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Montag, 14. Januar 2019 Drucken

Bad Dürkheim

„Tagträumen ist total wichtig“

Interview: Er nennt das Gehirn einen eineinhalb Kilogramm schweren Fehler: Am Freitag, 18. Januar, kommt der Neurowissenschaftler Henning Beck für seinen Vortrag „Irren ist nützlich“ in die Wachenheimer Ludwigskapelle. Im Gespräch hat er uns vorab verraten, warum gerade das Unperfekte unser Gehirn so schlau macht.

Wer häufig Kreuzworträtsel löst, wird darin besser, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Noch wichtiger sei aber, das Gehirn ganzheitlich zu aktivieren – durch zwischenmenschliche Kommunikation.

Wer häufig Kreuzworträtsel löst, wird darin besser, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Noch wichtiger sei aber, das Gehirn ganzheitlich zu aktivieren – durch zwischenmenschliche Kommunikation. ( Foto: soma)

Herr Beck, die Lieder der Spice Girls aus den 90er-Jahren kann ich fehlerfrei mitsingen. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich heute Morgen die Haustür abgeschlossen habe. Muss ich mir Sorgen machen?

Nein (lacht). Das Gehirn speichert vor allem wichtige Dinge ab, und zwar immer das, was besonders emotional ist. Und da das Abschließen der Haustür selten emotional ist, vergisst man es häufiger. Solche Routinen werden gar nicht ins Langzeitgedächtnis überführt. Bei Liedern, mit denen man eine bestimmte Emotion verbindet, ist das anders. An die kann man sich besser erinnern. Das ist normal. Solange man sich noch erinnern kann, dass man etwas vergisst, ist alles gut. Erst wenn man vergisst, dass man vergisst, sollte man sich Sorgen machen.

 

Sie beschreiben das menschliche Gehirn in Ihrem Buch „Irren ist nützlich“ als etwa eineinhalb Kilogramm schweren Fehler. Ist das nicht ein bisschen hart?

Nein, denn das Gehirn ist letztendlich gar nicht darauf ausgelegt, fehlerfrei zu sein. Sonst wären wir auch nicht anpassungsfähig. Was in einem Moment ein Fehler ist, kann im nächsten Moment auch der Beginn von etwas ganz Neuem und Großartigem sein.

 

Also ist Irren tatsächlich nützlich?

Genau, sogar in ganz vielen Dingen. Dass wir uns zum Beispiel nicht an alles erinnern, hilft, das Wichtige vom Unwichtigem zu unterscheiden. Stellen Sie sich vor, man würde sich an alles erinnern. Das wäre ja unfassbar aufwendig. Die Hirnregionen, die dafür zuständig sind, Erinnerungen zu verfälschen, sind dieselben, die dafür zuständig sind, Hypothesen aufzustellen und zu überlegen, was wäre wenn. Dass wir Fehler machen, ist die beste Art, sich in einer Welt, die sich ständig verändert, zurecht zu finden. Deshalb müssen wir uns diese Fähigkeit zum Unperfekten bewahren.

 

Muss man sein Gehirn trainieren, damit es leistungsfähig bleibt?

Wenn es um so etwas wie Gehirnjogging geht, zeigen Studien relativ gut, dass das Gehirn dadurch trainiert wird. Wer fleißig gehirnjoggt, also Kreuzworträtsel oder andere Logikrätsel löst, kann das anschließend besser. Das heißt aber nicht, dass man auch besser denken kann. Wichtiger ist, das Gehirn ganzheitlich zu aktivieren. Das geht durch Gespräche mit anderen Menschen. Wenn man sich mit anderen unterhält, unter Leute geht, zuhört, selbst Ideen formuliert – das ist im Prinzip schon das Komplettpaket. Das beste, was du mit deinem Gehirn tun kannst, ist, es viel und abwechslungsreich zu benutzen. Kommunikation ist wichtig.

 

Meinen Sie verbale Kommunikation?

Das ist eine interessante Frage. Also erstmal macht es für die Hirnaktivität keinen Unterschied, ob ich jetzt etwas tippe, spreche oder schreibe. Gebärdensprache wirkt auf das Gehirn genauso wie ein gesprochenes Wort. Es ist nur wichtig, mit anderen Menschen möglichst dynamisch zu interagieren. Sprache ist ja mehr als nur gesprochene Worte. Dazu gehören Stimmung, Mimik, Gestik – die können ganz subtil auf mich einwirken. Das darf man nicht unterschätzen.

 

Wie wirkt sich die ständige Benutzung des Smartphones heutzutage auf das Gehirn aus?

Wie sich das langfristig auswirkt, können wir noch gar nicht genau sagen. Smartphones in der heutigen Form gibt es noch gar nicht so lange. Messbar stellt man fest: Die Aufmerksamkeitsspanne lässt nach, also die Menschen haben weniger Lust sich auf eine Sache zu konzentrieret. Länger als 30 bis 40 Sekunden wird da schon schwer. Auch die Priorisierung wird immer schwerer, also das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wenn man Medien generell übermäßig nutzt – ob das Fernsehen ist, Smartphones oder Computer – führt das dazu, dass man tatsächlich auch nicht so viel behalten kann. Das ist wie ein Overkill. Es kommen sehr viele Informationen rein, das Gehirn muss dann sichten, was ist wichtig. Und wenn zu viel reinkommt, dann ist das wie ein E-Mail-Postfach, das überquillt.

 

Also sollten wir doch häufiger mal das Handy aus der Hand legen?

Genau. Wir essen ja auch nicht permanent. Wir machen Pause, um zu verdauen. So ist das auch mit Informationen. Gewisse Nervenzellen in unserem Gehirn brauchen einen Moment des Nicht-Reizes, damit sie den Reiz verarbeiten können. Wir brauchen Pausen, in denen man einfach mal abschaltet und sich erholt. Uns wird leider abtrainiert, dass wir solche Pausen machen. Wer Pausen macht, gilt häufig als ineffizient oder als Tagträumer. Dabei ist das total wichtig. Das kann auch heißen, in der Bahn einfach mal nur aus dem Fenster zu schauen.

 

In Rheinland-Pfalz haben gerade wieder die Abiturprüfungen begonnen. Haben Sie noch einen guten Tipp für die Schüler?

Zum einen kann man Prüfungen simulieren. Das nennt man Prognosetraining. Beispielsweise muss man zuhause unter Zeitdruck eine bestimmte Aufgabe lösen. Das haben die Engländer auch mit dem Elfmeterschießen vor der WM gemacht – und es dann ja auch gewonnen. Grundsätzlich ist beim Lernen Zeit ein wichtiger Faktor – zum Beispiel auch Schlafen. Weil wir im Schlaf vor allem langfristige Erinnerungen aufbauen. Wenn man etwas nicht verstanden hat oder Sachen partout nicht abgespeichert werden wollen, kann man sich die auch noch mal vor dem Zubettgehen anschauen. Wir wissen, dass das, was man unmittelbar vorm Schlafen gehen anschaut, besser hängenbleibt. Das ist die Brechstange für den besonders kniffligen Lernstoff.

 

Termin

Der Vortrag „Irren ist nützlich“ ist am Freitag, 18. Januar, 19.30 Uhr, in der Wachenheimer Ludwigskapelle. Der Eintritt kostet zehn Euro, ermäßigt fünf. Karten gibt es unter Telefon 06322 959220 oder im Internet unter www.kulturverein-wachenheim.de. | Interview: Sonja Hoffmann

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