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Samstag, 13. Juli 2019 Drucken

Bad Dürkheim

Tornado in Bobenheim am Berg: Bürger unter Schock [mit Videos + Bildergalerie]

Von R. Bohlander, A. Sperk,

J. Plantz und L. Estelmann

Die Kraft des Windes hat selbst starke Bäume abgeknickt.

Die Kraft des Windes hat selbst starke Bäume abgeknickt. ( Foto: Franck)

Die bedrohliche Windhose – von Kleinkarlbach aus in Richtung Dackenheim fotografiert.

Die bedrohliche Windhose – von Kleinkarlbach aus in Richtung Dackenheim fotografiert. ( Foto: Micha Pessenlehner)

Abgedeckte Dächer, zersplitterte Ziegeln: Aufräum- und Reparaturarbeiten nach der Windhose.

Abgedeckte Dächer, zersplitterte Ziegeln: Aufräum- und Reparaturarbeiten nach der Windhose. ( Foto: Franck)

Kurz vor 17 Uhr ist am Freitag ein Tornado über die Verbandsgemeinden Freinsheim und Leiningerland hinweggefegt. Vor allem in Bobenheim am Berg richtete die Windhose massive Schäden an. Bürger standen unter Schock. Die Feuerwehr lobt das vorbildliche Verhalten der Menschen.

Am heftigsten getroffen von dem Tornado wurde Bobenheim am Berg: Dort gab es eine Leichtverletzte sowie erhebliche Sachschäden. Die Frau wurde von einem Gegenstand getroffen, aber nicht schwerer verletzt, wie eine notärztliche Untersuchung ergab. In der Gemeinde wütete die Windhose vor allem im Dackenheimer Weg, insgesamt wurden laut Polizei elf Anwesen beschädigt. „Alles behebbare Schäden“, wie Bodo Wenngatz gegen 20.30 Uhr hörbar erleichtert vermelden konnte. Wenngatz ist Pressesprecher der Feuerwehr in der Verbandsgemeinde Freinsheim.

Etwa 100 Einsatzkräfte, darunter circa 50 Wehrleute, waren nach dem Unglück im Einsatz. Sie kamen aus der Verbandsgemeinde Freinsheim, aber auch aus Grünstadt. Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) machte sich ebenso ein Bild von der Lage wie der Führungsstab der Feuerwehren des Landkreises. Auch das Technische Hilfswerk und ein Kriseninterventionsteam waren vor Ort. Dieses betreute Anwohner, die unter Schock standen. „Ich habe ein komisches Geräusch gehört, dann ist ein Dachziegel in mein Fenster reingeflogen“, berichtete eine Anwohnerin, die sich daraufhin mit ihren Kindern in den Keller gerettet hat. „So etwas habe ich hier im Ort noch nie gesehen. Und ich lebe jetzt auch schon seit 58 Jahren hier“, sagte Ortsbürgermeister Dietmar Leist (CDU). Er selbst wohnt im oberen Teil der Gemeinde und hatte von dem Unglück durch einen Anruf der RHEINPFALZ erfahren. Auch Wenngatz sagte, dass ein solches Ereignis bislang in seiner Zeit bei der Feuerwehr noch nicht vorgekommen sei.

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„Tolle Unterstützung“

Ein Anwesen im Dackenheimer Weg ist nach Angaben der Feuerwehr durch den Tornado derart schwer beschädigt worden, dass es einsturzgefährdet ist. Die Bewohner waren zum Zeitpunkt des Unglücks nicht zu Hause. Geschädigte kamen teilweise bei ihren Nachbarn unter. „Es ist toll, wie sich die Leute gegenseitig unterstützten, alle haben sich vorbildlich verhalten“, sagte Wenngatz. Die Einsatzkräfte wurden von Bürgern mit Essen und Getränken versorgt. Bis in den Abend hinein waren die Helfer damit beschäftigt, umgestürzte Bäume in der Region zu beseitigen.

Den durch den Tornado angerichteten Sachschaden bezifferte die Dürkheimer Polizeiinspektion am Freitagabend auf einen sechsstelligen Betrag. Wie stark die Naturgewalt gewütet hat, zeigt auch die Aussage von Augenzeugen, die von „faustgroßen Löchern in den Windschutzscheiben von Autos“ berichteten, die umherfliegende Dachziegel verursacht hatten.

Der Tornado zog auch über die Weinberge rund um Bobenheim und Kleinkarlbach: Dackenheims Bürgermeister Edwin Schrank (FDP) begutachtete das Gebiet östlich von Bobenheim am Berg: „So etwas habe ich noch nie gesehen, die Reben sind zerstört, Bäume sind umgefallen, schlimm“, sagte er. Dackenheim sei glücklicherweise „davongekommen“. „Der Tornado ist diagonal durch Bobenheim, das Krumbachtal, Battenberg und Kleinkarlbach gezogen“, berichtete Schrank.

Schäden in Battenberg

Die Feuerwehren der Verbandsgemeinde Leiningerland waren bis zum Abend bei insgesamt 30 Einsätzen. Vor allem mussten die Wehrleute umgeknickte Bäume und abgefallene Äste beseitigen, berichtet Christian Huber, Leiter der Feuerwehreinsatzzentrale der Verbandsgemeinde Leiningerland in Obersülzen, am Abend. Rund 75 Wehrleute der Wehren Altleiningen, Battenberg, Neuleiningen, Bockenheim-Kindenheim, Kirchheim-Kleinkarlbach, Dirmstein und Ebertsheim waren in den jeweiligen Ortschaften im Einsatz, um die Folgen des Tornados und des Starkregens zu beseitigen.

In Battenberg war es besonders schlimm: Dort ist der Sturm sozusagen durch die Pläne für die Kerwe gefegt. Im Weingut Denig war schon alles für die Feierlichkeiten aufgebaut – mit Festzelten, Bänken und Tischen. Davon ist nach der Windhose nicht viel übrig gewesen. Das Kirchendach der Battenberger Kirche hat Ziegel verloren.

„Waagrechter Regenbogen“

Auch wenn der Wirbelsturm nur etwa fünf Minuten gewütet hat, wird Augenzeuge Micha Pessenlehner aus Kleinkarlbach wohl nie vergessen, was er von seiner Wohnung aus beobachten konnte. Der Sturm habe sich durch ein „komisches Geräusch“, wie er es noch nie gehört habe, angekündigt. Dreck sei durch die Luft gewirbelt worden. Er konnte die Windhose dabei beobachten, wie sie in Richtung Rheinebene zog. Zufällig habe seine Kamera griffbereit gelegen – und ihm gelang eine spektakuläre Aufnahme. Nach dem Wetterphänomen sei ein etwa fünfminütiger Hagelsturm gefolgt. Danach habe wieder die Sonne geschienen.

„Galaktisch“ – Augenzeugin Barbara Barthel steht am Freitagabend noch ganz unter dem Eindruck des Tornados, den sie kurz zuvor noch beobachtet hat. Sie war gerade mit ihrem Mann von der Lindemannsruhe unterwegs ins heimische Weisenheim am Sand, als sie das Wetterphänomen beobachtete. „Das sieht aus wie ein Tornado“, dachte sie sich und hielt an, um Fotos zu machen. Angst habe sie keine gehabt. Fast ebenso beeindruckend wie der erste Tornado ihres Lebens war das, was sie wenige Minuten später über Kallstadter Wingerten sah: ein waagerechter Regenbogen.

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