass Social Media mentale Probleme verursacht und populistische Ideen gehypt werden, für Hoffmann ist Medienkompetenz der Schlüssel zum sicheren Umgang auf Plattformen. Den von der Regierung diskutierten Vorschlag mit einem generellen Verbot für unter 14-Jährige lehnt das Jugendkomitee aber ab: Er greife zu kurz. Vielmehr sollten Kinder und Jugendliche an das Thema herangeführt werden und sich der Gefahren bewusst sein, schließlich ermögliche Social Media gerade Jugendlichen in ländlichen Regionen neue Erfahrungen: „So können wir uns aus der Bubble rausbewegen, sonst bekommen wir hier nicht so viel mit“, sagt Hagen.
Dabei sind die drei 18-Jährigen noch klassisch mit Spielen im Freien und Treffen mit Freunden aufgewachsen. Heutige Kinder kämen viel früher mit dem Internet und Social Media in Kontakt, wissen sie. „Für Kinder ist Social Media heute Normalität“, sagt Hoffmann. Und dass die dauernde Nutzung und das Endlos-Scrollen auf Plattformen für die Hirnentwicklung nicht gut sei, sei wissenschaftlicher Konsens. Allerdings, auch das wissen die Vertreter des Jugendkomitees, Verbote können umgangen werden. Das zeigten Erfahrungen in Australien. „Es gibt immer Schlupflöcher“, so Hagen.
Daher sei der Umgang mit Social Media eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch Eltern hätten eine Mitverantwortung. Sie müssten prüfen, mit was sich ihre Kinder im Netz beschäftigen und überlegen, welche App für welche Altersstufe geeignet ist. „WhatsApp ist was anderes als TikTok“, sagt Hoffmann. Zudem hätten Eltern eine Vorbildfunktion.
Plädoyer für Zeit ohne Handys
Generell plädieren die drei Heranwachsenden für handyfreie Zeiten: Hagen und Neugebauer engagieren sich bei den Pfadfindern, auf Lagern erleben sie, wie gut Kinder ohne Handy und Spielkonsolen auskommen. Sie präferieren eine gesunde Mischung aus echtem Erleben und dosierter Mediennutzung.
Das entsprechende Wissen dafür sollte frühzeitig in der Schule vermittelt werden, wenn möglich fachintegriert und fächerübergreifend, so Hoffmann. Verschiedene Aspekte könnten in den Fächern Kunst, Deutsch, Musik und Informatik vermittelt werden. Hoffmann, der von der Carl-Orff-Realschule Plus an das Wirtschaftsgymnasium in Ludwigshafen gewechselt ist, hat in Informatik viel über Programme, Datenbanken und Programmierung gelernt. „Ich weiß jetzt, wie ich eine Homepage gestalten kann, wie ich Fake News erkenne, wurde aber nicht thematisiert“, so Hoffmann.
TikTok-Trend: Looksmaxxing
Alle drei kennen Jugendliche, die sich im Internet radikalisiert haben, rechtsextrem geworden seien oder extremen Schönheitsidealen nacheiferten: So sei Looksmaxxing bei jungen Männern ein großer Trend. Der Hype beginnt bei Hautpflege und Fitnessprogrammen, manche spritzen sich Medikamente oder versuchen durch Mikrofrakturen im Gesicht markantere Gesichtszüge zu erzeugen. Manche Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund radikalisierten sich im Internet in Richtung Islamismus und Antisemitismus, weiß Hoffmann. Und das wirke sich dann wieder in der Realität aus. Kritisches Hinterfragen der Inhalte im Netz sei also nicht nur ein Selbstschutz, sondern auch notwendig für eine freie, pluralistische Demokratie.
Dabei müssten gerade das Erkennen von Fake News und der Schutz vor Radikalisierung auch dem Staat ein Anliegen sein, meint Neugebauer: „Aktuelle populistische Tendenzen zeigen das gesamtgesellschaftliche Problem. Wer mündige, kritische Bürger möchte, muss demokratiefördernde Aufklärung anbieten.“ Schließlich würde niemand einem 13-Jährigen erlauben, sich mit einem Islamisten oder einem Neonazi zu treffen, genau das passiere aber online im Netz, wissen Neugebauer, Hoffmann und Hagen.