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Montag, 10. September 2018 Drucken

Bad Dürkheim Land

Reportage: So wirkt sich die neue Nachtruhe aus (mit Video)

Von Stefan Heimerl

Im Weindorf herrscht am Samstagabend nicht lange nach dem Zapfenstreich an einigen Bänken bereits gähnende Leere.

Im Weindorf herrscht am Samstagabend nicht lange nach dem Zapfenstreich an einigen Bänken bereits gähnende Leere. (Foto: hest)

Die Gassen sind voll. Viele verlassen nach dem Zapfenstreich die Zelte.

Die Gassen sind voll. Viele verlassen nach dem Zapfenstreich die Zelte. (Foto: hest)

Die Besucher reagieren mit Unverständnis und die Betreiber der Fahrgeschäfte sowie die Weinverkäufer äußern sich besorgt: Die Stimmung auf dem 602. Wurstmarkt ist längst nicht so ausgelassen, wie sie auf den ersten Blick scheint. Grund ist der frühe Zapfenstreich.

Lachende Gesichter, johlende Jugendliche, laute Musik und Einige, die schon zu tief ins Glas geschaut hatten: Wer Samstagabend über den Wurstmarkt gestreift ist, konnte zunächst den Eindruck gewinnen, alles sei wie immer. Im Gespräch mit den Leuten zeigte sich jedoch: Viele sind sauer wegen des frühen Zapfenstreichs. Ein Betreiber warnte gar, es könne der Anfang vom Ende sein.

 

Andreas Zinnecker drückt auf die weiße Taste seines Bedienpults, beugt sich nach vorne zum Mikrofon und setzt zu einem der Sätze an, die jeder Fahrgeschäftbetreiber im Repertoire hat: „Wollt ihr noch mehr?“ Es ist 23 Uhr am ersten Wurstmarkt-Samstag, die Schlange an Zinneckers Fahrgeschäft „Best XXL“ ist lang und alle paar Sekunden kommt ein neuer zahlungswilliger Gast an das kleine Kiosk vor dem Fahrgeschäft in freudiger Erwartung auf ein bisschen Nervenkitzel. Die letzte Stunde von Zinneckers Arbeitstag ist angebrochen, denn erstmals muss jeder Betrieb, der mehr als 55 Dezibel Lärm auf dem Wurstmarkt verursacht, bereits ab Mitternacht leise sein. Für Fahrgeschäfte wie das „Best XXL“ bedeutet das automatisch Feierabend. „Gestern haben die Leute gedacht, unser Fahrgeschäft ist kaputt. Die haben das nicht verstanden und am Rollladen gerüttelt“, sagt Zinnecker während er seine Riesenschaukel beobachtet. Die Musik seines Fahrgeschäfts ist so laut, dass es schwer ist, ihn zu verstehen. Verständnis für den Lärmschutz der Anwohner habe er, für sein Geschäft sei die Entscheidung schlecht. In den Vorjahren, wo der Zapfenstreich stückweise immer weiter vorgezogen wurde, habe sich das bei den Einnahmen bemerkbar gemacht.

"Die werden sich überlegen, ob sie nächstes Jahr wiederkommen"

 

Sich von Zinneckers Fahrgeschäft zu den Schubkarchständen durchzuschlagen, erfordert ein gewisses Maß an Geduld. Die Gassen sind gut gefüllt, der ein oder andere Gast drängelt sich genervt durch die Massen und packt dafür auch mal seine Ellbogen aus. Gegen halb zwölf sind zwischen Stand 24 und 20 aber schon vereinzelt leere Bänke zu sehen. Das Ehepaar Schirra aus Wachenheim sitzt ganz alleine an einer Bank. Die beiden kommen seit vielen Jahren, die Stimmung ist dieses Mal viel schlechter als im Vorjahr, sagt Frank Schirra. „Im Allgäuer Zelt war um 23 Uhr schon die Musik aus“, sagt er und schüttelt den Kopf. Er kenne auch eine Gruppe Wurstmarkt-Freunde, die jedes Jahr extra aus Bayern anreisen und sich verärgert zeigten über den frühen Zapfenstreich. „Die werden sich überlegen, ob sie nächstes Jahr wiederkommen“, sagt Schirra.

 

 

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Am Rand eines Schubkarchstandes steht ein Mann und unterhält sich mit der Betreiberin. Früher habe er hier selbst einen Stand gehabt, Familientradition sei das gewesen, er komme schließlich aus Bad Dürkheim. Wegen des immer früheren Zapfenstreichs jedoch, steuere er inzwischen andere Veranstaltungen an und bleibt vom Wurstmarkt fern. Seine Familie habe aufgegeben, da unterm Strich weniger Geld übrig bleibe. Viele würden die Einbußen bei den Einnahmen spüren, auch wenn das nicht jeder gegenüber der Zeitung zugeben würde. Namentlich genannt werden möchte er nicht. „Früher gab es Schubkärchler, die hatten bis fünf Uhr oder sogar rund um die Uhr geöffnet“, sagt er.

 "Wir haben schon Jahrmärkte zugrunde gehen sehen"

 23.58 Uhr im Zelt Pfalzrebe: Ein letztes Mal stimmt der Mann auf der Bühne „Ein Prosit, ein Prosit...“ an und die Menge geht mit. Dann verstummt die Musik im Festzelt, die Menschen steigen von den Bänken herunter und viele verlassen sofort das Zelt. „Die zugezogenen Leute, die diesen Zapfenstreich eingeklagt haben, sollen doch auf ’ne einsame Insel gehen“, sagt einer der Besucher, die aus dem Zelt strömen. Angesprochen auf das Aus um Mitternacht rutscht vielen ,„Sch....“ über die Lippen.

 Schade finden das frühe Ende auch Heike Krüger und Igor Uppleger, die Betreiber der Bayernwippe. Sie mussten um Mitternacht die in der Schlange stehenden Menschen informieren, dass sie keine Tickets mehr verkaufen dürfen. Es ist 0.30 Uhr, die beiden haben Feierabend, rauchen noch eine Zigarette in ihrem Tickethäuschen. Gegenüber bei Zinneckers „Best XXL“ ist das Licht schon aus, auf den Treppen sitzen Jugendliche, die nicht genau wissen, wohin sie nun gehen sollen. Für Uppleger ist der Dürkheimer Wurstmarkt wegen der Freundlichkeit der Menschen und der Atmosphäre der Weinstände einer der schönsten Jahrmärkte Deutschlands. Seit rund zehn Jahren kommen die Betreiber der Bayernwippe hierher. Größere Attraktionen wie der Jules-Verne-Turm könnten in Zukunft aber fernbleiben, so Uppleger, wenn ein Zapfenstreich um Mitternacht zu großen Einnahmeverlust bedeute. „Wir haben schon Jahrmärkte zugrunde gehen sehen wegen solch Regelungen“, sagt Uppleger. 

Es ist kurz vor ein Uhr, viele Stände rund um die Fahrgeschäfte wirken verwaist, Menschen sitzen auf den Metallstufen des Autoscooters und diskutieren darüber, was sie jetzt machen sollen. Ein 17-jähriges Mädchen aus Berlin, das ihre Freunde hier besucht, kommentiert die Situation: „Das ist schon schwach.“

Pfalz-Ticker