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Südwest

Zwischenbilanz bei Taser-Test in Trier

Von Christoph Hämmelmann

Nach dem Schuss: Aus der Stromstoß-Pistole hängen die Drähte, durch die dem Gegner ein lähmender Elektroschock in den Körper gejagt wird.

Nach dem Schuss: Aus der Stromstoß-Pistole hängen die Drähte, durch die dem Gegner ein lähmender Elektroschock in den Körper gejagt wird. ( Foto: MDI)

In Trier erproben Streifenpolizisten ein Jahr lang Elektroschock-Pistolen. Die Landesregierung blickt auf die ersten sechs Monate.

Der mehr als 100 Kilogramm schwere Randalierer hat in einem Trierer Imbiss schon ein Opfer verletzt. Jetzt geht der 27-Jährige auf einen weiteren Mann los, wälzt sich mit ihm an Boden. Und gleich darauf scheitern laut Polizeibericht auch vier Beamte bei dem Versuch, den Wüterich zu bändigen. Nun könnten sie ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht sprühen. Doch weil der Imbiss so klein ist, würden sie sich damit auch selbst außer Gefecht setzen. Also zücken sie ihre neueste Waffe: die Elektroschock-Pistole.

Sieben Waffen im Test

Die trugen sie an jenem Freitag im März 2017 erst seit wenigen Tagen im Holster: Just zum Wochenanfang hatte ein lange umstrittenes Pilotprojekt begonnen. Trierer Streifenpolizisten testen seither sieben Stromstoß-Geräte des amerikanischen Herstellers Taser, die in Rheinland-Pfalz bislang den Kollegen der besonders kampfstarken Spezialeinheiten vorbehalten sind. Mittlerweile hat das Innenministerium dem Landtag einem Bericht vorgelegt, in dem die Ergebnisse aus den ersten sechs Monaten des einjährigen Probebetriebs zusammengefasst sind.

Elektronik zeichnet jeden Gebrauch auf

Festgehalten werden Erfahrungen zum Beispiel in zehnseitigen Fragebögen, die Beamten ausfüllen müssen, nachdem sie zur Elektroschock-Pistole gegriffen haben. Die als wissenschaftliche Begleiter des Probebetriebs engagierten Professoren bekommen auch Berichte der Ärzte, die Menschen untersuchen, wenn sie mit einem Stromstoß der Polizei gebändigt wurden. Und auch die Waffen selbst liefern Daten: Ihre Elektronik zeichnet es auf, wenn sie abgefeuert worden ist. Automatisch registriert wird auch schon, wenn das Gerät nur entsichert wurde.

Bei zwölf von 18 Einsätzen reicht die Drohung

Tatsächlich zeigt die Zwischenbilanz: In zwölf von insgesamt 18 Einsätzen reichte das drohende Zücken der knallgelb lackierten und unheilschwanger knatternden Apparate, um Gewalttäter zu bremsen. Dazu kommen drei weitere Fälle, in denen die Geräte zwar einen Stromstoß abgaben, dabei aber wie herkömmliche Elektroschocker verwendet wurden: Die Polizisten setzten sie direkt auf die Körper der Randalierer auf und jagten ihnen so einen schmerzhaften Stromstoß in den Leib. Was in Trier zweimal funktionierte, in einem Fall aber wirkungslos blieb.

Randalierer wütete unbeeindruckt weiter

Ausgerechnet der 100-Kilo-Randalierer im Kiosk wütete nach Polizeiangaben unbeeindruckt weiter. Denn wenn Menschen zum Beispiel im Drogenrausch oder in einem psychischen Ausnahmezustand sind, kann es passieren, dass sie Elektro-Pein ebenso wenig wahrnehmen wie Hiebe mit einem Gummiknüppel. Weshalb sie bisweilen erst bändigen lassen, wenn ihnen buchstäblich Knochen zerschlagen wurden. Oder wenn sie ein Polizeihund außer Gefecht gebissen hat. Stromstoß-Pistolen, meinen daher ihre Befürworter, können so etwas verhindern.

Für einen Moment vollständig gelähmt

Wenn sie aus etwas Distanz auf den Gegner abgefeuert werden, bohren sich zwei Haken in dessen Haut. Also sind dort zwei über dünne Drähte mit der Waffe verbundene Kontakte verankert, die relativ weit voneinander entfernt sind. So übertragen sie einen Stromstoß viel wirksamerer als ein herkömmlicher Elektroschocker mit seiner kleinen Kontaktfläche: Wer mit den Taser-Geräten der Polizei außer Gefecht gesetzt wird, spürt nicht nur jähen Schmerz, sondern ist für einen kurzen Moment vollständig gelähmt. So wie der 100-Kilo-Mann im Trierer Imbiss.

"Beschossene Personen im Anschluss kooperativ"

Nach dem Stromstoß-Schuss glitt der eben noch so renitente 27-Jährige laut Polizei an der Kiosk-Wand einfach zu Boden: Nun war er problemlos zu bändigen. Was auch für drei weitere Randalierer gilt, die in Trier so einer Kur unterzogen wurden. In der Zwischenbilanz für den Landtag jedenfalls steht: „Die beschossenen Personen verhielten sich im Anschluss alle kooperativ.“ Womit nicht nur Polizisten eine gefährliche Auseinandersetzung vermeiden konnten – auch den Randalierern selbst blieben verletzungsanfällige Kämpfe mit den Beamten erspart.

Hunderte von Toten in den USA?

Doch andererseits behaupten Menschenrechtsorganisationen, dass in den USA schon Hunderte Menschen an Schüssen aus Elektroschock-Pistolen gestorben seien. Polizeigewerkschaften in Deutschland hingegen meinen: Tödlich war da wohl das unheilvolle Zusammenwirken mit anderen Faktoren – zum Beispiel mit einem lebensgefährlichen Drogenrausch, oder mit übertriebener Gewalt beim Fesseln. Schließlich gibt es Studien, die beteuern: Auch Menschen mit Herzschrittmachern überstehen den Elektroschock ohne bleibende Schäden.

Bisher keine Beschwerden gegen Polizisten

In Trier jedenfalls haben der 100-Kilo-Mann und die anderen mit der neuen Waffen gebändigten Gewalttäter den Stromstoß-Schuss gut verkraftet, steht im Bericht für den Landtag: „Bis auf die Eintrittsstellen der Pfeile oder leichte Rötungen gab es keinerlei medizinische Besonderheiten.“ Und noch etwas hebt die Sechs-Monats-Bilanz hervor: Eine Beschwerde oder gar eine Anzeige gegen die Elektro-Schützen der Polizei habe bislang keiner der Betroffenen vorgebracht. 

 

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