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Montag, 02. März 2020 Drucken

Bad Dürkheim

Bad Dürkheim: Job von Nell über seinen berühmten Großonkel

Von Alexander Sperk

Sieht sich den Gedanken seines Großonkels verpflichtet: Job von Nell.

Sieht sich den Gedanken seines Großonkels verpflichtet: Job von Nell. (Foto: Franck)

Oswald von Nell-Breuning

Oswald von Nell-Breuning (Foto: Von Haus am Maiberg/Wikimedia, CC BY-SA 3.0,)

„Was hätte Oswald von Nell-Breuning zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte in der Land- und Forstwirtschaft gesagt?“ Diese Frage an Job von Nell zu richten, liegt nahe. Denn der Geschäftsführer des Dürkheimer Weinguts Karl Schaefer ist ein Großneffe des katholischen Theologen, Ökonomen und Sozialphilosophen, den Kardinal Reinhard Marx einmal als „Nestor der katholischen Soziallehre“ bezeichnet hat.

Von Nell-Breuning (1890-1991) war Berater von Papst Pius XI., das von ihm entwickelte Subsidiaritätsprinzip ist zentrales Element bundesstaatlicher Ordnung ebenso wie der sozialen Marktwirtschaft. „Er hätte sicher die fehlende Balance zwischen unseren heutigen Aktivitäten und unseren natürlichen Ressourcen beklagt, die ja schon in den 1960er-Jahren vom Club of Rome festgestellt und seit dieser Zeit von vielen Wissenschaftlern untermauert wurde“, sagt Job von Nell.

„Luft, Wasser und Boden sind Güter des Gemeinwohls und die bedeutendsten Wirtschaftsgüter überhaupt. Mein Großonkel würde sie wohl als Primärvermögen bezeichnen. Er hätte den Anspruch an uns, mit diesen Grundressourcen verantwortungsvoll umzugehen. An vielen Ecken merken wir, dass das nicht der Fall ist“, skizziert der 63-Jährige. Seinen Großonkel hat er zuletzt an dessen 100. Geburtstag 1990 gesehen, von Nell-Breuning starb 1991 im Alter von 101 Jahren.

Faszination für Boden

Job von Nell, dessen Vater von der Mosel stammt, wollte eigentlich Agrarwissenschaften studieren, scheiterte aber am Numerus clausus. Er entschied sich stattdessen für Jura, war Assistent an der Verwaltungshochschule in Speyer, promovierte. Dann wechselte er zunächst ins Bank-, später ins Immobiliengeschäft. 1997 gehörte er zu den Gründern einer Gesellschaft für Projekt- und Stadtentwicklung, aus der er 2008 ausstieg. Was ihn immer begleitet hat, war die Faszination für Boden. „Ich habe dann entschieden, mich der Land- und Forstwirtschaft zu widmen“, erzählt er. 2009 pachtete er gemeinsam mit seiner Frau Nana, einer Dürkheimerin, das Weingut Schaefer, das bereits damals nach biologischen Grundsätzen arbeitete.

„Wenn alle im Weinbau über Terroir reden, aber die Böden kaputt machen, dann bleibt nur noch die geographische Lage übrig – eine Illusion von Terroir“, ist von Nell überzeugt. Gesunde Mikroben und weitere Lebewesen im Boden sind für von Nell die Ausgangsbasis für natürliche Kreisläufe, die den belesenen Juristen von jeher fasziniert haben – und die aus seiner Sicht unbedingt erhalten werden müssen. „Wenn wir uns darauf verständigen könnten, Boden, Wasser und Luft, also unser Primärvermögen, zu sichern und zu stärken, wäre schon viel gewonnen. Dann wäre es auch zweitrangig, ob das unter dem Label Bio läuft oder nicht. Wir müssen diese Verantwortung als Gesellschaft ernst nehmen“, fordert von Nell.

„Bildung von Humus belohnen“

Unternehmerisches Handeln sieht er dabei nicht grundsätzlich im Gegensatz zur Bewahrung der natürlichen Ressourcen. Allerdings sei die klassische industrielle Produktion nicht auf Schonung des „Primärvermögens“ ausgerichtet: „Ich nehme etwas von der Natur, produziere etwas und es entsteht Abfall. Die Erde aber zeigt uns, dass es wichtig ist, einen Kreislauf zu schaffen.“ Wenn dies umgesetzt würde, ergäben sich daraus neue Geschäftsmodelle. Nell, der im Hunsrück 700 Hektar Wald besitzt, denkt dabei beispielsweise daran, die Bildung von Humus zu belohnen – dieser binde CO2 und trage so zum Klimaschutz bei. Er selbst fühlt sich dem naturnahen Waldbau verpflichtet und hat im Hunsrück jetzt mit der Zucht von Trüffel begonnen. Mit seiner Frau pendelt er zwischen Berlin, Dürkheim und dem Hunsrück.

In der Kurstadt verfolgt von Nell ein anderes ehrgeiziges Projekt: den Bau eines Wein-Hotels auf dem Gelände der alten Stadtgärtnerei. Gemeinsam mit einem Team aus Projektentwicklern habe er eineinhalb Jahre an dem Konzept gearbeitet, ehe es 2019 den städtischen Gremien präsentiert wurde. Ihm sei klar, dass die Lage nicht im Fokus der großen Ketten stehe. Das Hotel soll sowohl Wellness als auch Raum für Konferenzen und Tagungsgäste bieten. Auch ein Restaurant soll es geben. Von Nell ist es wichtig, dass sich das dreigeschossig geplante Hotel in die Landschaft einfügt. „Das Gebäude soll auf einem komplett versiegelten Bereich entstehen, die Grünstruktur wollen wir so weit es geht erhalten“, berichtet er. Auch das Thema Gewächshäuser solle aufgenommen werden. „Die Kaltluftschneise muss erhalten bleiben“, betont der Geschäftsführer des Weinguts Schaefer. „Ein solches Projekt ist immer ein Eingriff. Aber wir bemühen uns, ihn auf ein Minimum zu reduzieren.“ Jetzt gehe es erst einmal darum, einen Investor und einen Betreiber zu suchen. „Wir wollen jemanden finden, der Spaß an der Idee hat“, sagt der 63-Jährige.

Und wie würde wohl sein Großonkel das zweistündige Gespräch mit der RHEINPFALZ kommentieren? „Geht es nicht noch intelligenter? Das hätte er wohl gesagt“, vermutet Job von Nell lachend.

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