Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Alte Liebe rostet nicht: Ein Oldtimer-Bus im Einsatz für die Mandelblüte

Wurde auf den Namen Traude getauft: der Mercedes-Cabriobus.
Wurde auf den Namen Traude getauft: der Mercedes-Cabriobus.

Der Cabriobus Traude, ein Mercedes-Benz aus dem Jahre 1950, ist ein rollendes Denkmal der frühen Bundesrepublik. Dass er fährt, hat er vielen Zufällen zu verdanken.

Wie ein riesiges Spielzeug erscheint der fast drei Meter hohe, 2,40 Meter breite und 9,30 Meter lange glänzend rote Bus mit der Schnauze und den Chromteilen. Durch die Panoramafenster sieht man das Bad Dürkheimer Riesenfass. Sofort ist der Oldtimer von Menschen umringt, die Fotos machen. Busfahrer Michael Eisen wartet auf die Fahrgäste, die eine Genusstour zur Mandelblüte gebucht haben.

Der Mercedes Benz-Bus O 3500 wurde 1950 in Stuttgart-Möhringen hergestellt und hat einen sogenannten „Auwärter-Aufbau“. Damals konnte man zu dem in Mannheim gebauten Lkw Chassis einen individuell gefertigten Aufbau bei einem Karosseriebauer bestellen. Die Stuttgarter Firma Gottlob Auwärter, Vorläufer von Neoplan, ist bekannt für ihre runde Formensprache: Die Dachlinie ist geschwungen, die Seitenscheiben sind gewölbt. Typisch für den Hersteller ist auch der Buckel am Heck, wo sich der Kofferraum befindet. Außerdem ist viel Chrom verbaut, was dem Bus eine elegante Ausstrahlung verleiht. Der „Überlandbus“ verfügt über Panoramafenster und ein Faltschiebedach, das sich über zwei Drittel des Fahrzeughimmels erstreckt. Klimaanlagen gab es damals noch nicht, zur Kühlung kann man auch die Frontscheibe einen Spalt ausstellen. Eine Heizung ist verbaut. Die Ledersitze sind gepolstert, Vorhänge dienen der Verdunkelung.

Erster Einsatz im Kloster

Dass der Bus heute fahrbereit ist, hat er etlichen Zufällen zu verdanken: Erstbesitzer war das Kloster „Heim vom Guten Hirten“ in Wien, wo der Bus zwischen verschiedenen Teilgebäuden pendelte und vermutlich auch landwirtschaftliche Produkte in die Stadt transportierte. Nach Auflösung des Klosters wurde der Bus zum Linienbetrieb in Österreich eingesetzt. Danach kaufte ihn ein Privatmann, der an der Restaurierung scheiterte: Das Fahrzeug landete als Hühnerstall auf einem Bauernhof.

Eher zufällig wurde es wiederentdeckt. Der Zustand war miserabel. Mithilfe eines Geldgebers aus Wien konnte der Bus vom österreichischen Omnibusmuseum geborgen werden, erste Restaurierungsarbeiten begannen. Im Rohbauzustand, also ohne Elektrik, erwarb ihn der Busunternehmer Walter Müller aus Massenbachhausen bei Heilbronn, der heutige Besitzer, der ihn weiter restaurierte, Lackier- und Sattlerarbeiten wurden in Auftrag gegeben.

Taufe bei den Retro-Classics in Stuttgart

2016 wurde der Bus bei den Retro-Classics in Stuttgart ausgestellt, er bekam einen Sonderpreis für die beste Restaurierung Europas. Im Technik Museum Sinsheim taufte man den Bus auf den Namen Traude. Bei der Zeremonie, die es so zum ersten Mal gab, war unter anderem auch Konrad Auwärter, ein Nachfahre der Karosseriebaufirma und Experte für historische Omnibusse dabei.

Sogar in einem Film spielte „Traude“ mit: Für den Film „Race“, der die Geschichte des Leichtathleten Jesse Owens bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erzählt, wurde sie im Tieflader nach Berlin transportiert, wehrmachtsgrau einfoliert und NS-Symbole angebracht.

16 Liter Diesel auf 100 Kilometer

Heute kann man Traude wieder in rot-weiß unter anderem für Nostalgiefahrten buchen. Sie arbeitet erstaunlich wirtschaftlich: Rund 16 Liter Diesel verbraucht sie auf 100 Kilometer. Sie hat 130 PS und 32 Sitzplätze, plus einen Klappsitz neben dem Fahrer für den Reiseleiter.

Würde man den Bus selbst fahren, wüsste man, woher der Begriff Kraftfahrer kommt: Es gibt keine Servolenkung. Deshalb müsse man, so Michael Eisen, den Schaltvorgang bereits vor der Kurve abgeschlossen haben, damit man beide Hände zum Lenken frei habe. Das Getriebe ist synchronisiert, man brauche kein Zwischengas. Ungewohnt ist die Drosselklappenmotorbremse, die mit einem Hebel am Lenkrad aktiviert wird. Zum Anlassen des Busses gibt es noch ein paar Handgriffe mehr als bei modernen Fahrzeugen, wie Eisen erklärt, und dabei ratternd-rüttelnd den Motor anlässt. Technik, die man spürt.

Die Serie

Ein Oldtimer ist per Definition ein Kraftfahrzeug, das in die Jahre gekommen ist. Für seinen Besitzer ist es jedoch mehr als ein altes Auto. Es steht für Nostalgie und Entschleunigung – und erfordert manchmal ganz schön viel Bastelarbeit. Wir stellen Oldtimer und ihre Besitzer vor.

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