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Montag, 17. Juni 2019 Drucken

Bad Dürkheim: Kultur Regional

Auf schwankendem Boden

Überall ist Demontage, Sicherheit ist nirgends: In der neuen Freilicht-Inszenierung des Theaters an der Weinstraße (TadW) „Auf der Kippe“ bewegt sich der Mensch auf unsicherem Boden zwischen Müllbergen und Alpträumen.

Von Sigrid Ladwig

Skandal um illegal abgelagerte Fässer – da steht mancher Job sprichwörtlich auf der Kippe.

Skandal um illegal abgelagerte Fässer – da steht mancher Job sprichwörtlich auf der Kippe. ( Foto: Ladwig)

Der Aufbau der Bühne wirkt verstellt wie das Leben selbst: Immer wieder blockiert Ausrangiertes den Weg. Es sind Abfälle, teils mit bedrohlichem Inhalt. Die neue Freilicht-Inszenierung des „Theaters an der Weinstraße“ spielt auf einer Müllkippe. Der Titel des Stücks beinhaltet auch, dass der Mensch leicht ins Wanken gerät.

Unsicheren Stand veranschaulicht die Aufführung in der Klosterruine nicht nur mit einer vermüllten Bühne. Überdies bewegen sich die Darsteller auf der schwenkbaren Fläche einer großen Wippe (Bühne und Ausstattung Thomas Giel) – gelungenes Bild für die Demontage grundlegender Werte. Dabei sei gleich erwähnt, dass die Inszenierung dem moralischen Bankrott farbenfrohe und amüsante Gesichter gibt. Mit seiner „Farce mit Musik“ greift das TadW ein Stück von Walter Menzlaw auf, das vor 30 Jahren das Chawwerusch Theater inszeniert hat. Hinzu kommen etwas Dürkheimer Lokalkolorit und neue Musik: Mario Fadani, Komponist und Bassist aus Heidelberg, hat sie für das Stück geschrieben. Seine Band ist live dabei und gibt dem Spielfluss jazzigen Schwung, einschließlich witziger und nachdenklicher Songs.

Angesichts illegal abgelagerter Fässer und anderer Delikte geht es um Bestechlichkeit, Filz und Korruption. „Was sind die Menschen bloß für Würmer“, stellt inmitten des Morasts der Journalist Frank Schmitz fest. In seiner Rolle gelingt Raphael Grüner eine interessante Mischung: Einerseits verkörpert er den aufrechten Reporter, der mit sympathischer Naivität an seiner großen Story arbeitet. Zugleich lässt er durchschimmern, dass seine Unbeholfenheit ihn nicht immun gegen Anfechtungen macht.

Vielfältig demonstriert die Regie von Emanuel Leonhardt menschliche Anfälligkeit. Zwischen persönlichem Egoismus, Falschmeldungen und Manipulation gehören fast alle zu den Käuflichen und Gekauften: Judith Becker spielt die lavierende Journalistin Sylvia Maus, Till Bechtloff den unredlichen Kommissar Schäfer, seine repressive Frau verkörpert kraftvoll Linn Bechtloff. Schäbig auch die zwei Freundinnen – jede auf ihre Art: Silke Schmidt mimt die verschlagene Brigitte Karge, Regina Miller die Lehrerin Brigitte Lenz, die den Schüler (Johann Dreyer) verleitet.

Munter und hintergründig verwickeln sich die Handlungsstränge. Franz Leiß und Renate Haug gehen als altes Paar am unteren Rand der Gesellschaft vereint aus dem Leben. Dann ist da die flippige Außenseiterin Vera, spielfreudig von Marisa Fickeisen gestaltet. Während es zwischen den Limburgmauern dunkel wird, entwickelt sich als weiterer Überraschungsmoment eine exzellente Alptraum-Szene. In unwirkliche Farben verpackt (Lichttechnik Lars Henkes) zeigt Raphael Grüner die Panik des Träumenden, weil er der Mörder von Konzernchef Binder zu sein glaubt. In dessen Rolle wiederum gefällt Jan Keller wendig und skrupellos.

Ohne zu urteilen, stellt die Inszenierung den Menschen in seinem Konsumverhalten bloß – auch indem der Zuschauer aufgefordert ist, seinen Eintages-Plastikmüll im gelben Sack mit zur Vorstellung zu bringen. Das Bühnenbild wächst so weiter. Für die mit viel Beifall belohnten Akteure wird der Weg noch sperriger.

Termine

Weitere Aufführungen am 21., 22., 28. und 29. Juni sowie am 5. und 6. Juli jeweils um 20.30 Uhr.

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