Bad Dürkheim Bürgermeisterwahl Bad Dürkheim: Der Igel sticht den Hasen aus

Blickpunkt: Tag 1 nach der Bürgermeisterwahl. Alle mögen es noch nicht fassen. Die SPD hat alles richtig gemacht, dank des Unterstützerkreises. Die CDU weiß, sie hat’s verbockt. Christoph Glogger begreift es allmählich. Ja, und auch Gerd Ester wirkt völlig entspannt.

Er werde für eine nahtlosen Übergang sorgen, sagte Wolfgang Lutz seinem frischgewählten Nachfolger unmittelbar nach der Entscheidung am Sonntagabend zu. Das war natürlich auf die Amtsgeschäfte gemünzt, in die der amtierende Bürgermeister den künftigen Verwaltungschef einführen muss. Ansonsten wäre ein nahtloser Übergang das Letzte, was die Anhänger und Wähler Christoph Gloggers sich wünschten ... Sie erwarten nämlich den „frischen Wind“, den der 45-Jährige versprochen hat. Nein, sie harren seiner bereits. Vielleicht war es einer der Gründe für Gerd Esters Scheitern, dass die Mehrheit der Wähler ihn noch zu sehr mit der bisherigen Politik der vollendeten Tatsachen im Rathaus und in der Partei verbandelt gesehen hat. Würde das Wahlamt die Wählerschar vergleichen können (was nach dem ersten Wahlgang auf unsere Anfrage hin laut Aussage nicht möglich war), käme vermutlich heraus, dass es Glogger und seinem Team gelungen ist, vor der Stichwahl insbesondere die jüngeren Generationen, die wählen gehen sonst eher als uncool empfinden mögen, an die Urnen zu ziehen. Das jedenfalls war die Beobachtung in Wahllokalen, und es würde den Anstieg der Wahlbeteiligung um fast zwei Punkte auf knapp 54 Prozent erklären. Nein, die meisten Dürkheimer wollten nicht länger fremdbestimmt sein. Sie wollten alljährlich beim Neujahrsempfang nichts mehr hören von der Kraft, Power und Einigkeit, die im bürgerschaftlichen Engagement dieser Stadt steckt, vom Geist der Gemeinschaft, der über ihr schwebt, und der sich dann in Pflanzaktionen an der Isenach erschöpft. Christoph Glogger hatte von Beginn seiner Kampagne ein feines Gespür dafür, dass es diesen Geist tatsächlich gibt – und dass er gelebt werden will. Wie früher in einer Lokalen Agenda, von der nur Müllsammeln übriggeblieben ist, oder beim Formulieren eines Stadtleitbildes. Wie viel Power war da vorhanden – und ist letztendlich verpufft. Glogger, ganz Kommunikationswissenschaftler, hat diesen Geist anscheinend neu geweckt: Zukunftswerkstatt, Bürgerprojekte, eigene Wahlabende als Foren zu den wichtigsten Themen wie B 271, Therme und Gesundheit – das traf wohl einen Nerv. Und derweil Glogger seit einem halben Jahr ständig präsent schien, überließ ihm die CDU anfangs ganz das Feld. „Das war ein Fehler von uns“, gestand Parteichef Reinhard Stölzel gestern unumwunden. Mit der Nominierung von Ester, dem Dürkheimer, habe sich die CDU zu lange auf der sicheren Seite gewähnt – trotz frühzeitiger Warnungen in der Fraktion und im Übrigen auch an dieser Stelle. Die CDU ging – durchaus zurecht – davon aus, dass Glogger sich erst einmal bekanntmachen müsse. Sie selbst wollte ihren Wahlkampf auf die letzten Wochen konzentrieren, die nach bisheriger Erfahrung als entscheidend galten. Was zu einer Art Hase-und-Igel-Effekt führte: Wohin Ester dann auch kam, etwa in die Ortsteile: Glogger war vorher schon dagewesen. „Sie haben es in den Ortsteilen verloren“, analysierte SPD-Parteichef Manfred Geis das CDU-Dilemma. Derweil Stölzel daran „noch zu kauen“ hatte, war Gloggers Triumph für Geis „immer noch kaum vorstellbar. Dass dieser Wunschtraum in Erfüllung geht ...