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Freitag, 10. August 2018 Drucken

Südwest

Willi Wagner: Dürkheims Dauerläufer

Von Klaus D. Kullmann

Von 1971 bis 1973 startete der Bad Dürkheimer Willi Wagner für den TV Wattenscheid und war 1972 Olympiateilnehmer in München. (Foto: Franck)

Willi Wagner hält seit 50 Jahren die Pfälzer Bestmarken über 5000 Meter und 3000 Meter Hindernis.

Die Leichtathletik-Europameisterschaften in dieser Woche in Berlin schaut sich Willi Wagner am heimischen Fernseher in Bad Dürkheim an. „Was soll ich jetzt dorthin? Es interessiert mich nicht mehr so sehr“, sagt einer, der selbst EM-Teilnehmer war – 1971 in Helsinki. Ein Dauerläufer von hohen Gnaden, der seit 17 Jahren nicht mehr läuft, ein zweifacher Olympiateilnehmer, der in seiner Heimatstadt kaum mehr erkannt und eingeladen wird.

 

Er hat ziemlich emotionslos Abstand gewonnen zu einer so unfassbar intensiven, zwölf Jahre währenden, sehr schönen Zeit als Leistungssportler. Aber eine pfälzische Spitze ist der heute 76 Jahre Wagner immer noch. Seit genau 50 Jahren hält Wagner, der damals bundesweit als laufender Winzer Furore machte, die Pfalzrekorde über 3000 Meter Hindernis (8:36,4 Minuten) und 5000 Meter (13:54,6 Minuten).

Für eine Rieslingschorle ist es am Morgen unseres Treffens noch viel zu früh. Aber auf den Wein, auf sein Lebenselixier, kommen wir immer wieder zu sprechen. Nicht nur, weil er täglich zwei bis drei Viertel trinkt, bevorzugt Riesling und Weißburgunder, nicht nur, weil bei ihm und seiner Frau Ellen zwei Kästen Bier ein ganzes Jahr halten, nicht nur weil sein Sohn Jens, ein ehemaliger RHEINPFALZ-Mitarbeiter, als Weinjournalist arbeitet.

Nein. Wir plaudern über den Wein, weil Wagner „ein Fachmann bis zur Traube“ war, fünf Hektar Wingert als sein eigener Herr bewirtschaftete. Diese Unabhängigkeit brachte ihm für seine große Laufkarriere so unendlich viele Vorteile.

Als Schubkärchler auf dem Dürkheimer Wurstmarkt

„Ich war nie in der Versuchung, mich selbstständig zu machen. Ich habe meine Trauben in der Genossenschaft abgegeben und Ruh war“, erinnert sich Wagner, der auf den geerbten Feldern auch „Getreide und Grumbeere“ anbaute und der über Jahre seinen Mann als Schubkärchler auf dem Dürkheimer Wurstmarkt stand.

Vielleicht ginge jenes Zufriedenheit schaffende, erfolgreiche Doppelleben als Winzer und Läufer heute nicht mehr. Damals ging es, „es war sogar gut machbar. Ich bin alle meine Bestzeiten in dem Jahr gelaufen, in dem ich dann aufhörte. 1973“. Sagt Wagner. Es ging, weil er besonders ehrgeizig war, extrem talentiert, charakterlich gefestigt, früh Verantwortung zu übernehmen hatte.

„Am Gradierbau 100 Meter ruff und runner“

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: „Ich habe mit 20 mal in Friedelsheim gekickt, hockte in der zweiten Hälfte auf dem Rasen und konnte nicht mehr. Dann bin ich in den Turnverein eingetreten, weil ich dachte, ich muss was machen.“

Wagner begann also mit dem Laufen in einem Alter, in dem heutzutage die Jugendlichen längst schon wieder aufgehört haben mit dem Sporttreiben. Weil der Vater früh gestorben war, Wagner war 14, stand er da schon längst im elterlichen Betrieb.

„Am Gradierbau 100 Meter ruff und runner“. So ging das los. Samstags rannte er im Wald, sonntags für längere Strecken, oft um die 35 Kilometer. Dort hat’s ihm am meisten Spaß gemacht. Zum Wein kam das Laufen als Lebenselixier. „Übungsleiter gab’s so gut wie keine. Keiner hat was gewusst, ich habe mir alles selbst beigebracht, hab’ ein paar Wettkämpfelcher gemacht“, erinnert sich Wagner. In Frankenthal lief er die 1500 Meter in 4:12 Minuten. Da war sein Leistungsvermögen in Zahlen schwarz auf weiß festgehalten, für Wagner gab’s kein Zurück mehr. Nach zwei Jahren ging er für drei Jahre zum ABC Ludwigshafen, von 1963 bis 1965. „Ich dachte, da lerne ich was, aber sie haben alle von mir gelernt“, sagt er heute. Er ist für weitere fünf Jahre zurück zum TV Bad Dürkheim gekommen, die alte Trainingsstrecke war auch wieder die neue: eine zwei Kilometer lange Runde im Kurgarten, die beleuchtet war.

Bob Beamons in Mexiko City erlebt

„Weil ich mit dem rechten Fuß 6,15 Meter und mit dem linken 5,98 Meter weit springen konnte, wusste ich, ich habe die Sprungkraft für die Hindernisse auf den 3000 Metern.“

So kam er zu „seiner“ Strecke, zur Strecke des laufenden Winzers aus Bad Dürkheim, auf der er zweimal deutscher Meister war, und in den Vorläufen in Mexiko City und München zum Olympiateilnehmer wurde.

„Wenn ich heute daran denke. Wir waren auf die Höhe von 2300 Meter nicht vorbereitet, obwohl wir aus Flagstaff in den USA kamen. Tagsüber waren’s 40 Grad, der Teer auf den Straßen ist davongelaufen, wir trainierten um sechs Uhr morgens“, erzählt er von Mexiko City, wo er Bob Beamons und Dick Fosburys Siege und Weltrekorde im Stadion direkt miterlebte.

Bestzeit konnte nicht als Pfalzrekord gewertet werden

„Vor vier Jahren war ich während einer Schiffsreise durch den Panamakanal mit meiner Frau zurückgekommen ins Aztekenstadion, an das der Urwald inzwischen ganz nah herangekommen ist. Was ist mir das Stadion so klein vorgekommen. Es ist nicht überdacht, es ist nicht mehr viel los da drinnen“, sagt Wagner.

Im Winter 1970 standen fünf Leute vor seiner Tür und holten ihn zum TV Wattenscheid, eine Leichtathletik-Hochburg in Deutschland, für die er von 1971 bis 1973 lief. Genau aus diesem Grund können seine Karriere-Bestzeiten von 8:26,2 Minuten über die Hindernisse – was damals 1973 deutscher Rekord war – und 13:46 Minuten über 5000 Meter nicht als Pfalzrekorde gewertet werden.

Marathon-Bestzeit im Alter von 48 Jahren

Willi Wagner beendete seine Karriere, kam aber noch mal wieder, half 1982 den LC Bad Dürkheim aus der Taufe zu heben, lief im Alter von 48 Jahren seine Marathon-Bestzeit von 2:24:10 Stunden. Was für eine Laufkarriere!

Nach 90 lebendigen Gesprächsminuten wäre die Zeit für eine Schorle gekommen, für eine erste an diesem heißen Tag. Aber nein, die Vernunft siegte. Der Reporter nahm sich als Zeichen der Gastfreundschaft dann doch lieber ein Dutzend Wagner’sche Feigen mit nach Hause.

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