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Montag, 19. Juni 2017 Drucken

Bad Dürkheim

Nach dem Abitur als Helfer im Flüchtlingscamps in Nordgriechenland

Von Simone Schmidt

Monotonie im Nirgendwo: Das griechische Flüchtlingscamp Larissa bei Thessaloniki war ein Einsatzort des Dürkheimers Sebastian Bahnemann. Drei Wochen verbrachte er dort als Helfer.

Monotonie im Nirgendwo: Das griechische Flüchtlingscamp Larissa bei Thessaloniki war ein Einsatzort des Dürkheimers Sebastian Bahnemann. Drei Wochen verbrachte er dort als Helfer. ( Foto: Lohmüller/frei)

Erfahrungen als Flüchtlingshelfer: Sebastian Bahnemann.

Erfahrungen als Flüchtlingshelfer: Sebastian Bahnemann. ( Foto: SchmidT)

Der erst 18-jährige Dürkheimer Sebastian Bahnemann hat nach seinem Abitur am Werner-Heisenberg-Gymnasium drei Wochen lang in griechischen Flüchtlingslagern gearbeitet.

Man stelle sich vor, am Ende einer wohltätigen Essensverteilung bleiben fünf Gurken, einige Tomaten und Kartoffeln übrig. Hunderte Flüchtlinge, darunter viele Kinder, würden das Übrig gebliebene liebend gerne nehmen, aber die Helfer nehmen das Gemüse wieder mit. Unmenschlich oder gerecht?

Sebastian Bahnemann hat diese Situation mehrfach erlebt, als er in diesem Frühjahr drei Wochen lang ehrenamtlich für die Münchner Hilfsorganisation IHA (Stichwort) in nordgriechischen Flüchtlingscamps gearbeitet hat. „Gerechtigkeit war ein großes Thema in den Camps“, meint der 18-jährige Dürkheimer im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Dazu gehörte, überzählige Lebensmittelrationen mitzunehmen, wenn nicht alle Familien etwas davon haben konnten. „Es fiel mir schwer Nein zu sagen, aber es macht Sinn.“ Viele hätten Schreckliches erlebt, auch viel Ungerechtigkeit. Das sollte nun anders sein. Das Übrig gebliebene wandert aber nicht in die Mülltonne, sondern geht an eine andere Organisation, die für obdachlose Flüchtlinge kocht.

Sebastian Bahnemann, sportlich-schlank, im weinroten Hilfiger-Shirt und schwarzen Nike-Turnschuhen wirkt mal nachdenklich, mal locker. Der junge Mann hat klare Vorstellungen. Schon vor dem Weihnachtsfest 2016 und dem folgenden Abitur hat er sich für einen Freiwilligendienst entschieden. Er wollte sich „positiv einbringen“ für „Geflüchtete“, wie er sagt. Kein unbekanntes Thema zu Hause. Sein Vater Rainer, ein Veterinär und früherer BASF-Mitarbeiter, ist Vorstand des Maxdorfer Netzwerks Hilfe im Einsatz für Flüchtlinge in Deutschland und andere Hilfsbedürftige.

Angekommen in Griechenland, beeindruckte ihn die Herzlichkeit der Flüchtlinge und die Solidarität unter den Helfern aus „aller Welt“. Bahnemann und andere wohnten zusammen mit einem Übersetzer, der selbst vor dem Islamischen Staat (IS) aus Aleppo geflohen war, in einem Vorort Thessalonikis in einer Wohngemeinschaft. Von dort ging es in die Flüchtlingslager. „Viel Fahrerei.“ Vor allem in den Camps Epanomi, Larissa und Sinatex hat er zusammen mit bis zu 20 IHA-Helfern, jungen Leuten aus Europa, den USA, Australien und Südafrika, bis Ende Mai Gemüse, Bananen, Öl, Mehl und Linsen verteilt. Auch Kuchen gebacken für Geburtstagskinder. Mit Kindern gespielt und getanzt. Eine willkommene Abwechslung für die Kleinen. „Manchmal gab es noch nicht mal einen Fußball. Kein Malpapier oder Stifte.“

Die Camps, die meisten für Syrer und Iraker, waren ganz unterschiedlich, erzählt er. Einige Familien teilten sich alte Appartements, andere zelteten auf Betonboden in „gefängnisartigen“ Lagerhallen, bewacht von Polizei und Militär. Wieder andere seien in etwa zwölf Quadratmeter großen Containerboxen, „Isoboxen“, untergebracht. Larissa sei ein riesiges Camp für 1200 Menschen im Nirgendwo, eine Stunde entfernt von der nächsten Stadt. Es gibt keinen Sonnenschutz und keine Klimaanlage.

„Das schlimmste in den Camps“, sagt der Abiturient, „ist das Warten, das Vegetieren der Menschen, sie können nicht arbeiten, die Kinder nicht in die Schule“. Hunger sei kein Thema, aber die Monotonie. Zwei Jahre und länger warteten sie auf eine Nachricht aus Athen, und die Entscheidung, ob sie bleiben dürfen. „Alle hoffen auf Deutschland, Frankreich oder Schweden, der Jobs wegen.“ Sein neuer Freund Alan, der Übersetzer, habe sich „riesig gefreut“, dass er endlich nach Athen zum Interview kann. Besonders berührt hat den Dürkheimer ein Foto-Vortrag des deutschen Fotografen David Lohmüller über das griechische Schreckenslager Idomeni. Bis zu dessen Auflösung vor einem Jahr hausten dort Zehntausende Flüchtlinge unter unwürdigen Zuständen. „Bei der Räumung flogen Hubschrauber, es herrschte totale Panik. Idomeni war krass. Und nach dem Vortrag war es traurig-schön, als sich Alan bei uns Helfern bedankt hat.“

Zurück in Deutschland kam es Sebastian Bahnemann „ein bisschen vor wie im Paradies“. Es klinge abgedroschen, aber da habe er „realisiert, wie gut es uns geht“. Freiwilligenarbeit werde „ein Teil seines Lebens bleiben“. Jetzt will er kellnern, bevor er ab August im australischen Brisbane ein Uni-Praktikum macht für regenerative Medizin. Danach will er studieren. Das Fach weiß Bahnemann, der sein Abitur mit der Note 1,9 abgeschlossen hat, noch nicht, aber das Ziel: Sich selbstständig machen. Vielleicht helfen ihm die vielen Eindrücke, die er aus Griechenland mitgebracht hat. Oder die Arabisch-Brocken. „Yallah, yallah“.

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