Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Altkleider-Probleme in Kommunen: Was beim Sammeln schiefläuft

Viele Kommunen kämpfen gerade mit überfüllten Altkleidercontainern.
Viele Kommunen kämpfen gerade mit überfüllten Altkleidercontainern.

Übequellende Altkleidercontainer, billige Mode: Abgelegte Kleidung wird selten recycelt. Textilwissenschaftler Michael Rauch weiß, warum – und wie jeder gegensteuern kann.

Kleidung wird immer schneller produziert, gekauft und weggeworfen. Gleichzeitig soll Textilrecycling künftig ein wichtiger Baustein der Kreislaufwirtschaft sein. Doch so einfach ist das nicht, sagt Michael Rauch von der Hochschule Hof. Vor seinem Vortrag bei der BUND-Kreisgruppe Bad Dürkheim spricht der Textilforscher über Fehlentwicklungen und mögliche Lösungen.

Herr Rauch, Sie sprechen von einem „Irrweg“ im Textilrecycling. Warum?
Weil das Thema viel komplexer ist, als es oft dargestellt wird. In der aktuellen europäischen Strategie wird Textilrecycling sehr stark betont, aber die gesamte Recyclingkette ist nicht zu Ende gedacht. Es fehlt zum Beispiel schon an funktionierenden Sammelsystemen. Gleichzeitig haben wir in Europa kaum noch eine Textilindustrie, die recycelte Fasern überhaupt weiterverarbeiten könnte.

Was meinen Sie damit konkret?
Früher gab es in Deutschland noch Spinnereien und Faserhersteller. Heute ist diese Industrie größtenteils ins Ausland abgewandert. Ein zentraler Schritt beim Recycling ist aber, Textilien wieder bis zur Faser zu zerlegen und daraus neue Garne zu machen. Wenn es diese Industrie hier kaum noch gibt, stellt sich die Frage: Wer soll das überhaupt tun?

Viele Kommunen kämpfen gerade mit überfüllten Altkleidercontainern. Was läuft dort schief?
Es fehlt ein klares Sammelsystem. In Frankreich hat man zum Beispiel ein flächendeckendes System von rund 44.000 Sammelstellen für Alttextilien eingeführt. In Deutschland war seit Jahren klar, dass neue EU-Regeln kommen, aber flächendeckende Lösungen wurden kaum aufgebaut. Deshalb sehen wir jetzt vielerorts Probleme bei der Sammlung.

Ist Recycling technisch so schwierig?
Ja, denn moderne Kleidung ist sehr komplex. Eine Jeans besteht nicht nur aus Baumwolle. Sie hat Metallnieten, Reißverschlüsse und oft Elastan im Stoff. Wenn man sie recyceln will, muss man diese Materialien erst trennen. Das ist aufwendig und teuer.

Spielt auch Fast Fashion eine Rolle?
Natürlich. Wenn T-Shirts für wenige Euros verkauft werden und Mode ständig wechselt, steigt der Verbrauch enorm. Der wichtigste Schritt wäre deshalb, weniger und dafür hochwertigere Kleidung zu kaufen.

Sollte Fast Fashion stärker reguliert werden?
Die EU sagt zwar, dass Fast Fashion problematisch ist. Aber konkrete Verkaufsbeschränkungen gibt es kaum. Letztlich müssen Industrie, Politik und Verbraucher gemeinsam handeln.

Was kann der einzelne Verbraucher tun?
Vor allem den Konsum reduzieren. Man muss nicht jede Modewelle mitmachen. Wer hochwertige Kleidung kauft, kann sie länger tragen. Das hilft mehr als viele Recyclingversuche.

Welche Rolle spielt das Design der Kleidung?
Eine große. Textilien müssten von Anfang an so gestaltet werden, dass sie recycelbar sind. Wenn alle Bestandteile aus einem Material bestehen, ist das deutlich einfacher.

Gibt es Hoffnung durch neue Technologien?
Ja, zum Beispiel bei der Sortierung von Altkleidern. Mit Kameras und Infrarotspektroskopie lassen sich Fasern heute automatisch erkennen. Künstliche Intelligenz kann helfen, Textilien besser zu sortieren. Daran wird intensiv geforscht.

Sie plädieren aber auch für andere Lösungen als Recycling. Welche sind das?
Man sollte offener denken. Neben Recycling kann auch Wiederverwendung eine Rolle spielen – etwa durch Secondhand oder Mietmodelle für Kleidung. In manchen Bereichen funktioniert das bereits, zum Beispiel bei Arbeitskleidung.

Worum geht es in Ihrem Vortrag in Bad Dürkheim?
Ich möchte zeigen, wie komplex das Thema wirklich ist. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Umweltschutz, sondern auch wirtschaftliche und soziale Aspekte. Am Beispiel der Textilien lässt sich gut sehen, dass einfache Lösungen selten funktionieren.

Zur Person:

Michael Rauch (66) ist Professor für Verfahrenstechnik der Textilveredlung an der Hochschule Hof in Bayern. Der gebürtige Oberfranke lebt heute in Weisenheim am Sand. Zuvor arbeitete er viele Jahre in der chemischen Industrie, unter anderem in Ludwigshafen. Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Textilchemie, nachhaltiger Produktion und Recyclingfragen. Rauch leitet Forschungsprojekte zu nachhaltigen Textilien und ist Präsident des Vereins Deutscher Textilfachleute. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich in der BUND-Kreisgruppe Bad Dürkheim.

Michael Rauch
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