“ Geis’ anfängliche Unsicherheit: „Wird das rüberkommen, dass unser Kandidat eine neue Qualität in die Politik einbringen kann?“ Sie wurde nach und nach zerstreut bei den Haus-zu-Haus-Gängen der SPD: Da habe man gespürt, sagt Geis, „dass viele Leute gemerkt haben, da ist was im Gange.“ Der SPD-Vorsitzende ist freilich auch ehrlich genug, die Rolle des sogenannten Unterstützerkreises hervorzuheben. Ohne diese Gruppe, die immer größer wurde, wäre Glogger, der mit Blick auf Landtagsambitionen Geis und Fraktionschef Ralf Lang ja schon eine Absage erteilt hatte, gar nicht angetreten. Erst die Unterschriftenliste von Leuten, die zum Großteil außerhalb der Partei stehen, hat ihn berührt und umgestimmt. Und gerade diese Gruppe entwickelte eine Dynamik, die nicht nur „die ganze Partei mitriss“, so Geis, sondern der auch der Gegenpart nichts Gehaltvolles entgegenzusetzen hatte. Gegen den Elan und den Einfallsreichtum der Unterstützergruppe wirkte selbst die Junge Union wie ein Altherrenclub. So aber bekam die CDU den Schalter nicht mehr umgelegt. Und Gerd Ester, der „noch nie Wahlkampf gemacht“ hat, war in seiner Doppelrolle als Beigeordneter und Geschäftsmann zu stark eingebunden, um das Ruder von sich aus herumreißen zu können. Denn zeitlich und physisch ist er eh schon an die Grenzen gegangen: „Mehr ging nicht.“ Er hätte sechs bis acht Wochen vor der Wahl größere Unterstützung gebraucht, weiß der 54-Jährige im Nachhinein. Er sagt das ohne Groll oder gar Schuldzuweisung. Für die Wahlkampfroutine – das Organisieren, Verteilen, die Infostände – waren genügend Leute da. Aber die Ideen, die Power der Gegenseite, die fehlte der CDU. Ein Sinnbild war der letzte Samstagmorgen vor dem „Stechen“ in der Stadtmitte: Derweil an Gloggers Stand Menschentrauben und Musik für Stimmung sorgten, herrschte um Ester herum eher Flaute und Funkstille. Was kurios ist und für die CDU ein Albtraum sein muss: Mit Berti Senft, Gloggers altem Pfadfinderkameraden, mit dem er am Sonntagabend bei der Siegesfeier vor der Cha-Cha-Bar erneut zur Gitarre sang, war just ein ehemaliger JU-Vorsitzender und überzeugter CDUler der Motor der Wende. Der Mittfünfziger weiß, wie Dürkheim tickt, ist nicht zuletzt durch seine Kinder am Puls der Zeit. Glogger attestierte ihm und seiner Truppe „eine ganz große Leistung. Wir haben die Menschen in diesem halben Jahr davon überzeugt, dass sie mir vertrauen können, dass sie mir das zutrauen.“ Dass er an seinen Versprechen gemessen werden wird und ab Januar liefern muss, ist ihm klar. Er selbst hat die Latte ziemlich hoch gelegt. Gerd Ester wirkte wie schon am Sonntagabend auch gestern noch eher erleichtert denn enttäuscht. „Ich fühle mich wohl.“ Ihm sei die Last der letzten drei, vier Monate genommen, wie sie das Amt mittlerweile doch mit sich bringe. Wenn Ester etwas macht, dann richtig, und da ist ihm die Doppelt- und Dreifachbelastung auf Dauer doch an die Substanz gegangen. Wenn er im Amt bleibt, in das er auf fünf Jahre gewählt ist, dann wohl nur mit neuem Zuschnitt der Ressorts. Ob er denn Beigeordneter bleibt, will Ester sich ab morgen im Urlaub überlegen. Geht es nach Reinhard Stölzel, ist das keine Frage: Er weiß, dass die CDU keinen gleichwertigen Ersatz hätte. Und fragt man die beiden Konkurrenten von gestern nach einem gemeinsamen Morgen, dann denken beide, dass dies funktionieren könnte. Die Chemie stimmt ohne Zweifel. Bad Dürkheim könnte kaum Besseres passieren.

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