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Donnerstag, 11. September 2014 Drucken

Südwest

Staatsanwalt hält Gasexplosion für Mordanschlag

Strafprozess-Auftakt um Inferno von Harthausen vor einem Jahr – Zwei mutmaßliche Brandstifter angeklagt – Befangenheitsantrag gegen Richter

Von Stefan Fischer

 

Der Hauptangeklagte verbirgt sein Gesicht unter seiner Kapuze, seine mitangeklagte Ex-Freundin ihres hinter einem Papierstapel. Dazwischen sitzen die Rechtsanwälte der 27-Jährigen, Jan Fritz und Gabriele Haas. ( Foto: Bolte)

Frankenthal. Die beiden mutmaßlichen Verursacher der Gasexplosion von Harthausen (Rhein-Pfalz-Kreis) vor knapp einem Jahr stehen seit gestern vor dem Landgericht Frankenthal. Die Staatsanwaltschaft hält einen 40 Jahre alten Mann für den Haupttäter. Er habe töten wollen, sind die Strafverfolger überzeugt. Seine damalige Freundin habe er mit regelmäßigen Misshandlungen zur Komplizenschaft gezwungen. Die Verteidiger des 40-Jährigen hatten indes einen Befangenheitsantrag gegen die Richter gestellt, der ohne Erfolg blieb.

 

Die verheerende Explosion auf dem Gelände eines Flüssiggashandels mit 17 teils schwer verletzten Feuerwehrleuten und mehr als zehn Millionen Euro Schaden war nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft keine aus dem Ruder gelaufene Brandstiftung. Der 40-jährige Mann, der aus Franken stammt, habe die möglichen Folgen seiner Tat einkalkuliert. So schilderte es Staatsanwalt Benjamin Mais bei der Anklageverlesung. Und nicht nur das: Der 40-Jährige habe „heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln“ Menschen töten wollen. Und zwar den Harthausener Gashändler sowie dessen Tochter. Mit der unterhielt der Angeklagte früher eine geschäftliche und private Beziehung. Zum Motiv sagte Mais nach der Verhandlung gegenüber der RHEINPFALZ: „Eifersucht und Rache spielen hier durchaus eine Rolle.“

In der Anklageschrift versucht die Staatsanwaltschaft, die Geschehnisse in der Tatnacht zu rekonstruieren. Dabei stützt sie sich weitgehend auf die Aussage der mitangeklagten 27-jährigen Ex-Freundin des Franken, die ein umfassendes Geständnis abgelegt hat. Der mutmaßliche Haupttäter hat bisher zu den Vorwürfen geschwiegen. Sein Anwalt Markus Meißner sagte der RHEINPFALZ, möglicherweise werde sich sein Mandant zu einem späteren Zeitpunkt im Prozess äußern.

Staatsanwalt Mais berichtete von einem äußerst gewalttätigen Umgang des Hauptangeklagten mit der 27-Jährigen. So habe es einen besonders heftigen Streit im November 2013 gegeben. Dabei habe der Franke seine Freundin an den Haaren zu Boden gezogen, mehrfach getreten, an den Haaren über den Boden geschleift, gewürgt und mit einer Gewindestange geschlagen. Aber auch zuvor habe er sie mehrfach misshandelt und so gefügig gemacht, dass sie zu einer Brandstiftung bereit war. Ende April soll sie im fränkischen Burgbernheim einen Lastwagen der Tochter des Harthausener Gashändlers in Brand gesetzt haben. Dabei entstand ein Schaden von 70.000 Euro. Der 40-Jährige sei zu dem Zeitpunkt in einer Spielhalle gewesen, um ein Alibi zu haben.

Die 27-Jährige sei so gefügig gewesen, dass sie nicht mal gefragt habe, wo es hin gehe, als ihr Freund sie in der Nacht zum 28. September vergangenen Jahres aufforderte, mit ihm mitzufahren. Erst eine halbe Stunde vor der Ankunft in Harthausen sagte er ihr den Angaben zufolge, dass er Lastwagen anzünden wolle.

Vor Ort sei er über den Zaun des Gashandels gestiegen. Sie habe ihm zwei Kanister mit jeweils sieben Liter Benzin rübergereicht und dann Schmiere gestanden. Der 40-Jährige habe schließlich drei Lastwagen angezündet, um die Gastanks zur Explosion zu bringen. Ein Tank explodierte später tatsächlich, wobei die 17 Wehrleute verletzt wurden. Einer der Lastwagen stand zum Zeitpunkt der Brandstiftung ganz in der Nähe der beiden Häuser, in denen der Gashändler, seine Frau, deren Tochter und Enkel schliefen. Der Angeklagte „wollte die beiden Häuser zum Einsturz bringen“, sagte der Staatsanwalt.

Das habe seine mutmaßliche Komplizin aber nicht gewusst. Der 27-Jährigen sei nicht klar gewesen, dass auf dem Gelände Gas lagere und Menschen getötet werden sollten. Deshalb wird gegen sie nicht der Vorwurf des versuchten Mordes erhoben. Sie muss sich lediglich wegen Brandstiftung und Beihilfe dazu verantworten. So steht es auch im Eröffnungsbeschluss des Gerichts zum Prozess, weswegen die beiden Verteidiger des Hauptangeklagten bereits am Montag einen Befangenheitsantrag gegen die Richter gestellt hatten. Das teilte der Vorsitzende Richter Michael Wolpert zu Beginn der Verhandlung gestern mit. Rechtsanwalt Meißner begründete dies gegenüber der RHEINPFALZ damit, dass die 27-Jährige „unverhältnismäßig gut wegkomme“. Er äußerte Zweifel an ihrer angeblichen Ahnungslosigkeit. Der Befangenheitsantrag war am Vortag des Prozesses jedoch abgewiesen worden.

Der mit einem grauen Kapuzenpulli bekleidete 40-Jährige verfolgte die Verlesung der Anklageschrift ohne größere Regung. Mit verschränkten Armen stützte er sich auf seinen Tisch und blickte durchgehend auf den Laptop eines seiner Verteidiger. Seine mitangeklagte frühere Freundin richtete ihren leeren Blick auf die Tischplatte vor ihr und atmete hin und wieder schwer.

Zum Prozessauftakt war es nicht zu dem erwarteten Besucheransturm gekommen. Neben rund 40 Medienvertretern waren etwa 20 Zuschauer, zum Teil aus Harthausen, erschienen. Die Prozessbeobachter mussten sich umfassend durchsuchen lassen. Die Kontrollen dauerten länger als die Verhandlung, die nach etwa einer halben Stunde beendet war.

Fortgesetzt wird der Prozess vor dem Frankenthaler Landgericht am 29. September um 9 Uhr.

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