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Donnerstag, 08. Juni 2017 Drucken

Bad Dürkheim

Streit um Herxheimer Hakenkreuz-Glocke dauert an

Bürgermeister Becker befürchtet Nazi-Kultstätte

Von Stephan Alfter

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz.

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz. ( Foto: Hass/Frei)

Steht gerade im Scheinwerferlicht: Die Protestantische Jakobskirche in Herxheim am Berg.

Steht gerade im Scheinwerferlicht: Die Protestantische Jakobskirche in Herxheim am Berg. ( Archivfoto: Franck)

Was ist der richtige Umgang mit der Herxheimer Hakenkreuz-Glocke? Und warum kommt jetzt eine Debatte in Gang, die es schon vorher hätte geben können? Die Reaktionen auf den RHEINPFALZ-Artikel seien manchmal sehr merkwürdig gewesen, sagt Pfarrer Meinhardt. Aber auch Experten haben keine Musterlösung.

Eigentlich hat die protestantische Kirchengemeinde in Herxheim am Berg gerade ganz andere Probleme. So war Pfarrer Helmut Meinhardt auch recht kurz angebunden, bevor er gestern zu einem Treffen mit drei Ingenieuren eilte, die mit ersten Ergebnissen einer umfassenden Untersuchung zu den diversen Rissen im Mauerwerk der Jakobskirche aufwarten wollten (wir berichteten mehrfach).

Keine Ergebnisse gibt es dagegen in der mittlerweile über den Ort hinaus geführten Debatte, wie in Zukunft mit der sogenannten Hakenkreuz-Glocke umzugehen sei. Diese tut zwar bereits seit 1934 ihren Dienst, die Tatsache jedoch, dass sie ein Hakenkreuz mit dem Schriftzug „Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“ trägt, geriet offenbar trotz diverser Hinweise – zuletzt von Pfarrer Meinhardt 2011 – immer wieder schnell in Vergessenheit.

Überrascht hat mitunter die Vehemenz der Äußerungen nach Erscheinen des jüngsten Artikels, die nach Wahrnehmung von Helmut Meinhardt teilweise ein Niveau gehabt hätten, das kaum noch unterboten werden könne. Seit die RHEINPFALZ am 12. Mai berichtet hatte, interessieren sich auch andere Medien. Dass die Sache nun etwas Wellen schlägt, scheint manchen zu irritieren. Dabei war nicht nur die Glocke in der Vergangenheit immer wieder Thema auch in Konfirmandenstunden in Herxheim am Berg.

Trotzdem habe sich selbst Menschen, die lange im Ort leben, in diesen Wochen überrascht gezeigt. Mehr überrascht womöglich als Birgit Müller, der nach eigener Aussage lediglich ein „Oh“ entfuhr, als sie dem nur wenigen Leuten zugänglichen Geläut mit dem Hakenkreuz erstmals gegenüberstand. Das war 2011. Müller ist Glockensachverständige für die Bistümer Speyer und Trier sowie für die Evangelische Kirche der Pfalz und des Rheinlandes. 5000 Glocken fallen in ihren Zuständigkeitsbereich, aber das Herxheimer Exemplar sei mit diesem Schriftzug einzigartig in dieser Region, sagte sie auf Anfrage.

Für Müller gibt es keinen Grund, die Glocke nun abzuhängen oder auf ihr Geläut zu verzichten. Zumal sich das negativ auf das Klangerlebnis auswirken würde. Man könne die Geschichte nicht auslöschen, es handle sich um ein Denkmal. Nicht zuletzt koste es rund 50.000 Euro, eine neue Bronzeglocke zu gießen und in den Turm hieven zu lassen.

Gegen einen Austausch ist auch Christoph Picker, Direktor der Evangelischen Akademie Rheinland-Pfalz. Er wirbt für einen Umgang ohne Hysterie, aber mit kritischem Blick auf die Vergangenheit. „Ein Hinweis auf die Glocke täte gut“, findet er und spricht sich für ein Erklärstück zur früheren Polizeiglocke an der Kirche aus. Damit schaffe man Klarheit.

Wichtig findet Picker auch, dass sich die Herxheimer selbst mit der Thematik auseinandersetzten. Er favorisiert eine Debatte, die nicht von oben herab geführt wird. Am Ende sei es eine politische Angelegenheit, betont er.

Wie berichtet, gehört die Glocke nicht der Kirche, sondern der politischen Gemeinde. Sie hat am Ende darüber zu befinden, wie weiter verfahren wird. Ortsbürgermeister Ronald Becker visiert gegenüber der RHEINPFALZ eine Entscheidung im Gemeinderat Anfang Juli an. Er selbst will keinen Hinweis an der Kirche. Er befürchtet, dass sie so zur Kultstätte für Nazis werden könnte.

Eine Stellungnahme der Kirchengemeinde kündigt Pfarrer Meinhardt nach der Sitzung des Presbyteriums am 22. Juni an. Er selbst, so Meinhardt, sei an einer sachlichen Auseinandersetzung sehr interessiert. Es gehe für das Presbyterium um die Frage, ob man die Glocke weiterhin läute oder nicht. Auf mehr habe die Kirchengemeinde keinen Einfluss. Er messe dem Gespräch mit Sachverständigen, Denkmalschützern und Historikern eine große Bedeutung bei. „Eine Auseinandersetzung scheint mir dringend geboten“, so Meinhardt, der etwa den Herxheimer Kreis erwähnt, der nach 1935 unter Pfarrer Karl Wiedmann initiiert wurde. Der setzte sich massiv gegen die örtlichen Nazis zur Wehr.

Für Historiker Picker ist die Existenz der Glocke nicht verwunderlich, denn die Landeskirche habe den Nationalsozialisten sehr nahe gestanden: „Die Pfalz ist die einzige Landeskirche, die 1934 mit Ludwig Diehl einen Landesbischof gewählt hat, der schon sehr früh NSDAP-Mitglied gewesen ist. Nationalsozialismus und Protestantismus gingen Hand in Hand.“

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