Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Über den Kirchturm hinaus: Pastoralreferent Marcel Ladan über Begegnungen in Georgien

Beim Austausch mit den Besuchern aus Deutschland äußerte sich der Geistliche Archimandrit Dorothe Kurashvili kritisch.
Beim Austausch mit den Besuchern aus Deutschland äußerte sich der Geistliche Archimandrit Dorothe Kurashvili kritisch.

Wenn man an Georgien denkt, fallen einem Weinberge, orthodoxe Kirchen oder das Kaukasus-Gebirge ein. Doch wer das Land besucht, spürt schnell: Georgien ist mehr als das.

Ende September durfte ich mein gewohntes Umfeld in der Pfarrei Bad Dürkheim für einige Tage verlassen und reiste im Auftrag des Bistums Speyer (Referat Weltkirche) mit einer zwölfköpfigen Delegation aus Deutschland nach Georgien. Die Reise war organisiert von Renovabis, der Solidaritätsaktion der katholischen Kirche für Mittel- und Osteuropa.

Für alle Teilnehmenden war es der erste Aufenthalt im Land – auch für mich. Gleich zu Beginn zeigte sich, dass auf dieser Reise vieles anders sein würde: Mein Koffer blieb in München. Auf einer Urlaubsreise wäre das ein Drama gewesen, diesmal war es fast nebensächlich. Denn die vielen Begegnungen und Eindrücke rückten schnell viel Materielles in den Hintergrund.

Schon beim ersten Briefing durch eine Vertreterin der deutschen Botschaft wurde deutlich: Georgien ist politisch angespannt. Seit Monaten demonstrieren Menschen gegen eine Regierung, die zwar die Idee der Annäherung an die EU in die Verfassung schrieb, doch den Menschen gerade mit ihrer Politik das Gegenteil bezeugt. „Bleiben Sie bitte den Protesten fern“, lautete ein Hinweis. Doch fernhalten ließ sich das Thema nicht – zu präsent war es im Alltag, in den Gesprächen, in den Gesichtern der Menschen.

Aus wenigen Minuten werden mehrere Stunden

Besonders eindrücklich war der Besuch bei der Caritas in Tiflis. In der Suppenküche wurde gemeinsam gegessen, danach zeigte man uns die verschiedenen Einrichtungen: eine Tagespflege für Seniorinnen und Senioren, ein Mutter-Kind-Zentrum, eine Werkstatt für Jugendliche. In einem der Räume spielte ein älterer Mann Klavier, versunken in seine Musik, bis unser Applaus ihn aus den Gedanken riss. Eine Frau sang später für uns ein georgisches Lied – niemand verstand den Text, aber die Stimmung sprach für sich. Es war einer dieser Momente, in denen Nähe spürbar wird, auch ohne gemeinsame Sprache.

Auf dem weiteren Weg besuchten wir Akhaltsikhe im Südwesten des Landes, besuchten ein Zentrum für Menschen mit Behinderung. Besonders bewegend war der Besuch bei einer älteren Frau, die von der Caritas zu Hause gepflegt wird. Der Besuch war wohl für einige Minuten angedacht und dauerte dann mehrere Stunden.

Unglaublich schwierige Umstände

Natürlich fehlte auch der kulturelle Teil nicht: die Höhlenklöster von Wardsia, die alte Hauptstadt Mzcheta mit ihren Weltkulturerbestätten und die Gespräche mit Vertretern der orthodoxen Kirche. Besonders spannend: zwei Geistliche, zwei Sichtweisen. Der eine sprach diplomatisch über die offizielle Linie seiner Kirche, der andere, Archimandrit Dorothe Kurashvili, zeigte sich offen kritisch gegenüber der Regierung und plädierte leidenschaftlich für einen europäischen Weg Georgiens.

Zurück in Deutschland und schon längst zurück in meinem Alltag in der Gemeinde, kehren meine Gedanken immer wieder zu den Menschen in Georgien zurück. Die Reise stellte die Menschen in Georgien und die Projekte von Renovabis in den Mittelpunkt. Dürfte ich auch einfach etwas Persönliches von der Reise für mich mitnehmen oder müsste ich von den vielen spannenden Eindrücken einen hervorheben, dann ist es die Begegnung mit so vielen starken Menschen, die unter unglaublich schwierigen Umständen ihre Hoffnung nicht verlieren. Mir persönlich tut diese Erfahrung in dieser Zeit gut. Das zeigt mir auch, dass Solidarität und Hilfsbereitschaft keine Einbahnstraßen sind – sie verändern beide Seiten.

Der Autor

Marcel Ladan ist Pastoralreferent in Bad Dürkheim.

Marcel Ladan
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