Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Mittwoch, 12. September 2018 Drucken

Wurstmarkt

Bimbesboxen, Blockflöten und täuschend echte Babys

Von Stephan Alfter

Fast echte Babys: Erna Fleck verkauft Puppen.

Fast echte Babys: Erna Fleck verkauft Puppen. ( Foto: Alfter)

Warme Socken: Sascha Burghart mit seiner Frau.

Warme Socken: Sascha Burghart mit seiner Frau. ( Foto: Alfter)

Zahnarztspiegel: Stefan Schrankler preist sie an.

Zahnarztspiegel: Stefan Schrankler preist sie an. ( Foto: Alfter)

Bimbesboxen: Nils Marz hat sie entwickelt.

Bimbesboxen: Nils Marz hat sie entwickelt. ( Foto: alfter)

Momentaufnahme: Die fliegenden Händler bilden auf den Brühlwiesen den Markt um den Markt – Produkte oft „Made in Germany“

Wäre es theoretisch denkbar, über mehrere Wochen auf dem Wurstmarkt zu überleben, ohne auf die Annehmlichkeiten des normalen Alltags zu verzichten? Die Antwort muss eindeutig „ja“ heißen. Möglich machen es die fliegenden Händler, die auf den Brühlwiesen quasi den Markt um den Markt bilden. Von der Blockflöte bis zur Bimbesbox, von der Zeckenzange bis zum Zahnarztspiegel – es gibt schlichtweg nichts, was es nicht gibt. Teilweise handelt es sich um hochwertige Produkte.

Das Staunen der Kanzlerin

 

Da war sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel überrascht, als sie im September 2008 dem Wurstmarkt einen Besuch abstattete. Stehen geblieben war sie seinerzeit nach einer Stippvisite in den Schubkarchständen (wo sie ein 0,5-Liter Dubbeglas mit purem Riesling bestellte) im Zelt eines Paderborner Grünpflanzenverkäufers. Vier Veilchen erstand Merkel an jenem Samstag und verlieh – nach dem Genuss einer Bratwurst – schließlich ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass es auf dem Wurstmarkt auch richtige Blumen zu kaufen gebe. Wie erstaunt wäre die Kanzlerin wohl gewesen, wäre sie damals schon auf die Bimbesbox gestoßen – dies zu einem Zeitpunkt, als noch einigermaßen unklar war, wie das System der schwarzen Kassen ihres früheren Parteifreundes und Altkanzlers Helmut Kohl funktionierte.

Portemonnaie aus Eibenholz

 

Im September 2018 ist die Parteispendenaffäre kein Thema mehr, aber die Bimbesbox ein begehrtes Objekt, wie der 30-jährige Nils Marz gegenüber der RHEINPFALZ sagt. Der Mann aus Rheinzabern in der Südpfalz hat die nachhaltige Geldbörse mit seinem Geschäftspartner Alexander Kempe entwickelt. Es handelt sich dabei um ein Portemonnaie aus Eibenholz, das Geldscheine und Visitenkarten aufnimmt, dabei lediglich 18 Gramm wiegt und ganz ohne Leder oder Kunststoff auskommt. Bis zu 45 Euro verlangt Marz an seinem Stand, der ihn täglich rund 100 Euro kostet, für sein Produkt. Ein lohnendes Geschäft, denn der Absatz kann sich sehen lassen. 30 bis 40 Bimbesboxen gingen an guten Tagen weg, so Marz.

Treue und entspannte Kundschaft

 

Zu einer Zeit, als von Kohl und Bimbes noch keine Rede war, landete der Zaster noch im einst bekannten Sparstrumpf. Selbst davon gibt es eine ausreichende Anzahl auf dem Wurstmarkt. Sascha Burghart kommt seit 15 Jahren aus Pforzheim mit seinem Stand und schwärmt von der treuen und entspannten Kundschaft in der Kurstadt. Kuschel- und Alpakka-Socken seien vor dem Herbst gefragt – selbst bei 25 Grad. Nur abends ab 22 Uhr mottet er seinen Stand langsam ein. Nicht auszuschließen, dass ein weinseliger Gast sein Haupt auf seinen Socken betten würde.

Seit 20 Jahren mit den Puppen auf dem Wurstmarkt

 

Apropos Motten: Wenige Meter weiter handelt ein Kollege mit Duftölen. Mit Lavendel – tönt er gegenüber den Kunden – könne man Migräne und auch Motten bekämpfen. Gegenüber wirbt ein Standbetreiber mit Küchenwerkzeugen, die dem aus der Fernsehwerbung bekannten „Nicer dicer“ zumindest ähneln. Eine kleine Ladung frisch geschnibbelter Karotten trocknet bei zunehmenden Temperaturen langsam aus, während Erna Fleck zwei ihrer Puppen auf dem Arm trägt, die einem realen Baby täuschend ähnlich sehen. Seit rund 20 Jahren verkauft die Fuldaerin auf dem Wurstmarkt. Ihr ältester Kunde, erzählt sie, sei 94 Jahre alt und genieße es, mit einer Puppe im Rollstuhl umhergefahren zu werden. Trauriger ist die Geschichte von solchen Kunden, die echt aussehende Puppen kauften, um den Tod eines Kindes zu kompensieren. Zwischen neun und 180 Euro geben Besucher für die Puppen aus. Erna Fleck zieht nach dem Gastspiel in Dürkheim weiter quer durch Süddeutschland.

Alles da für eine schnelle OP

 

In ganz Deutschland unterwegs ist die Firma Wild mit ihren Produkten, die im schwäbischen Tuttlingen hergestellt werden. Im Sortiment finden sich überdimensionale Pinzetten, Zeckenzangen, Nagelscheren – und Zahnarztwerkzeuge. Stefan Schrankler, der die Waren vertreibt, macht keinen Hehl daraus, dass Veterinäre und Dentisten zum Kundenkreis gehören. „Wir beliefern auch Kliniken“, sagt er. Müsste auf dem Wurstmarkt also mal kurzfristig operiert werden, wären auch für diesen Fall notwendige Instrumente vorhanden. Überleben auf dem Wurstmarkt – kein Problem.

Der neue Messenger Service



Pfalz-Ticker