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Freitag, 09. Dezember 2016 Drucken

Südwest

Wie ein weißes Kissen, das vom Balkon fliegt

Zeuge im Frankenthaler Babymord-Prozess: Vater muss sein Kind absichtlich in die Tiefe geworfen haben

Von Christoph Hämmelmann

Der 32-Jährige schien keinen Schmerz zu spüren, sagt ein Polizist, der ihn überwältigte: Der Angeklagte hatte gekokst, ehe er ausrastete und sein Baby in den Tod stürzen ließ. ( Foto: BOLTE)

Frankenthal. Aus den Händen ihres Vaters ist die zwei Monate alte Senna in Frankenthal in den Tod gestürzt. Das Landgericht hat jetzt herauszufinden, ob er sein Baby tatsächlich bewusst vom Balkon warf. Gestern hat ein Bekannter des 32-Jährige ausgesagt, der die Tat im Mai beobachtete. Er meint: Es muss Absicht gewesen sein. Doch die Polizistin, die Sennas leblosen Körper fand, hat einen anderen Eindruck.

Wie eine Puppe sieht der kleine Körper aus, auf den der Lichtkegel einer Taschenlampe fällt: Rücklings liegt das zwei Monate alte Baby in einem stockdunklen Hinterhof. Die Polizistin hebt den Säugling auf, trägt ihn auf die Vorderseite des Hauses. Sie kämpft um sein Leben, bis der Rettungsdienst da ist. Doch das tut sie vergeblich: Senna stirbt, nachdem sie aus den Händen ihres Vaters 7,50 Meter in die Tiefe gestürzt ist.

 

Nun, fast ein halbes Jahr später, steht der 32-Jährige in Frankenthal als mutmaßlicher Mörder der eigenen Tochter vor Gericht. Und dort sagen reihenweise Polizisten aus, die in jener Mainacht in die Kantstraße beordert worden waren. So wie die 24-jährige Beamtin mit der Pferdeschwanzfrisur, die zusammen mit einer Kollegin das Baby fand. Als Zeugin versucht sie, den Schrecken jener Nacht in nüchternes Polizeideutsch zu fassen. Sie spricht von „Reanimationsmaßnahmen“, die sie „fortgesetzt“ hat. Und von „einfacher körperlicher Gewalt“.

 

Die setzten mehrere Polizisten ein, als sie den gefesselten Täter aus seiner Wohnung getragen und in einen Krankenwagen verfrachtet hatten. Was dort passierte, hat ein Beamter mit seiner an der Uniform befestigten Kleinkamera dokumentiert. Die Aufnahmen der Bodycam zeigen einen blutverschmierten Mann in Unterhose, der gefesselt in einer Ecke kauert und immer wieder brüllt. Offenbar hat er panische Angst davor, dass ihn die Polizisten oder Angehörige seiner Lebensgefährtin erschießen wollen. Eine Beruhigungsspritze lässt ihn schließlich wegdämmern.

 

Vorher, als er noch in seiner Wohnung war, musste eine Polizistin sogar mit dem Schlagstock auf den 32-Jährigen einprügeln, ehe ihn mehrere Kollegen überwältigen konnten. Dabei hatten die Frankenthaler Beamten zunächst auf Spezialkräfte warten wollen, da das Baby schon tot und die Mutter in Sicherheit war. Doch dann hörten sie unerwartet Kinderstimmen: „Aua, Papa, aua!“ Sie traten die Tür ein, brachten zwei Kinder aus einer früheren Beziehung des Mannes in Sicherheit. Einem von ihnen, einer Fünfjährigen, hatte der Vater da aber schon in den Bauch gestochen.

 

Offen lassen die Polizisten nun im Gerichtssaal, ob der Angeklagte diese Tochter absichtlich oder versehentlich so schwer verletzt hat. Die Beamten hatten dem Mann zunächst durch die geschlossene Tür zugerufen, dass er die Kinder herauslassen soll. Darauf schien er sich anfangs auch einzulassen – nachdem ihm die Polizisten versprochen hatten, dass sie seinen Kleinen nichts tun würden. Dann aber ließ er die Tür doch zu. Und ob er durch sie hindurch brüllte, dass sein Messer „am“ oder „im“ Bauch seiner Tochter ist, war draußen nicht genau zu verstehen.

 

Ehe sie vor der Wohnung im zweiten Stock links aufmarschiert waren, hatten die Polizisten schon jemanden festgenommen – irrtümlich, weil er blutverschmiert aus dem Haus in der Kantstraße kam. Doch dieser Mann war nur ein Bekannter des Täters, der mit ihm gekokst, Bier getrunken und Playstation gespielt hatte. Und der dazwischengegangen war, als der 32-Jährige mit dem Messer seine Lebensgefährtin attackierte. Nachdem die verletzte Frau geflohen war, sah der Gast, wie sein Kumpel das schreiende Baby aus der Wiege nahm und es auf den Balkon trug.

 

Einen Moment lang, so berichtet der Zeuge nun im Gerichtssaal, glaubte er, dass gleich darauf ein weißes Kissen in die schwarze Nacht geflogen sei. Doch dann verstand er, was er wirklich beobachtet hatte: Sennas Sturz in die Tiefe. Ihr Vater habe sie nach hinten über die Brüstung geworfen. Mit einer Schwungbewegung. Und mit voller Absicht: „Wenn ihm das Baby aus der Hand gefallen wäre, wäre es ihm ja vor die Füße gefallen.“ Allerdings kann sich dieser Zeuge genauso felsenfest daran erinnern, dass er selbst kurz vorher die angelehnte Schlafzimmertür aufgemacht hatte.

 

Doch da, das beweisen Polizeifotos, war in Wirklichkeit nur ein offener Durchgang. Als sie den Tatort dokumentierten, vermaßen die Ermittler ihn auch. Unter dem Balkon fanden sie eine Kuhle, die Sennas kleiner Körper beim Aufschlag in den weichen Boden gedrückt zu haben schien. Diese Stelle ist 4,50 Meter weit von der Hauswand weg – und damit wohl etwa 3,50 Meter von der Balkonbrüstung. Die Polizistin, die den Säugling aufhob, weiß allerdings nicht genau, wie groß der Abstand zwischen Gebäude und Baby war. Aber sie sagt: „Es machte eher den Eindruck, als wäre es einfach nur gefallen.“

 

Das ist ein Satz, den der Verteidiger des Angeklagten sofort wiederholen und Wort für Wort ins Protokoll schreiben lässt.

Pfalz-Ticker