Herxheim am Berg RHEINPFALZ Plus Artikel Anwohner verzweifeln am Verkehr: „Niemand will etwas dagegen tun“

Stau an der Ampelkreuzung in Herxheim am Berg.
Stau an der Ampelkreuzung in Herxheim am Berg.

Die Verkehrssituation in Herxheim am Berg hat sich durch das gesperrte Leistadt zugespitzt. Auf einer Ausweichstrecke gab es einen Unfall. Anwohner sprechen von Chaos.

„Die Situation eskaliert. Wir wissen einfach nicht mehr weiter“, sagt Patricia Venzke. Sie erträgt wie andere Anwohner in Herxheim am Berg den Verkehr nicht mehr, der sich durch den gesamten Ort quält. Seit der Sperrung von Leistadt sei die Situation noch schlimmer geworden. Dort wird zwei Monate lang Glasfaser verlegt. Venzke hadert außerdem damit, dass in Dackenheim wegen der maroden Bahnbrücke seit zwei Jahren kein Durchkommen möglich ist.

„Man bekommt im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern abgefahren“

„Alles muss durch Herxheim, nur will uns niemand hören oder etwas dagegen tun“, ärgert sie sich. Mit dem Hund traue sie sich fast gar nicht mehr auf die Straße, sagt die Anwohnerin des Pfaffenhofs. „Man bekommt im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern abgefahren“, meint sie. Die Anwohner in der Weinstraße und in der Hauptstraße könnten eigentlich gar nicht mehr vor die Tür. „So kann man nicht mehr leben. Der Ort geht kaputt“, schimpft sie. Es sei jetzt endlich an der Zeit, dass die neue B271 gebaut werde, um den Ort zu entlasten. Vor zwei Jahren sei sie nach Herxheim gezogen. „Der Verkehr wurde stetig schlimmer“, erzählt sie.

Unfall mit Motorradfahrer

Von einer „enorm erhöhten Gefahrenlage“ seit der Sperrung in Leistadt spricht Lisa Pfeifer, die mit ihrer Familie im Eulengeschrei wohnt. Die Straße werde jetzt gerne als Umleitungsstrecke benutzt, um den Stau an der Ampelkreuzung zu vermeiden, erzählt die aus Herxheim stammende junge Mutter. Die Folge: In der verkehrsberuhigten Straße werde gerast und auch über die Feldwege weiter gefahren. Am Freitag war hier auch ein Unfall passiert. Ein Audi-Fahrer, der aus Richtung Norden im Eulengeschrei unterwegs war und nach links in die Raiffeisenstraße abbiegen wollte, übersah eine von rechts kommende Motorradfahrerin mit Sozius. Beide stürzten und verletzten sich laut Polizeiangaben leicht.

Eigentlich verkehrsberuhigt: Doch „Im Eulengeschrei“ ist jetzt noch mehr Verkehr.
Eigentlich verkehrsberuhigt: Doch »Im Eulengeschrei« ist jetzt noch mehr Verkehr.

Sie habe andere Verkehrsteilnehmer auf den Unfall aufmerksam machen wollen, erzählt Pfeifer. Ein Autofahrer habe sogar noch beschleunigt und sei nur wenige Zentimeter an ihr und ihrem Sohn vorbeigerast. Sie hätte gerne Anzeige bei der Polizei erstattet, doch sie sei durch das Verhalten des Fahrers so geschockt gewesen, dass sie sich das Kennzeichen nicht gemerkt habe. „Die Aggressivität der Leute trägt viel dazu bei, dass man sich nicht mehr sicher fühlt“, erzählt sie. Auf der Straße zu spielen sei seit der Sperrung in Leistadt in dem verkehrsberuhigten Bereich für die Kinder nicht mehr möglich. „Meinen Sohn lasse ich auch nicht mehr mit dem Rad fahren“, sagt Pfeifer, der es schon jetzt vor dem großen Ausbau der Leistadter Ortsdurchfahrt graust. Dieser ist für Ende des Jahres angekündigt und soll zwei Jahre dauern. Sie wünscht sich, dass die Polizei öfter im Wohngebiet Streife fährt. Auch sei eine bessere Beschilderung im Eulengeschrei sinnvoll, findet sie.

