Gönnheim
Elwedritsch als neuer Anziehungspunkt
Sie kamen im Dunkeln: Am späten Freitagabend haben Köbes, Kult, Pyser und Twist erst mal ihren Einsatzort gecheckt. Die Mauer an der Grundstücksgrenze der Karosserie-Werkstatt Diehl weist von der Montagehalle bis zur Straße drei abfallende Höhenstufen auf. Die Wandoberfläche ist schrundig, übersäht mit Macken. Steinkanten, Bohrungen, Dübellöcher. Vor ihnen ein Stoppelacker, rechtshin die Haardt.
Und während die vier Künstler die Steinwand abtasten, auf sich wirken lassen und erste Überlegungen zum geplanten Großwerk anstellen, beginnen die Vorarbeiten. Hier muss das Orga-Team der Kulturinitiative um Heike Ditrich ran. Pinsel und Roller schwingend tränken die Aktivposten des Wine-Street-Art-Festivals die Wand mit Fassadenfarbe und Tiefgrund. Dann ist Nachtruhe.
Musik für zusätzliche Muse
Am Samstag um 8 Uhr legen dann die Sprayer los. Sie sind ein eingespieltes Team, nach kurzer Besprechung greifen sie zu weißen Dosen und erste Skizzen-Linien entstehen. Dabei übernimmt jeder eine Zone. Vorgaben habe es fast keine gegeben, berichtet Heike Ditrich im Nachgang, der Besitzer der Wand habe sich lediglich „was mit Natur“ gewünscht.
Pflanze? Tier? Steinernes Gebilde? Auf den weißen Imaginationslinien entstehen erste Farbflächen. Motivierende Musik quillt aus mobilen Boxen. Die Wand erwacht, lebt auf in Grüntönen. Magische Wildnis? Pfälzer Dschungel? Ein Kunstwerk sprayen ist für die „Bluebird“-Crew alles andere als ein stiller und stummer Prozess, immer wieder beraten sich die Künstler gegenseitig, oft werden die Plätze gewechselt. Das Arbeiten im rotierenden System gewährleistet fließende Übergänge und später eine Gesamtwirkung wie aus einem Guss. Denn den „blauen Vögeln“ geht es nicht um Einzelmotive wie beim klassischen Graffiti, sie wollen Kontinuität, eine Geschichte erzählen, in die man abtauchen und sich vertiefen kann.
Im kreativen Fluss
Gearbeitet wird vom Dunkeln ins Helle. Unterschiedliche Aufsätze auf den Dosen, genannt Fat Cap, Small Cap, Calligraphy Cap oder Needle ermöglichen verschiedenartigen Farbauftrag, wolkig, flächig, strichdynamisch oder kantenscharf. Geschrieben in Grün-, Grau- und Brauntönen beginnt die Wand Stunde um Stunde ihre Geschichte preiszugeben. Tannengrün, Koniferenblaugrün, Philodendronblättergrün. Gummibaumglanzgrün trifft Heimatpfalzgrün: Nature First. Hoheitsvoll blickt ein Reh aufs Feld, hinter einem Busch lugt rotäugig ein Pfeilgiftfrosch hervor. Steinerne Gebilde erinnern an Felsen, umgestürzte Grabsteine. Ruinen-Runen, lesbar als „Der blaue Vogel“, der Name der Künstlergruppe.
Arbeiten wie im Rausch: Köbes, Kult, Pyser und Twist kennen keine Pause, schaffen durch, sind im Flow. Nach zwölf Stunden ist das Werk vollendet. Mit Transparentspray werden letzte Highlights gesetzt, die die Blicke der Wandtiere lebendig und die Tautropfen auf den Blättern perlenrund machen.
Fabelhafter Blickfang
Doch was ist das? Keck, fast angriffslustig posiert ein blauer Vogel mit spitzem Schnabel. Krallenklauen, Reptilienhaut und Hörner zerstreuen jeden Zweifel. Es ist ein Elwetritsch. Zum dritten Mal hat das einheimische Fabeltier in Gönnheim Modell gestanden. Der Drachenschwanz lässt eine neue Spezies vermuten. Kenner schließen eine ornithologische Verwandtschaft mit dem Urvogel Archaeopteryx nicht aus.
Am Sonntag zieht das fertige Bild alle Blicke auf sich. „Der Betrachter ist der Kleine“, meint Ingrid Oberender aus Fußgönheim. Das Werk sei ein neuer Anziehungspunkt für das Dorf, findet Herbert Reinhardt. „Schön farbenfroh“, „leicht im Comic Stil“, sagen die jungen Eltern Martin (39) und Ulrike (38) aus Gönnheim. Tochter Theresa (4) gefallen der Frosch und der lustige Vogel. „Meisterhaft gearbeitet“, lobt Andrea Kolleth, Vorstand der örtlichen Landfrauen, das Werk, das die örtlichen Spezifika Haardt und Reben wunderbar integriere. Und Maximilian Meinhardt, der „Animation & Game“ an der Uni Darmstadt studiert, erinnert die Bildästhetik an Point-and-Click-Adventure der 1990er-Jahre. Nächstes Jahr zum 6. Wine-Street-Art-Festival soll das Bild auf zwei weitere Mauerabschnitte erweitert werden.