Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel NS-Morde an Menschen mit Beeinträchtigung: Erinnerungsarbeit im offenen Gespräch

Zur Gesprächrunde begrüßt Johannes Instinsky die Gäste im Stadtmuseum.
Zur Gesprächrunde begrüßt Johannes Instinsky die Gäste im Stadtmuseum.

Am Sonntag schilderten Angehörige das Schicksal behinderter Menschen, die Opfer des NS-Regimes wurden. Die Gesprächsrunde im Dürkheimer Stadtmuseum fand großes Interesse.

Mit „NS-Zwangssterilisation und NS-„Euthanasie„-Verbrechen in der Familie“ war die Veranstaltung überschrieben. Wie betroffene Familien durch Verbrechen in der NS-Zeit geprägt wurden und wie sie sich bis heute mit den Folgen auseinandersetzen, zeigte eindrucksvoll der Austausch mit vier Angehörigen.

Am rahmengebenden Projekt „Erinnern für die Zukunft“ wirken Menschen mit und ohne Beeinträchtigung mit. Johannes Instinsky gehört dazu; er begrüßt rund 40 Zuhörer. Es folgen Einblicke in die Lebensläufe von drei NS-Opfern, und schnell wird klar: Das Bild von Menschen mit Behinderung war schon vor der Nazi-Diktatur geprägt von Vorurteilen, Fehlvorstellungen und Abwertung, untermauert durch „wissenschaftliche“ Aussagen über Nützlichkeit und Wert menschlichen Lebens.

Mantel des Schweigens

Hinzu kam, dass Behinderung oft mit Scham behaftet war, sodass viele Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen zu Hause versteckt oder in Anstalten von der Gesellschaft isoliert lebten. Wie die Gesprächsrunde zeigt, legte sich aber auch aus anderen Gründen über ihr Leben und Sterben ein Mantel des Schweigens.

Steffen Leger und seine Schwester Marion Geißler berichten über ihren Onkel Rudolf Leger. Als 17-jährige Schülerin beschäftigte sich Marion mit der Judenverfolgung und fragte ihre Eltern, ob niemand mitbekommen habe, wie Mitbürger abgeholt wurden. „Mein Vater sagte kein Wort, sondern verließ mit versteinertem Gesicht das Zimmer. So habe ich ihn vorher nie erlebt“, erinnert sie sich.

Von ihrer Mutter erfuhr sie dann, dass sein Bruder Rudi in Kindertagen abgeholt und in die Heilanstalt Frankenthal gebracht worden war. Rudi war körperlich eingeschränkt zur Welt gekommen, weil seine ledige Mutter sich eingeschnürt hatte, um ihre Schwangerschaft zu verbergen.

Bis zu diesem Gespräch haben Marion Geißler und Steffen Leger nichts von der Existenz ihres Onkels gewusst, der nun endlich ein Gesicht bekommt. Ein Bild von ihm wird im Saal projiziert, und man sieht ihn als freundlichen Buben, stehend in einer Kindergruppe. Über seinen Tod 1945 sagt Steffen Leger: „Er starb im Oktober, also mehrere Monate nach Kriegsende. Immer noch ließ man die Menschen verhungern.“

Aufwühlende Recherchen

Nachforschungen im Landesarchiv Speyer waren auch für Andreas Repp aufwühlend. Sie galten seiner Urgroßtante Katharina Numrich. Käthchen, wie sie sich selbst nannte, wurde 1899 geboren und kam 1926 in die Anstalt Klingenmünster. Sie wurde 1937 zwangssterilisiert und starb 1945. Auch ihr Tod ist auf systematische Vernachlässigung und Unterernährung zurückzuführen, die nach Kriegsende weiter andauerte.

„In der Familie wurde nur wenig über sie gesprochen“, sagt Andreas Repp. „Die Verantwortung abzugeben an eine Anstalt, das war schwer und führte bei vielen Angehörigen zu innerer Zerrissenheit.“

Auch Barbara Dörrenbecher hat die Akte über ihre Großmutter sehr bewegt. Und doch hatte ihre Familie besonderes Glück: Katharina, deren Zustand sich durch erhöhte Aggressionen ausdrückte, wurde „illegal“ wieder nach Hause geholt und lebte dort bis zu ihrem Tod. „Sie brachte mir viel bei, und ich hatte keine Ängste“, blickt Barbara Dörrenbecher zurück. „Es bleiben warme Gefühle für meine Großmutter.“

Auf die Frage eines Zuhörers, ob Menschen durch Initiative ihrer Familie eingewiesen wurden, sagt Moderatorin Lea Sümeghy Becker, dass sich viele überforderte Angehörige institutionelle Hilfe erhofften. Die schreckliche Konsequenz erfuhren sie erst später. Projektmitarbeiterin Siglinde Würges, die ausführlich in archivierten Akten recherchiert hat, weist darauf hin, wie unterschiedlich Dokumente ausfallen, auch was ihren jeweiligen Umfang angeht.

Die Schicksale fast vergessener Menschen, begleitet von Fotos, machen die Zuhörerschaft spürbar betroffen. Gerade weil es Angehörigen oft schwerfällt, darüber zu sprechen, ist ihre Offenheit bewundernswert. Zudem wird sie angesichts aktueller Entwicklungen immer wichtiger. „Wir müssen gegen die Aggressiven und Lauten unsere Stimme erheben“, sagt Andreas Repp unter Beifall, als die Gesprächsrunde endet.

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