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Sonntag, 24. Dezember 2017 Drucken

Südwest

Weihnachtszeit auf Pfälzisch: Wenn einer „de Rappel grie(ch)t“

Von Michael Konrad

Tipp zum Heiligabend: Wer die Geschenke jetzt noch nicht verpackt hat, sollte besser mal den Rappel kriegen.

Tipp zum Heiligabend: Wer die Geschenke jetzt noch nicht verpackt hat, sollte besser mal den Rappel kriegen. ( Karikatur: Herrmann)

Wer in der Pfalz „de Rappel grie(ch)t“, der rafft sich auf und erledigt hektisch, was zu erledigen ist. Oder – noch wahrscheinlicher: Er dreht durch.

Wenn jemand ,einen Rappel griecht’, heißt das, eine anfallartige Gefühlswallung hat ihn überkommen“, schreibt Rosemarie Mathes aus Germersheim. Ausprägungen dieses „Rappels“ könnten „Zorn“, „Eifersucht“, „Putzwut“ oder – man beachte die vorweihnachtliche Anspielung – ein „Kaufrausch“ sein. Holger Weimer aus Kandel schreibt: „Beim Rappel handelt es sich um eine vorübergehende Ich-Störung. Die psychische Störung zeigt sich darin, dass jemand plötzlich ausrastet, sich aufregt, unbegründet wütend wird oder scheinbar verrückte Dinge macht.“ Eva Dennerle erklärt per E-Mail: „,Die hat einen Rappel’ heißt: Sie ist nicht ganz zurechnungsfähig.“ Sagen wir mal so: Wer am Samstag vor dem vierten Advent durch eine Fußgängerzone spaziert ist, weiß, wovon die Leser schreiben. Die Themenkomplexe „Weihnachten“ und „Zurechnungsfähigkeit“ miteinander zu verweben, liegt für „Saach blooß“ jedenfalls auf der Hand – Verfechter der Theorie einer besinnlichen Weihnacht mögen uns das verzeihen.

"Urplötzlich geht es rund"

 

Fakt ist: Viele Menschen haben am gestrigen Samstag offensichtlich „de Rappel grie(ch)t“ und sind deshalb nochmal in Massen in die Stadt geströmt, bevor die Geschäfte für alle Zeiten ihre Türen schlossen. „Es hat mich gepackt“ oder „Es hat mich überkommen“ – so übersetzt Rudolf Kost aus Ellerstadt die Redensart „de Rappel grieche“. „Wir werden aufgerüttelt, irgendetwas zu tun, das eigentlich schon längst überfällig war“, schreibt Marga Stühler. „Urplötzlich geht es rund, man ist von 0 auf 100“, sagt Gerhard Brauch aus Bornheim.

In der Redensart „De Rappel grieche“ steckt das hochdeutsche „sich aufrappeln“, wie Rolf Moster aus Bad Bergzabern und Doris Rittmann aus Birkenheide schreiben. Insofern akzeptieren wir die Einwände mehrerer Mitmacher, die darauf hinweisen, dass „de Rappel grieche“ gar keine rein pfälzische, sondern eine allgemein gebräuchliche deutsche Redensart sei. Jedoch: Es gelingt den Pfälzerinnen und Pfälzern in der Regel, auch die weitestverbreiteten Redensarten derart auf den eigenen Sprachgebrauch zuzuschneiden, dass sie am Ende als pfälzische durchgehen. Marketingspezialisten würden von „Pfälzer Customizing“ sprechen.

Mehr als Aufrappeln

 

„Wann ich de Rappel krie(ch), setz ich mich nachts um zwölf noch an de Combjuder un schreib e Ardiggel fer ,Saach blooß’, anschtatt mich ins Bett zu leje un mich auszuschloofe.“ Oder: „Wann moi Freund, de Manfred, de Rappel krie(ch)t, mampft er zeh(n) Lewwerknepp uff ään Sitz, der Hohlwampe.“ Beide Beispiele, eingeschickt von Klaus Kronibus aus Enkenbach-Alsenborn, zeigen: Beim Pfälzischen „de Rappel grieche“ geht es nicht nur ums einfache Aufrappeln – es spielt vielmehr immer auch ein Anflug von Wahnsinn mit. Die bewusste Entscheidung des Aufrappelns wird beim Pfälzer „Rappel“ überlagert von etwas Unkontrollierbarem, das sich der menschlichen Vernunft entzieht. „Do kännscht jo de Rappel krigge – da könnest du durchdrehen“, lautet die Gleichung von Hermann Krieger aus Neustadt. Und das ist doch ein erheblicher Bedeutungsunterschied zum klassischen „Geschdern hot er de Rappel krischt, glei alles ausgemischt, fortg’schmisse un uffgeraamt“, das Bertram Steinbacher aus Lingenfeld als Beispiel fürs einfache „Aufrappeln“ anführt.

Frage nach dem Ursprung bleibt offen

 

Die Frage nach dem Ursprung der Redensart bleibt leider offen. Ob das französische Verb „rappeler“ für „mahnen“, „wachrufen“, das sich auf dem Verkehrsschild „Rappel“ wiederfindet, mit dem Pfälzer „ Rappel“ in Beziehung steht, da sind unsere Leser uneins. Und das Verb „rappeln“ für „klappern“, „lärmen“ („de Wecker rappelt“), das Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern und Heinrich Rudolphi aus Ramstein anführen, liefert auch keine zwingende Erklärung für den alltäglichen Pfälzer Wahnsinn, wenn jemand „de Rappel grie(ch)t“. Bleibt ein Trost, den Holger Weimer formuliert: „Zum Glück vergehen die Ich-Störungen genau so schnell, wie die verrückten fünf Minuten gekommen sind.“ Das beruhigt uns sehr.

„Saach blooß“ wünscht allen Leserinnen und Lesern ein frohes Fest. Und falls jemand „de Rappel griecht“: Nach Weihnachten geht es mit einer neuen Folge weiter. Wir wollen uns dann mit dem Wort „schmäächle“ befassen. Wir fragen: In welchem Zusammenhang wird es benutzt? Wer kennt Anwendungsbeispiele? Was macht die typische pfälzische Verwendung aus? Schreiben Sie uns!

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