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Samstag, 10. März 2018 Drucken

Südwest

Selbstversuch: Mit der Feuerwehr bei der Atemschutz-Prüfung

Von Christoph Hämmelmann

Die Füße voran: RHEINPFALZ-Redakteur Christoph Hämmelmann (links) kriecht mit einem Feuerwehrmann durch den Ludwigshafener Gitterkäfig für Atemschutz-Übungen. (Foto: Kunz)

Wer als ehrenamtlicher Retter zu Atemschutzeinsätzen bereit ist, muss einmal jährlich durch eine enge und verwinkelte Übungsstrecke. So eine Anlage steht zum Beispiel im Keller einer Ludwigshafener Feuerwache. Ein RHEINPFALZ-Redakteur ist mit Wehrleuten hineingekrochen – und bei seinem ersten Versuch schnell gescheitert. Aber er bekam eine zweite Chance.

In der nachtschwarzen Finsternis vor mir schimmert fahl nur ein gelblicher Helm. Oben, unten, vorne, links, rechts: Überall stoße ich gegen Metallstäbe. Sie scheppern in das Zischen, mit dem die Sauerstoffflasche jeden meiner Atemzüge quittiert. Immer schneller tut sie das jetzt. Und doch habe ich das Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen. Panik steigt in mir auf. Ich atme durch. Kämpfe sie nieder. Und schon kommt sie zurück. „Thomas, ich breche ab“, quäke ich durch die Maske.

Sofort flackert Licht auf. Starke Arme stellen meine Füße zurück auf die Trittleiter vor der Eingangsluke, zupackende Hände nehmen mir den Helm ab, beruhigende Stimmen fragen nach meinem Zustand. Und wollen schon bald wissen, ob ich später einen zweiten Versuch wage. Doch erst einmal falle ich, schweißnass, kleinlaut, wackelig, auf einen Stuhl im Nebenzimmer. Dort zeigt ein Bildschirm Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Nachtsichtkameras. Sie überwachen das Gitterkäfig-System für Atemschutzprüfungen im Keller der Ludwigshafener Feuerwache Nord.

80 Zentimeter hoch ist der Kriechweg

Mir verraten sie nun, wie es drüben weitergeht: Thomas Bader, hinter dem ich eigentlich herkrabbeln sollte, schiebt sich allein durch die Anlage. Windet sich um die Ecken. Ertastet die Durchlässe. Robbt über schiefe Ebenen. Erspürt, wie Gittertüren aufgehen. Denn die versperren ständig den 92 Zentimeter breiten und 80 Zentimeter hohen Kriechweg. Routiniert gleitet der Oberbrandmeister dahin, er meistert den Parcours schon zum 20. Mal: Einmal jährlich muss hier durch, wer bei einer freiwilligen Feuerwehr ist und dort auch für Atemschutzeinsätze bereitsteht.

: Thomas Bader schließt die Maske des Journalisten an die Sauerstoffflasche an. Foto: Kunz

Thomas Bader schließt die Maske des Journalisten an die Sauerstoffflasche an. Foto: Kunz

: Thomas Bader (links) ist stellvertretender Zugführer bei der Freiwilligen Feuerwehr in Heßheim. Gerade hilft er Christoph Hämmelmann für dessen Atemschutz-Selbstversuch in die Jacke. Foto: Kunz

Thomas Bader (links) ist stellvertretender Zugführer bei der Freiwilligen Feuerwehr in Heßheim. Gerade hilft er Christoph Hämmelmann für dessen Atemschutz-Selbstversuch in die Jacke. Foto: Kunz

: Zehn Kilo wiegt die volle Sauerstoffflasche. Foto: Kunz

Zehn Kilo wiegt die volle Sauerstoffflasche. Foto: Kunz

: Im Gitterkäfig: Christoph Hämmelmann krabbelt zur nächsten Falltür. Foto: Kunz

Im Gitterkäfig: Christoph Hämmelmann krabbelt zur nächsten Falltür. Foto: Kunz

: Anstrengung vor der eigentlichen Prüfung: Christoph Hämmelmann zieht Gewichte. Foto: Kunz

Anstrengung vor der eigentlichen Prüfung: Christoph Hämmelmann zieht Gewichte. Foto: Kunz

