Bad Dürkheim Mauer, sauer, rauer, Dauer

Chako, Toscana, Rotwein – bei der Kombination denkt man nicht auf Anhieb an mühsame Arbeit. Mit Recht, denn bei köstlicher Pizza in der Dürkheimer Trattoria „Toscana“ mit Christian „Chako“ Habekost zu dichten, ist für mich als „Mehrzweckschreiber“ ein großes Vergnügen. Ein Geständnis vorneweg: Ich habe schon gereimt, in letzter Zeit vorwiegend Liedtexte. Aber das ist ja was ganz anderes… Mit dieser männlichsten aller Ausreden bin ich bei meiner Frau selbstredend nicht durchgekommen. Um also meinem poetischen Selbstversuch einen Hauch von Premiere zu verleihen, hat sie dem Rheinländer die Erschwernis auferlegt, „uff Pälzisch“ zu reimen. Und mit wem ließe sich so ein Vorhaben besser angehen als mit dem „Palatinator“, dem Autor und Performer von „Mei Sprooch“, Dürkheims Mundartist Chako Habekost? „Hast du schon was vorbereitet?“, fragt der Profi nicht ganz unerwartet, nachdem Rosé und Roter vor uns stehen. Ein Thema habe ich tatsächlich vorzuweisen: Mir ist aufgefallen, dass in Orten mit langer Geschichte – ganz gleich, ob die Orte nun in der Eifel, in Franken oder der Pfalz liegen – die Ortsansässigen die historische Bausubstanz und ihren Wert meist unromatischer betrachten als die Zugezogenen. Das Thema wäre also „Die aldi Mauer“, womit sich die Aldi-Mauer assoziativen Denkern quasi thematisch aufdrängt. „Aldi Mauer, das ist gut. Mauer, sauer, rauer, Dauer…“, ist Chako gleich im Dichtmodus und kommt auf Touren. „Ich schreibe mir zuerst alle Reime auf, die mir einfallen.“ Nach den ersten Bissen Pizza schreibe ich also Mauer-Reime in mein Buch, und es entsteht eine beachtliche Liste. „Weißt du was, da schreiben wir in bester Hiphop-Tradition alles auf den einen Reim, alles auf Mauer“, sagt Chako und legt gleich mal mit ein paar möglichen Anfangszeilen los. Nach einem ziemlich langen Satz frage ich, ob das Muster für ein ganzes Gedicht rhythmisch tragfähig sei. „Das ist erst mal egal. In dieser Phase heißt es einfach Schreiben, Schreiben, Schreiben. Nicht bremsen oder hinterfragen, einfach aufschreiben. Deswegen kann ich so auch gar nicht mehr arbeiten“, sagt Chako und deutet auf meine Kladde, in der ich hurtig Notizen mache. „Am Bildschirm kann ich später verschieben, anpassen und löschen, das ist auf Papier so nicht machbar.“ So fliegen dann zwischen Pizza und Wein ganze Zeilen und Ideen hin und her und die meisten landen notgedrungen auf Papier. Doch dabei ergibt sich für den vor knapp 20 Jahren in die Pfalz gezogenen Gelegenheitspoeten eine Schwierigkeit: Pälzisch verstehen und Pälzisch aufschreiben sind zwei Paar Schuh. „Das ist für mich immer ein Kompromiss zwischen korrekter Phonetik und Lesbarkeit“, erläutert Habekost, auch promovierter Sprachwissenschaftler, und buchstabiert ein ums andere Mal. So entsteht, noch bevor die Espressi die ihnen zustehende Aufmerksamkeit verlangen, ein Sammelsurium von Zeilen um die alte Mauer. „Pizza-Essen ist dem Dichten natürlich eher abträglich“, bemerkt Chako. „Danach willst du dich doch eigentlich hinlegen, verdauen und jemand anderes für dich dichten lassen. Aber damit“, sagt Chako und deutet auf die Kladde, „hast du ja jetzt erst mal was zu tun.“ Tatsächlich reimt es sich dann Stunden später - auch ohne Mentor - am Laptop leichter. Löschen, verschieben, ergänzen, ordnen – was auf Papier ein Wirrwarr an Worten, Strichen und Pfeilen hinterlässt, bleibt auf dem Bildschirm immer ein sauberer Text. Und so entsteht, um an den kreativen Mittag anzuknüpfen bei einem weiteren Glas Rotwein, das Gedicht „Die aldi Mauer“. Am besten konsumiert bei einer Tasse Kaffee mit Chako Habekost als Vortragendem vor geistigem Auge und Ohr.