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Dienstag, 12. Juni 2018 Drucken

Bad Dürkheim: Kultur Regional

Zwischen Wahrheit und Fiktion

TadW inszeniert „Der eingebildet(e) Kranke“ auf der Limburg – Regen fordert Ensemble heraus

Von Sigrid Ladwig

Das Bett als Bühne: Im Stück leidet Argan (Emanuel Leonhardt) an eingebildeten Krankheiten. Im realen Leben müssen die Darsteller (Simone Allbach, vorne, und Esther Dreyer) tapfer gegen den Regen anspielen.

Das Bett als Bühne: Im Stück leidet Argan (Emanuel Leonhardt) an eingebildeten Krankheiten. Im realen Leben müssen die Darsteller (Simone Allbach, vorne, und Esther Dreyer) tapfer gegen den Regen anspielen. ( Foto: Franck)

Mit menschlichen Schwächen kennt Molière sich aus. Der große Dramatiker weiß sehr wohl, dass auch die Seele krank sein kann. Seine hintergründige Komödie „Der eingebildet(e) Kranke“ inszeniert das „Theater an der Weinstraße“ (TadW) im Spannungsfeld von Realität und Fiktion. Am Samstag wurde auf der Freilichtbühne in der Klosterruine Limburg Premiere gefeiert.

Gleich zu Beginn zeigt sich, wie der Titelheld mit seiner imaginären Krankheit alles und jeden beherrschen will: Sämtliche Bühnenakteure gesellen sich zu Argan auf das überdimensionierte Bett. Jeder spricht ein paar Worte, die der Zuschauer im späteren Handlungsverlauf mit Déjà-vu-Effekt erneut hören wird. Und schon rührt er selbst an die Grenze zwischen Wahrheit, Erinnern und Vorstellung.

Ganz real fordert an diesem Abend die Witterung das TadW-Ensemble heraus: Zum Auftakt der Darbietung beginnt es zu regnen. Da heißt es, auf den Bühnenbrettern nicht ins Rutschen zu kommen. Bis zur Pause hält der Niederschlag an, aber das engagierte Spiel trübt er keineswegs. Gelassen nehmen es auch die Zuschauer – routiniertes Freilichtbühnen-Publikum hat immer die passende Kleidung im Gepäck.

Im Krankenzimmer, das den Rahmen eines Kammerspiels abgibt, geht es handfest zu. Die Regie von Hans Dreyer und Simone Allbach findet für Argans seelischen Zustand starke Bilder, die auch drastisch sein dürfen – etwa wenn sein Gedärm mit Klistieren ausgefegt wird. Hauptdarsteller Emanuel Leonhardt macht den Egomanen zur glänzenden Karikatur, setzt anmaßende Selbstsucht gegen todesnahe Verzweiflung oder hilfloses Ausgeliefertsein, spielt leidend, reizbar und ohnmächtig zugleich. Mitleid erregt er wenig, denn dafür lässt ihn die einteilige Leibwäsche zu lachhaft und närrisch wirken.

Köstlich anzusehen sind die Konflikte mit seiner Umgebung. Der ältesten Tochter Angélique gibt Simone Allbach viel Anmut und zugleich die Entschlossenheit, ihrem Herzen zu folgen. Im kraftvollen Spiel gefällt auch Levin Steinbach als liebender Cléante. Mit einem melancholischen Liebestanz zaubert das Duo wunderbar lyrische Augenblicke in die abendliche Limburg.

Interessant wirkt die Doppelbesetzung des Hausmädchens Toinette mit Esther Dreyer und Laura Dreyer: Der Tyrannei Argans setzen sie sich mit vereintem Schwung entgegen. Mitunter sieht man den Kranken regelrecht in der Zange beider Frauen, sodass er bitter ihre vermeintliche Bosheit beklagt. Dass Darsteller Leonhardt spontan seinen Text ergänzt - „seit einer Stunde lässt sie’s regnen“ - sorgt in den Zuschauerreihen für zusätzliches Gelächter.

Dann sind da noch die heuchlerische Gattin und ihr pomadiger Liebhaber: Kirstin Bechtloff und Thomas Giel spitzen ihre Rollen genussvoll zu. Kindliche Unschuld drückt dagegen Naomi Hutomo als jüngere Tochter Louise aus. In Kostümierung und krampfiger Körperhaltung heben sich die Ärzte von den übrigen Akteuren ab: Als insektenhafte, suspekte Wesen sieht man Daniel Neubauer-Pfähler, Walter Bengel und Marianne Bengel, als ebenso fragwürdigen Hausarzt Silke Schmidt. Mit Charakterfiguren und szenischer Anordnung verarbeitet die Inszenierung den Einfluss der Commedia dell`Arte. Im formellen Zwischenspiel lässt Molière, als einziger ganz nach barocker Mode gekleidet, die Beteiligten im Takt seines Stocks auftreten, sich bewegen und wieder verschwinden. Vera Frey spielt den Dichter und im weiteren Verlauf mit erfrischendem Elan das jüngere, widerstreitende Ich Argans.

Mit vielen Türen öffnet sich die Kulisse von Thomas Giel für die Akteure, die riesige Möbel als Spielebenen nutzen. Im karg arrangierten Raum wirken Licht und Musik als wesentliche dramaturgische Mittel und unterstreichen den flackernden Widerstreit in Argans Seele. Bei allem amüsanten Spektakel schimmert dabei das Traurige seiner Gestalt durch. Doch er sendet Anzeichen der Hoffnung aus und auch der dunkle Wolkenhimmel über den Klostermauern klart auf. Wie es mit Argans Seelenleid weitergeht, bleibt offen, doch eins ist sicher: Im Regen sterben muss er nicht.

Info

Weitere Vorstellungen am 15. und 16. Juni, 22. und 23, Juni, 29. und 30 Juni jeweils um 20.30 Uhr. Der kostenlose Buspendelverkehr geht ab Wurstmarktplatz (Trafohäuschen) ab 18.45 Uhr, letzte Abfahrt 20 Uhr.

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