Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Gesichter, die nicht wegsehen: „Der unperfekte Mensch“ in Galerie „Alte Turnhalle“

Fiktive Portraits zum Gedenken an psychisch erkrankte Menschen, die in der NS-Zeit ermordet wurden: Die Künstlerin Ingeborg Jung
Fiktive Portraits zum Gedenken an psychisch erkrankte Menschen, die in der NS-Zeit ermordet wurden: Die Künstlerin Ingeborg Jung verbrachte selbst viele Jahre als Patientin in der Psychiatrie.

Von Ausgrenzung und Vernichtung, aber auch von dem Wunsch dazuzugehören, erzählt die Ausstellung „Der unperfekte Mensch“ bei der Lebenshilfe in Bad Dürkheim.

Betritt man die Galerie „Alte Turnhalle“, die zugleich Atelier und Malwerkstatt ist, wird man von eindringlichen Blicken fixiert. Egal von welcher Position aus man ihnen begegnet, scheinen die mit Wachs- und Pastellkreide auf Tonpapier gezeichneten Gesichter den Betrachter direkt anzublicken. Durch die frontale Perspektive ähneln sie christlichen Ikonen, aber auch Götterdarstellungen des Alten Ägypten, deren Augen den Betrachter verfolgen, obwohl die Köpfe im Profil zu sehen sind. Und doch sind diese Bilder anders: Der Blick ist leerer, die Lippen zusammengepresst, die Haare sind mal braun, mal leuchtend blau, umfließen mal in langen Bögen die Schultern oder bedecken hutähnlich den Kopf. Die Portraits zeichnete die Grafikerin und Autorin Ingeborg Jung (Jahrgang 1951). Sie war über 30 Jahre lang Patientin einer psychiatrischen Einrichtung und möchte mit 100 fiktiven Portraits an die Ermordung psychisch Kranker während des Nationalsozialismus in Deutschland erinnern. Sie ist seit 1976 freie Künstlerin und lebt in Goch am Niederrhein.

Das wahre Schicksal des „Elefantenmenschen“

An einer anderen Wand sieht man einen Schwarz-Weiß gezeichneten Comic. Die Perspektiven sind verzerrt, erinnern an expressionistische Darstellungen von Vincent van Gogh oder Edvard Munch. Michael Runkel hat hier die wesentlichen Passagen des Films „Der Elefantenmensch“ zu einer Bilderserie verarbeitet. In dem Filmdrama von 1984 geht es um das Schicksal des durch einen Gendefekt „entstellten“ „John Merrick“ im viktorianischen London, der als „Elefantenmensch“ auf dem Jahrmarkt ausgestellt wurde. Der Chirurg Frederick Treves befreit ihn und führt ihn in die englische Gesellschaft ein. „Ich bin ein Mensch, ich bin John Merrick“, heißt es in der Schlüsselszene. Merrick möchte nicht als Exot gesehen werden, sondern dazugehören. Er scheitert. Die Geschichte beruht auf dem wahren Schicksal von Joseph Merrick (1862-1890). „So weit weg ist das nicht, wenn man bedenkt, dass Kleinwüchsige noch bis in die 90er-Jahre in einem Freizeitpark bei Neustadt als Sensation „ausgestellt“ wurden“, erinnert der Kurator Wolfgang Sautermeister, zugleich Leiter der Malwerkstatt für Erwachsene mit Behinderung.

Opfer mit Clownshüten

Beklemmend und künstlerisch beeindruckend ist das Werk von Wilhelm Werner aus dem Jahr 1938. Sautermeister hat die Nachdrucke von der „Sammlung Prinzhorn“ in Heidelberg für die Ausstellung ausgeliehen. Die Zeichnungen thematisieren die nationalsozialistischen Zwangssterilisationen an Menschen mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Behinderungen: Wilhelm Werner stellt die Opfer marionettenhaft zum Teil mit Clownshüten dar, die Sterilisation als das Entfernen von „Kugeln“ im Genitalbereich durch rauchende Krankenschwestern. Ein Arzt steht daneben. Besonders sarkastisch wird die Fahrt im „Sterilisationsbus“ dargestellt: Unten sitzen Männer mit Clownshüten, oben thront eine übergroße Krankenschwester mit Naziflagge, Spritze, Megaphon und einer Schüssel voller „Kugeln“, sozusagen als „Werbefahrt“. Im Vorwort seines Skizzenheftes bezeichnet Werner sich als Theaterregisseur, möglicherweise plante er Szenen für ein Marionettenspiel. Werner wurde mit der „Diagnose“ „Idiotie“ 1919 in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck eingewiesen und 1940 in der Tötungsanstalt „Sonnenstein“ im Zuge der „Aktion T4“ durch Nazis ermordet.

Hexen und ein heilender Jesus

Andere Werke zeigen Aktzeichnungen, Hexen, eine Auseinandersetzung mit Bruegels „Blindensturz“ oder dem heilenden Jesus. Sie sind in der Malwerkstatt entstanden. Außerdem sieht man Fotos von inklusiven Theateraufführungen und Performances. Sautermeister ist selbst seit den 90er-Jahren Performancekünstler, hat das Mannheimer Veranstaltungshaus Zeitraumexit mitbegründet und ist Leiter des „Ensemble Divers“, an dem auch einige der ausstellenden Künstler teilnehmen. Die Fotos sollen bewusst machen, wie ungewohnt es immer noch ist, Schauspieler oder Tänzer zu sehen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sei es durch Alter, Krankheit, körperliche Einschränkungen. Dabei sollten doch alle Menschen selbstverständlich an der Gesellschaft teilhaben – und sichtbar sein.

Die Ausstellung

  • „Der unperfekte Menschen“, Galerie „Alte Turnhalle“ der Lebenshilfe, Dr.-Kaufmannstraße 4, Bad Dürkheim. Eröffnung am Samstag, 21. Februar, 19:30 Uhr. Geöffnet bis 28. März jeweils sonntags von 14 bis 18 Uhr und nach Absprache. Kontakt per E-Mail info@wolfgang-sautermeister.de.
  • Führungen mit dem Kurator sonntags, 8. März, und 22. März jeweils um 15.30 Uhr. Am Samstag, 28. März, 19.30 Uhr, Performance des „Ensemble Divers“ zum Thema „Körper, Kreatur und Jubel“.
  • Ergänzend zur Kunstausstellung informiert im Stadtmuseum Bad Dürkheim die Ausstellung der Lebenshilfe „weil wir anders waren“ über Zwangssterilisierung und NS-Euthanasie – auch in Bad Dürkheim. Zu allen Veranstaltungen ist der Eintritt frei.
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