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Samstag, 16. Juni 2018 Drucken

Südwest

Yeah, Yeah, Yeah!

( Karikatur: mercker)

In Nachhinein: Warum die Vielzahl ihrer Zebrastreifen die Römerstadt Trier in große Bedrängnis bringt

Er ist wohl der berühmteste Fußgängerüberweg der Welt: der Zebrastreifen in der Londoner Abbey Road. Am 8. August 1969 waren die vier Beatles Georg Harrison, Ringo Star, Paul McCartney und John Lennon gegen 10 Uhr für ein Foto über diesen Zebrastreifen spaziert. Im Gleichschritt; Paul dazu barfuß und mit Zigarette in der Hand. Die Aufnahme kam auf das Plattencover ihres im September 1969 erschienenen elften Studioalbums. Das hieß natürlich „Abbey Road“ und ist bis heute ein Meilenstein der Rockmusik.

 

Der Zebrastreifen wurde im Nachhinein schnell zur Kultstätte der Fans und vieler London-Touristen. Täglich überqueren dort Hunderte in der Beatles-Pose – also auch mitunter barfuß – die Straße, lassen sich so fotografieren und nerven damit vor allem die Autofahrer. Trotzdem stellte der britische Minister für Tourismus den berühmten Zebrastreifen 2010 unter Denkmalschutz.

 

Der Fußgängerüberweg liegt direkt neben den legendären Abbey-Road-Studios, wo noch heute Hits entstehen und auch deutsche Musiker wie Udo Lindenberg ihre Stücke aufnehmen. Eine Webcam des Studios ist draußen auf den Zebrastreifen gerichtet, die ganze Welt kann so stets live dabei sein. Am Donnerstag-Vormittag jedoch stockte den Beatles-Fans der Atem. Die Bilder der Webcam zeigten, wie die Abbey Road neu asphaltiert wurde – vom Zebrastreifen war nichts mehr zu sehen. Jedes fröhliche „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ musste da jäh verstummen ...

 

In Deutschland hingegen wäre es nichts Ungewöhnliches, wenn ein altgedienter Zebrastreifen so mir nichts, dir nichts weggefräst würde. Denn hierzulande stellen Verwaltungsvorschriften und technische Normen inzwischen hohe Anforderungen an Fußgängerüberwege: Gut beleuchtet müssen sie sein, gut erkennbar, mit ausreichender Sichtweite für Autofahrer und dazu sicherstellen, dass an dieser Stelle tatsächlich der Fußgängerverkehr gebündelt wird.

 

Solche 2013 nochmals verschärften Vorschriften brachten vor allem die Römermetropole Trier in Bedrängnis, die als Deutschlands „Hauptstadt der Zebrastreifen“ gilt: Auf 110.111 Einwohner kommen dort 239 Zebrastreifen. Zum Vergleich: Berlin hat 3.671.000 Einwohner und 502 Zebrastreifen, Ludwigshafen: 167.611 Einwohner und 132 Zebrastreifen, Kaiserslautern: 100.569 Einwohner und 84 Zebrastreifen.

 

Vor zwei Jahren hatte die Trierer Stadtverwaltung, offenbar eingeschüchtert von Vorschriften und Richtlinien wie der „R-FGÜ“, die Zebrastreifen-Flut überprüfen lassen. Mit einem niederschmetternden Ergebnis: 138 Fußgängerüberwege entsprachen nicht den aktuellen Sicherheitsanforderungen. Experten schätzten damals, dass allein die Nachrüstung für die Ausleuchtung dieser Zebrastreifen die Stadt rund vier Millionen Euro kosten würde. Die Verwaltung rang sich daher vor einem Jahr zu einem radikalen Schritt durch: Die 138 Fußgängerüberwege sollten wegfallen, die Zebrastreifen entfernt werden – erwartete Kosten: rund 900.000 Euro.

 

Was folgte, waren Aufschreie der Kommunalpolitiker, wütende Bürger, Leserbriefe, massive Proteste. Vergangene Woche verblüffte der Baudezernent dann die Trierer Bürger jedoch mit der Ankündigung, nur noch 26 Zebrastreifen müssten definitiv weg. Was genau diesen Meinungsumschwung herbeigeführt hatte, blieb nebulös. Wie um Nachfragen aus dem Weg zu gehen, startete die Verwaltung rasch eine Internetabstimmung – bis 15. Juli darf die Trierer Bevölkerung zu den Zebrastreifen-Plänen ihre Meinung sagen.

 

In der Londoner Abbey Road war übrigens am Donnerstag gegen 17 Uhr die Welt wieder halbwegs in Ordnung, wie die Webcam zeigte: Da malte ein Bauarbeiter einen neuen Zebrastreifen auf die noch jungfräulich-schwarze Teerdecke. Für Pauschaltouristen dürfte das reichen, für wahre Beatles-Fans ist es ein Desaster: Die sechs Originalstreifen, auf die George, Ringo, Paul und John ihre Original-Füße gesetzt hatten, sind futsch. Alle 15 Jahre würden sie erneuert, heißt es bei der Bezirksverwaltung der City of Westminster. Ein Denkmalschutz-Brexit! | Rolf Schlicher

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