: Erfahrener Feuerwehrmann: Thomas Bader. Foto: Hämmelmann

Erfahrener Feuerwehrmann: Thomas Bader. Foto: Hämmelmann

: Anprobe: Christoph Hämmelmann mit Feuerwehr-Schutzjacke. Foto: Bader

Anprobe: Christoph Hämmelmann mit Feuerwehr-Schutzjacke. Foto: Bader

Wie viele Ehrenamtliche die entsprechende Ausbildung, den Fitness-Test beim Arzt und die jährliche Gitterkäfig-Prüfung tatsächlich auf sich nehmen, lassen die ohnehin lückenhaften Feuerwehrstatistiken des Landes offen. Klar ist: Die Rettertruppen können auch Leute brauchen, für die so eine Anstrengung zu groß wäre. Schließlich geht es bei etwa zwei Drittel ihrer Einsätze nicht um Brände, sondern um Verkehrsunfälle, verirrte Tiere, ausgelaufenen Treibstoff oder verschlossene Wohnungstüren, hinter denen ein hilfloser Mensch liegen könnte.

Der Pendleranteil dürfte gestiegen sein

Doch die Wehrleute werden weniger. Genauer nachgerechnet hat Rheinland-Pfalz letztmals im Jahr 2012. Damals wurden gut 55.000 Aktive gezählt. Mittlerweile stehen, so schätzt ihr Verband, noch etwa 51.000 Freiwillige bereit. Unter ihnen dürfte, weil es so Trend ist, der Berufspendler-Anteil gestiegen sein. Und wer gerade außerhalb des eigenen Wohnorts ist, braucht gar nicht erst loszusprinten, wenn der Piepser ruft. Wie oft alarmiert wird, ist von Gemeinde zu Gemeinde verschieden: In abgelegenen Dörfern passiert weniger als in Ballungsräumen.

Thomas Bader muss sich an Sportgeräten abrackern

Für meine Begleiter sind es nur ein paar Kilometer bis zur Übungsanlage in Ludwigshafen, die fünf Wehrleute kommen aus Heßheim im Rhein-Pfalz-Kreis. Der jüngste unter ihnen muss ungefähr in der Zeit zur Welt gekommen sein, in der Thomas der Wehr beitrat. Viele Lehrgänge später ist der 40-Jährige stellvertretender Zugführer. Und soeben dem Gitterkäfig wieder entstiegen, aber mit der Prüfung noch nicht fertig: Er muss die Atemschutzmaske ein paar weitere Minuten auf dem Kopf lassen und sich an Sportgeräten abrackern.

Schon im Vorprogramm gescheitert

Gewichte ziehen, im strammen Geh-Tempo übers Laufband eilen, auf rotierenden Sprossen den 15-Meter-Aufstieg auf einer Drehleiter simulieren: Diese Stationen hatten wir bereits gemeinsam und vorab durchlaufen, ehe wir in den Gitterkäfig stiegen. Und eigentlich war ich da schon zum ersten Mal gescheitert. Denn bereits nach dem Vorprogramm hatte ich das Atemnot-Gefühl bekommen und die Maske für ein paar Durchschnauf-Minuten vom Kopf gezerrt. Für einen echten Feuerwehrmann wäre die Prüfung damit schon vorbei gewesen, ehe sie so richtig begonnen hat.

Sensoren überwachen den Puls der Wehrleute

Thomas hingegen schafft auch den zweiten Sportgeräte-Durchgang, ohne seinen Puls allzu sehr in die Höhe zu treiben. Wie es gerade um seinen Kreislauf steht, wird laufend überwacht: Ehe wir die dunkelblauen Schutzjacken anzogen, haben wir uns Sensoren mit Gummibändern direkt auf die Brust geschnallt. Die Messergebnisse werden am Bildschirm unter den Aufnahmen der Nachtsichtkameras angezeigt. Als Aufseher sitzen davor zwei Berufsfeuerwehrmänner, die in der Wache stationiert sind und jetzt die nächsten zwei Heßheimer beobachten.