Staus bis hinunter nach Kallstadt

Von einer eingeschränkten Lebensqualität berichtet Susanne Kuhn. Sie hat mit ihrem Mann Pascal ihrem Ärger in einer Mail an die Freinsheimer Verwaltung Luft gemacht. Herxheim am Berg werde zum Nadelöhr, erzählen sie und klagen über eine Verschärfung durch Lärm und Schadstoffbelastung. Der Verkehr staue sich ab der Ampel bis hinunter Richtung Kallstadt. „Die Situation ist derzeit unzumutbar“, sagen die Eheleute, die mit ihren zwei Kindern in der Hauptstraße direkt hinter der Tankstelle wohnen. Die aktuelle Umleitung wirke als Verstärker. Denn für Anwohner nahe der Durchgangsstraße bestehe eine permanente Grundbelastung. Eine Dorfentwicklung sei aufgrund dieser Situation gar nicht mehr möglich.

"Die Situation ist derzeit unzumutbar“

Susanne Kuhn erzählt, dass sie mit ihrem Mann vor fünf Jahren von Leistadt nach Herxheim gezogen sei. „Wir sind davon ausgegangen, dass die B271 bald gebaut wird“, sagt sie und hofft, dass bei diesem Thema „ein Umdenken im Ort stattfindet“. In der Vergangenheit seien insbesondere Bedenken aus Naturschutzgründen gegen den Bau der Umgehungsstraße vorgebracht worden. Diese Belange müsse man ernst zu nehmen. Das Wohl sowie der Gesundheitsschutz der Einwohner müssten aber stärker gewichtet werden, finden sie. Die aktuelle Entwicklung zeige, dass sich die Belastung massiv verschlechtert habe und Herxheim am Berg als Wohn- und Lebensort dauerhaft Schaden nehme.

Um die aktuelle Situation in den Griff zu bekommen, fordern Susanne und Pascal Kuhn regelmäßige Polizeikontrollen. Außerdem müsse die Ampelschaltung kontrolliert werden. Verkehrslenkungsmaßnahmen sowie Elemente zur Temporeduzierung seien ebenfalls zu prüfen.

Geschwindigkeit kontrolliert

Der stellvertretende Leiter der Dürkheimer Polizeiinspektion, Daniel Mischon, teilte auf Anfrage mit, dass aus Sicht der Polizei der Verkehrsunfall nicht unmittelbar mit der Umleitungssituation zusammenhänge. Ursache sei ein Vorfahrtsverstoß gewesen. Man sei zuvor am Vormittag mit einer Tempokontrolle in Herxheim am Berg präsent gewesen. „Trotz erhöhten Verkehrsaufkommens ergaben sich hierbei keine Hinweise auf außergewöhnliche Verkehrsbehinderungen“, teilte Mischon mit. Der Polizei würden bislang keine konkreten Bürgerbeschwerden zur aktuellen Verkehrssituation in Herxheim am Berg vorliegen. Grundsätzlich sei jedoch bei Sperrungen von Ortsdurchfahrten mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen auf den ausgewiesenen Umleitungsstrecken zu rechnen, so Mischon. Die Situation werde von der Polizei weiterhin „lageabhängig beobachtet“.

Viel los am Wochenende

Herxheims Bürgermeister Gero Kühner (SPD) ist nicht sicher, ob die derzeitige Situation so viel mit der Sperrung in Leistadt zu hat. „Das Wochenende war schrecklich. Wir hatten auch viel Motorradverkehr. Das lag auch an dem schönen Wetter“, meint Kühner. Mit Blick auf die Diskussion um die B271 fügte der Ehrenpräsident des Vereins „Pro Ost“ hinzu: „Wenn wir die Ost-Lösung schon hätten, würde jetzt kein Hahn danach krähen.“ Er werde sich aber beim Landesbetrieb Mobilität erkundigen, ob mit der Ampelschaltung alles in Ordnung sei.

Der Verkehr im Eulengeschrei liege insbesondere an Autofahren aus Weisenheim am Berg, die versuchen würden, der Ampelkreuzung auszuweichen. Er plädierte dafür, die B271 „in einem Guss“ auszubauen. Die Zeit, die jetzt durch das verlängerte Genehmigungsverfahren zwischen Ungstein und Kallstadt ins Land gehe, könne man schließlich nutzen, um derweil die Umgehung in Herxheim am Berg voran zu bringen, argumentiert Kühner. Damit könne auch verhindert werden, dass Herxheim am Berg bei einem Ausbau im Norden und Süden in die Zange genommen werde.

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