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Dienstag, 23. April 2019 Drucken

Südwest

Pfälzer Bauer verkauft „Brudereier“ – die Antwort auf Kükenschreddern

Von Simone Schmidt

Männliche Küken auf einem Biohof. (Foto: dpa)

„Nach Ostern will keiner mehr Eier“: Öko-Landwirt Markus Goyert. (Foto: Schmidt)

Bruder-Ei aus Stall vier (Ziffernende).

Ihr Bruder wurde nicht gleich getötet.

Bilder von flauschigen Küken, die kurz nach dem Schlüpfen in einem Schredder sterben, haben Verbraucher aufgeschreckt. Eine Antwort der Branche darauf sind „Brudereier“: Eier aus Gelegen, bei denen auch männliche Küken länger leben. Doch die paar Cent mehr für ein solches Ei ist nur die Hälfte der Rechnung, sagt Bio-Bauer Markus Goyert aus Altleiningen.

Den Männern geht es an den Kragen. Männlichen Küken zumindest, denn die legen bekanntermaßen keine Eier und sind deshalb in einem Legehennenbetrieb unnütz. In Deutschland schlüpfen laut Statistischem Bundesamt jährlich rund 48 Millionen weibliche Küken – ebenso viele dürften vergast oder geschreddert werden – sie landen im Tierfutter. Nur Nordrhein-Westfalen und Hessen haben als einzige deutsche Bundesländer das Töten von Eintagsküken aus wirtschaftlichen Gründen als tierschutzwidrig untersagt. In NRW wurde der Erlass des Verbraucherschutzministeriums allerdings im Januar 2015 durch das Verwaltungsgericht Minden wieder kassiert.

Warum aber werden die Männer unter den Küken umgebracht? Aus Hühnereiern schlüpfen naturgemäß zu etwa gleichen Teilen männliche und weibliche Küken. Während in Mastbetrieben beide Geschlechter willkommen sind, ist das in Eierbetrieben anders. Das Problem ist so alt, wie es Hochleistungsproduktion in der Agrarindustrie gibt und ein Huhn auf einem Bauernhof nicht mehr Ei und Fleisch zugleich auf den Tisch bringt, sondern Eier- und Fleischproduktion getrennte Bereiche sind: mit unterschiedlichen Hühnerrassen.

Kükenschreddern gibt es schon lange

Kükenschreddern gibt es nach Auskunft der Verbraucherschutzzentrale in Mainz schon lange – „nur gab es lange Zeit keine Bilder dazu“, sagt Waltraud Fesser, Bereichsleiterin Lebensmittel und Ernährung. Erst mit den Fotos kam bei manchen Verbrauchern das Entsetzen und damit erst vor wenigen Jahren der Druck auf Höfe und Industrie, zu reagieren.

Eine Antwort sind Brudereier, Henne&Hahn- oder Henne-und-Gockel-Eier – verschiedene Namen, die alle für eine Initiative stehen: auch Bruderküken (erst) einmal leben zu lassen – wie ihre Schwestern. Dahinter stehen ethische und tierschutzrechtliche Gründe. Die Produkte – es gibt sie in der konventionellen und vor allem der Bio-Landwirtschaft – sind Nischenprodukte. „Ein Bruder… was?“ fragen viele, die das Wort zum ersten Mal hören. Selbst Bio-Einkäufer kennen den Begriff nicht unbedingt.

„Sieht aus wie ein normales Ei und ist es ja auch.“ Bio-Landwirt Markus Goyert, 39, vom Neuhof in Altleiningen (Kreis Bad Dürkheim) hält ein braunes Ei in der Verpackstation hoch. Im Ökobereich ist er einer der größten Brudereier-Anbieter in Rheinland-Pfalz, seit er vor rund drei Jahren auf die Anti-Küken-Schredder-Schiene aufgestiegen ist. 275.000 Stück verkauft er pro Jahr. Aktuell hat er 2800 Hühner, ein Drittel ist aus der Bruderhahn-Aufzucht. Für diesen Teil der Legehennen zahlt er Geld an den Demeter-Brütebetrieb Schubert in Nürnberg, damit der auch die Hähne großzieht. Die dürfen statt einem Tag knapp fünf Monate leben.