Aus Lautsprechern kommen gellende Hilfeschreie

Nebenbei allerdings plaudern sie darüber, wie sie mich doch noch durch den Gitterkäfig bugsieren könnten. Und sie zeigen mir, was die Anlage alles kann: Plötzlich heizen Wärmestrahler den beiden Prüflingen ein, obwohl die in ihren schweren Schutzanzügen ohnehin schon schweißnass sein müssen. Danach lassen Lautsprecher bedrohliches Feuer-Fauchen und gellende Hilfeschreie durch den Keller dröhnen. Dieser schauerliche Lärm steigert nicht nur den Stress, er erschwert auch die Verständigung. Doch im Einsatz kann Kommunikation über Leben und Tod entscheiden.

Mehr zur Vorgeschichte seines Atemschutz-Selbstversuchs berichtet Christoph Hämmelmann im Blog der Redaktion

Dabei erleben die Ehrenamtlichen immer wieder, dass sie als bloße Absperrhütchen-Aufsteller und Flatterband-Spanner abgetan werden. Oder dass Menschen sie mit der Berufsfeuerwehr verwechseln und sagen, dass die Helfer ja nur ihren mit Steuergeld entlohnten Job gemacht hätten. Doch fest angestellte Rettertruppen leisten sich nur Flughäfen, Großbetriebe wie die BASF oder Metropolen wie Kaiserslautern und Ludwigshafen. Und selbst dort stehen zusätzlich freiwillige Wehrleute bereit, während außerhalb der Großstädte ohnehin immer Ehrenamtliche anrücken.

Die Ehrenamtlichen müssen ähnlich gut ausgebildet sein

Einem lodernden Feuer allerdings ist es egal, ob es von Freizeit-Wehrleuten oder von deren Profi-Kollegen gelöscht wird. Also müssen alle ähnlich gut ausgebildet sein. Und immer wieder probeweise erspüren, wie es ist, wenn man durch dicke Rauchschwaden kriecht, um zwischen Trümmern und umgestürzten Möbeln bewusstlose Menschen zu ertasten. Im Übungskäfig winden sich die Retter alljährlich durch eine andere Strecke. Denn die Gittermodule sind nur ineinandergesteckt, können daher zu immer neuen Varianten zusammengebaut werden.

Kollabierte Feuerwehrleute können leicht geborgen werden

Weiterer Vorteil: So können Wehrleute schnell geborgen werden, falls sie irgendwo in der Anlage kollabieren. Ob ich das Wissen um diesen Hintergedanken der Konstrukteure beruhigend finde, weiß ich selbst nicht so genau. Jedenfalls schultere ich jetzt wieder die Zehn-Kilo-Sauerstoffflasche, um mich tatsächlich noch einmal in den Gitterkäfig zu wagen – diesmal allerdings, das habe ich mir ausbedungen, bei eingeschaltetem Licht. Vor mir her kriecht nun einer der Aufseher von der Berufsfeuerwehr, dafür hat er extra sein Abendessen verschoben.

Im Schluss-Abschnitt geht das Licht doch wieder aus

Immer wieder schaut er nach hinten, um mit dumpfer Maskenstimme zu fragen, ob bei mir alles in Ordnung ist. „Alles gut“, antworte ich dann, während ich gegen Gitterstäbe stoße. Mich um Ecken winde. Über schiefe Ebenen robbe. Irgendwie schiebe ich mich auch unter zwei Tauen durch, die so herabbaumeln, dass die Sauerstoffflasche sich in ihnen verheddern muss. Dann erreichen wir den letzten Abschnitt, können plötzlich stehen: Vom Boden bis zur Decke sind es nun stolze 1,80 Meter. Und dieses Stück soll ich jetzt doch noch im Dunkeln bewältigen.

Das letzte Hindernis: eine alte Matratze

Wieder schimmert fahl in nachtschwarzer Finsternis vor mir nur ein gelblicher Helm. Und Metallstäbe scheppern in das Zischen, mit dem die Sauerstoffflasche jeden meiner Atemzüge quittiert. Schön gleichmäßig tut sie das jetzt. Auch wenn plötzlich die Boden unter mir nachgibt. Dass ich einfach nur über das letzte Hindernis, eine alte Matratze, gestapft bin, verstehe ich erst, als das Licht wieder aufflackert – und ich mir die Maske vom Gesicht zerren darf.

Mehr zur Vorgeschichte seines Atemschutz-Selbstversuchs berichtet Christoph Hämmelmann im Blog der Redaktion

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