Bad Dürkheim Jeder ist Charlie, aber keiner hat Charlie

„Je suis Charlie“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Slogan, den seit 7. Januar jeder kennt, so viel wie „Ich bin Charlie“. Jeder ist quasi Charlie, aber keiner hat Charlie. Auch in Bad Dürkheim und Umgebung ist das Interesse an einer Ausgabe des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ groß. Das zeigt die andauernde Nachfrage bei Buch- und Pressegeschäften in den vergangenen Tagen.
Mindestens 20 Nachfragen pro Tag hatte Ulrich Szalata seit dem Tag, an dem Attentäter in Paris in die Redaktion eindrangen und sieben Leute erschossen. Erfüllen konnte der Betreiber des Presseshops gegenüber dem Dürkheimer Bahnhof keinen einzigen Wunsch. Er weiß selbst nicht, ob er diese Woche noch eine Ausgabe bekommt. Axel Muß aus der Geschäftsleitung des Frankenthaler Pressevertriebs Roth & Horsch GmbH bestätigt, was alle wissen: „Die Nachfrage ist riesig, aber es ist nix da.“ Der Pressevertrieb versorgt die ganze Region mit Presseprodukten, auch internationalen. Im vorliegenden Fall kann er aber nichts sagen, außer dass der in Köln sitzende Importeur Saarbach versuche, den deutschen Markt mit einer fünfstelligen Zahl an Exemplaren zu bedienen. Muß hält es eher für unwahrscheinlich, dass dies klappt. „Nicht mal die Nachfrage auf dem französischen Markt ist gesättigt“, weiß er angesichts der Bilder aus der Tagesschau. Vorbestellungen gibt es auch bei der Buchhandlung Ulrich am Stadtplatz. Dort hat man sich die Namen der Kunden aufgeschrieben, mehr konnte man nicht für sie tun. Ähnliches gilt für die Buchhandlung Frank, wo ebenfalls täglich drei, vier Leute nachgefragt hätten, wie es heißt. Interesse an einer wohl historischen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ haben auch Freinsheimer Leser: Beim Schreibwaren- und Buchladen Hartkorn haben sich 15 Interessenten bei Inhaberin Sonja Hartkorn-Schanzenbächer vormerken lassen. „Leider weiß ich aber nicht, ob ich am Samstag überhaupt ein Exemplar bekomme“, sagt die Geschäftsfrau in der Freinsheimer Hauptstraße Nummer 39. Der Grossist in Frankenthal wusste bei ihrem ersten Anruf nicht, ob er überhaupt eine Ausgabe nach Freinsheim wird liefern können. Gestern Nachmittag hakte Schanzenbächer nochmals nach, bekam aber keine genaueren Angaben. Nur, dass der Titel wohl um die vier Euro kosten wird. Sie selbst habe sich übrigens auch ein Heft mitbestellt. Es wäre dann das erste Mal in der langjährigen Geschichte des Schreibwarengeschäfts, dass das Satiremagazin über die Ladentheke geht, sagt die Chefin, die selbst seit fast 40 Jahren Zeitschriften verkauft. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt sie. Das deutsche Satiremagazin „Titanic“ führt die Inhaberin seit einem Jahr übrigens gar nicht mehr. Nur „eine unverbindliche Nachfrage“ gab es bis gestern Abend bei der Freinsheimerin Susanne Herstein. Sie betreibt seit zwei Jahren das Geschäft „Mein Lädchen“ im Herzen der historischen Altstadt. Sie zeigte sich gestern sogar etwas verwundert über das geringe Interesse an dem besonderen Exemplar, sicherte aber zu, dass sie auf Wunsch jederzeit Bestellungen dafür annehme. Dass sie die Wünsche erfüllen kann, scheint – Stand heute – eher unwahrscheinlich. Sicher ist dagegen laut Medienberichten aus Hessen nur, dass der Frankfurter Flughafen beliefert wird. Vier Relay-Filialen, von denen zwei angeblich nur mit Flugticket zu erreichen sind, verkaufen dort allerdings nur 43 Exemplare. Wie ein Online-Magazin berichtet, erzielte die letzte Ausgabe von „Charlie Hebdo“ von vor dem Anschlag teilweise einige Hundert Euro. Und die Google-Suchanfrage: „Wo kann ich ,Charlie Hebdo’ kaufen?“, erzielte gestern rund 224.000 Ergebnisse ... (als/dag)