„Die vier Cent mehr zahlen viele gern“

„Das aber ist teuer“, sagt der 39-Jährige, „die Aufzucht eines solchen Hahns dauert länger als bei einem Masttier und bringt auch noch weniger Fleisch“. Ein doppeltes Problem also. Finanziert wird das Ganze nur zu einem Teil über den Preis der Brudereier. Die kosten bei Goyert 48 statt 44 Cent für ein herkömmliches Bio-Ei.

„Die vier Cent mehr zahlen viele gern“, so der Landwirt, „wenn sie einmal wissen, dass sie Küken schützen“. Doch das sei nur die halbe Wahrheit. Wer die Brüder aufzieht, muss auch das Fleisch dazu verkaufen. „Das wissen die wenigsten.“ Entsprechend eines Punktesystems muss Goyert seinem Hennen-Lieferanten auch Gockel-Suppenfonds, Geflügelwurst und Hühnerbolognese abnehmen. Und die wiederum müssen die Bioläden und der Bio-Handel weitervertreiben, was bei den Kunden noch nicht so gut ankomme.

Der Landwirt und Familienvater hat ein einfaches Rechenexempel: Wenn jeder Deutsche, der im Jahr etwa 240 Eier konsumiert, noch dazu eine Legehenne und einen Bruderhahn isst – und nicht nur die Hühnerbrüste – „dann ist die Rechnung rund.“ Mittlerweile haben auch Supermärkte das Nischenprodukt in ihrem Sortiment. Der Biomarkt Alnatura in Kaiserslautern genauso wie die Pirmasenser Wasgau AG: „Henne&Hahn Für mehr Tierwohl“ prangt auf einer Eierschachtel im Deidesheimer Wasgau-Markt – hier handelt es sich ausnahmsweise nicht um Bio-Eier. Auch an Ostern waren gefärbte Brudereier gefragt. „Die gingen weg wie nix“, sagte Gabi Riefling-Repp vom Weltladen in Schifferstadt auf Nachfrage zu ihrer Aktion – 180 Eier waren es in einer Woche zu 60 Cent das Stück. Auch die katholischen Kirchengemeinden in Schifferstadt hätten nach dem Ostergottesdienst Gockeleier verteilt. „Wir müssen Prioritäten setzen“, meint Riefling-Repp. Sie findet, dass Öko nicht nur was für Reiche ist.

Weitere Option: Zweinutzungshühner

Langfristig sollen in Deutschland keine Küken mehr geschreddert werden; ursprünglich plante die große Koalition schon ein Verbot ab diesem Herbst. Die Entwicklung von Alternativen zu Gockeleiern verzögerte sich. Die Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei, die das Bundeslandwirtschaftsministerium eigenen Angaben zufolge mit 6,5 Millionen Euro gefördert hat, sei auf dem Weg zur Serienreife, so das Ministerium. Männliche Küken werden damit gar nicht erst ausgebrütet. In 380 Berliner Filialen der Rewe Gruppe werden demnach etwa 100.000 Eier aus diesem Verfahren verkauft. Bis Ende 2019 sollen dann überall in den 5500 Rewe- und Penny-Märkten „respeggt-Freiland-Eier“ zu haben sein.

Eine weitere Option ist die Züchtung von Zweinutzungshühnern, die beides erfüllen sollen: eine Hühnerrasse, bei der die Frauen Eier liefern, die Männer Fleisch – mit dann weniger Masse in beiden Bereichen. Klingt irgendwie nach zurück in die Zukunft – nach dem Motto „weniger ist mehr“. Eine Zweinutzungs-Rasse in der Bio-Landwirtschaft ist schon gefunden: Sie heißt „Coffee & Cream“ ...

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