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Mittwoch, 03. Mai 2017 Drucken

Bad Dürkheim

Wann ist der Witz noch ein Witz?

Ortstermin: Dürkheimer Kabarettist „Chako“ Habekost spricht mit WGH-Schülern über Diskriminierung

Von Simone Schmidt

Wie weit dürfen Humor und Satire gehen? Es diskutieren (von links) Rainer Bahnemann (Teamleiter Netzwerk Hilfe), Aya Hamdar aus Damaskus, Jutta Schlotthauer vom Dürkheimer Mehrgenerationenhaus, WHG-Schülerin Mona Kaczun, Kabarettist Christian „Chako“ Habekost und Lehererin Juliane Krah. ( Foto: dts)

Jerome Boateng – „ein lieber Neger?“ „So einen wie den will jeder als Nachbarn haben, aber wehe man sieht denselben schwarzen Typen nachts auf der Straße.“ So verdeutlicht Comedian „Chako“ Habekost, wie Menschen beurteilt werden. Wann ist es Witz, wann Diskriminierung? Rund 80 Schüler des Werner-Heisenberg-Gymnasiums haben sich gestern Morgen unter dem Motto „Schule meets Comedy“ zusammen mit Habekost, einem Flüchtlingsmädchen aus Damaskus und dem Initiator der Veranstaltung, einer Flüchtlingshilfsorganisation aus Maxdorf, mit Diskriminierung befasst.

Der Comedymorgen in der Aula bildet den Abschluss einer Sozialkunde-Unterrichtsreihe in den zehnten Klassen zum Thema „Diskriminierung erkennen, bekämpfen, verhindern“ unter Leitung von Lehrerin Juliane Krah. Kein einfaches Thema. Und Habekost will weder den tadelnden Zeigefinger noch den frechen Mittelfinger heben. Vor sich hat er eine zurückhaltende Schülerschar. Einen zufällig mehrfach durch die Aula laufenden Sportlehrer nimmt er als erstes auf Korn – die ersten Lacher. Weiter geht es mit einem Wechsel zwischen Pfälzisch und Hochdeutsch, ganz wie er aufgewachsen ist, und ganz so wie es sein Programm prägt. Salopp erzählt er von „seinem Ahmed“, „seinem Physiotherapeut“, der in Deutschland geboren ist, fließend Pälzisch babbelt, aber doch schief angeschaut wird. „Aha, Dschihadist“, würden die Leute denken. Zu oft gehe es um Äußerlichkeiten, sagt Habekost. Dabei sei „Ahmed“ doch nur ein „Pälzer in ner annere Hüll“.

Nach der einführenden Habekost’schen Comedy-Einlage geht die zwei Schulstunden lange Veranstaltung in die nächste Runde, bei der Schülerinnen der Arbeitsgemeinschaft „Hingesehen“ Gelegenheit zum Fragestellen haben. Fragen, die vor allem die zehnte Klasse erarbeitet hatte. Warum „wir Diskriminierung in Stand-Up-Shows gut finden“, wollen sie wissen? „Weil da etwas passiert, was man sonst nicht machen darf, auch die Politik nicht“, findet der Satiriker, der selbst diskriminiert worden sei, etwa als Schüler wegen „uncooler“ Klamotten oder als „Weißer“ in der Karibik. Humor könne ein Ventil sein, „es ist aber eine Gratwanderung“. Die Grenzen habe Böhmermann mit seinem Gedicht über den türkischen Ministerpräsidenten erfahren. „Aber so was muss man machen können“, fand Chako. Das Beste sei, Fremde, Andersaussehende anzusprechen, nicht über sie zu reden. Direkte, ehrliche Fragen, „nicht unverschämt“.

Auf die Frage, was denn jeder Einzelne machen könne, entgegnet er den Schülern „Ihr seid der Schöpfer Eures Lebens.“ Sie hätten es in der Hand, wie sie anderen begegneten. Rainer Bahnemann, Leiter der Netzwerk Hilfe aus Maxdorf, ergänzt „auf Euch kommt es an.“ Bahnemann hatte Habekost bei dessen Veranstaltung kurzerhand gefragt, ob er Multiplikator sein wolle. Eine erste, ähnliche Schulveranstaltung fand bereits vor vier Wochen in Maxdorf am Lise-Meitner-Gymnasium statt. Über Bahnemanns Sohn Sebastian, der erst vor wenigen Wochen Abitur am WHG machte, war der Schritt in die Kurstadt nicht weit.

Nicht aufs Podium geschafft hatte es gestern ein Deutsch-Iraker. Laut Lehrerin Krah wegen eines Autounfalls. „Ihm ist einer aufgefahren. Und nicht der Unfallverursacher musste eine Urinprobe abgeben, sondern er.“ Wohl schon wieder ein Beispiel von Diskriminierung. Stattdessen berichtete die 16-jährige Aya, Flüchtling aus Damaskus, wie sie in Ludwigshafen von einem alten Mann wegen ihres Kopftuches beschimpft wurde, und ihr Frauen, darunter eine mit Kopftuch wie sie, nicht helfen wollten, ihren Weg zu finden. Aya ist seit einem Jahr in Deutschland und macht sich allein in Deutsch verständlich. Später erzählt sie, dass sie Gedichte über ihre Erfahrungen schreibt. In Deutsch und Arabisch.

Die deutsche Sprache zu lernen, meint Habekost, sei ein Schlüssel zu erfolgreicher Integration. Jutta Schlotthauer vom Dürkheimer Mehrgenerationenhaus (MGH), ergänzt, dass Sprache nicht alles sei. Hürden müssten abgebaut werden. Auch bei Alt und Jung. Sie erhofft sich von der Veranstaltung, dass mehr junge Deutsche zu den Treffs des MGH dienstags und donnerstags kommen.

Bahnemann und Habekost hoffen auf ein Weitermachen an anderen Schulen. Sie haben schon die Idee, einen Preis „Ohne Worte“ auszuloten, der am SWR3-Comedy-Festival in Bad Dürkheim im nächsten Jahr verliehen werden könne. Damit die, die die deutschen Worte erst lernen müssen, mehr Gehör finden.

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