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Sonntag, 16. Juli 2017 Drucken

Südwest

Von Greenpeace zum Islamismus

Von Ismail Kul, Andreas Ganter und Christoph Hämmelmann

„Haram“: Mit dem Bild einer brennenden Gitarre bewarb der Psychologe bei Facebook einen Kurzvortrag. In dem behauptet der Prediger Abul Baraa, dass Musik für Muslime verboten sei.

„Haram“: Mit dem Bild einer brennenden Gitarre bewarb der Psychologe bei Facebook einen Kurzvortrag. In dem behauptet der Prediger Abul Baraa, dass Musik für Muslime verboten sei. ( Foto: Hämmelmann)

Den 13-jährigen Bombenbastler aus Ludwigshafen hat zeitweise ein Psychologe betreut, der selbst in die islamistische Szene verstrickt ist.

«Ludwigshafen/Mannheim.» Lodernde Flammen, die eine E-Gitarre verbrennen: Anfang 2014 verbreitet ein Mannheimer, der sich „Ibrahim“ nennt, dieses feurige Bild auf seinem Facebook-Profil. Er bewirbt damit einen Internet-Vortrag des Berliner Predigers Abul Baraa. Der erklärt in dem Sechs-Minuten-Mitschnitt, dass Musik „haram“ ist – verboten, so wie zum Beispiel Alkohol. Die meisten Muslime würden dem Islamisten in Bezug auf die Musik widersprechen. Der Konvertit „Ibrahim“ hingegen lässt immer wieder erkennen, dass er Extrempositionen teilt.

Im Sommer 2013 berichtet er, dass er für die – 2016 dann als verfassungsfeindlich verbotene – „Lies!“-Kampagne Koran-Übersetzungen verteilt hat. Ein paar Monate später lädt er das Logo der Hilfsorganisation IHED hoch, deren Vorsitzender mittlerweile Mekka-Reisen mit islamistischen Predigern organisiert (wir berichteten). Kurz vorher hat „Ibrahim“ verkündet, dass er in einem T-Shirt dieses Vereins bei einem Auftritt Pierre Vogels dabei war. Gleichzeitig verteidigt er den Star der Islamisten-Szene vehement gegen den immer wieder erhobenen „Hassprediger“-Vorwurf.

Nach neun Jahren Studium abgeschlossen

Ende 2015 folgt dann ein weiteres Anti-Musik-Bildchen. Da hat „Ibrahim“ nach neun Jahren endlich sein Studium abgeschlossen, nun ist er Diplom-Psychologe. Als solcher wird der 30-Jährige im Frühjahr 2017 von einer Organisation engagiert, die sich im Auftrag der Stadt Ludwigshafen eines bundesweit bislang einmaligen Falls annehmen soll: Es geht um den 13-jährigen Jungen aus einer irakischen Familie, der mit den IS-Terroristen sympathisiert und, möglicherweise via Internet von ihnen gesteuert, Bomben gebastelt sowie ein Attentat geplant haben soll.

Dass einer seiner sieben Rund-um-die-Uhr-Betreuer selbst in die islamistische Szene verstrickt ist, fällt erst nach mehreren Wochen auf. Dabei trägt der Mann da längst einen auffälligen, nur über der Oberlippe gestutzten Rauschebart. So machen das gerade die Anhänger des Salafismus, einer besonders radikalen Strömung des Islamismus. Doch vielleicht hat sich sein Arbeitgeber täuschen lassen, weil der Psychologe das auf Facebook verwendete „Ibrahim“ eher wie einen Künstler- oder Spitznamen benutzt, während in seinem Ausweis ein deutsch klingender Name steht.

Eine Spur führt zu einem Flirtseminar

Wer dem im Internet nachspürt, landet zum Beispiel bei einem Eintrag aus dem Jahr 2008. Da wird in einem Internetforum ein Seminar angekündigt: In einem Heidelberger Gewerkschaftshaus können Männer lernen, wie sie Frauen verführen. Auch praktische Übungen mit einer „Assistentin“ werden versprochen. Einer der beiden Referenten trägt den deutschen Namen des späteren „Ibrahim“. Und ein Forumsmitglied schwärmt gleich von dessen Fähigkeiten. Bei einem gemeinsamen Club-Besuch sei dieser Flirtlehrer sofort wieder verschwunden: „zu einem Dreier“.

Später engagiert sich „Ibrahim“ eher sozial: Er sammelt Spenden für eine Mannheimer Kinderkrebsstation, gibt den Krankenhaus-Clown. Und macht bei Greenpeace mit. Ein Video aus dem Jahr 2012 beispielsweise zeigt, wie er mit anderen Aktivisten vor der Staatskanzlei in München ein großes Banner entrollt und so für den Schutz der bayerischen Buchenwälder eintritt. Noch im gleichen Jahr verkündet er bei Facebook, dass er jetzt „endlich Moslem“ sei. Doch zunächst scheint „Ibrahim“ unsicher, wie genau er seinen neuen Glauben zu leben hat.

Fragen der RHEINPFALZ bleiben unbeantwortet

So lädt er im Sommer 2013 zu einer Geburtstagsfeier ein, die er gleich darauf umwidmet. Radikale Muslime lehnen solche Feierlichkeiten ab, also erklärt er den Abend zur Spendensammelparty für krebskranke Kinder und für die Syrien-Nothilfe. Ein paar Monate zuvor hat er bei Facebook mitgeteilt, dass er nun auch heiraten will. Nur die Frau dafür fehlt ihm, also bittet er um Hinweise auf eine passende Kandidatin: Arabisch oder Russisch sollte sie sprechen, und, natürlich, gläubige Muslima sein.

Doch zugleich kann „Ibrahim“ weiter wie ein hipper, links-alternativ angehauchten Jung-Akademiker auftreten. Er betreibt Improvisationstheater und macht bei Kurzfilm-Projekten mit, bekennt sich zum Antikapitalismus und zu politischen Positionen der Linkspartei. In seinem bislang letzten frei einsehbaren Facebook-Eintrag geht es wieder um den Schutz der Wale. Wenige Tage nach dessen Veröffentlichung wurde er Betreuer des 13-Jährigen – bis die Behörden ihn am 19. Mai abgezogen, weil ihnen seine Verstrickung ins islamistische Milieu doch noch aufgefallen war.

Eine Liste mit RHEINPFALZ-Fragen dazu ließ der 30-Jährige bislang unbeantwortet. Dafür bietet er im Internet Selbstzahlern weiterhin seine Dienste als Psychologe an: Für 60 Euro pro Sitzung verspricht er zum Beispiel Paar- und Sexualberatung, Burnout-Beratung und Klinikseelsorge. Sein ehemaliger Schützling macht nach Einschätzung des Ludwigshafener Jugendamts derweil zarte Fortschritte. Der 13-Jährige gibt demnach Frauen die Hand, und sogar Musik hört er inzwischen wieder – obwohl ausgerechnet ihm ein Betreuer vorgesetzt wurde, der Bilder brennender E-Gitarren verbreitet.

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