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Mittwoch, 04. Juli 2018 Drucken

Südwest

Mordprozess Kandel: Ist die Narbe wirklich von den Taliban?

Von Christoph Hämmelmann

Menschenleeres Treppenhaus: Für den Mordprozess gegen Abdul D. wird das Landauer Gerichtsgebäude abgeschirmt.

Menschenleeres Treppenhaus: Für den Mordprozess gegen Abdul D. wird das Landauer Gerichtsgebäude abgeschirmt. ( Archivfoto: van)

Auch wenn er bei Prozessbeginn über sein Vorleben geredet hat: Die Richter wissen noch wenig über Mias mutmaßlichen Mörder.

Im Mordprozess um den Tod der 15-jährigen Mia in Kandel ist der Angeklagte nicht nur nach der Tat gefragt worden. Hinter den verschlossenen Türen des Landauer Gerichtssaals ging es auch schon um den bisherigen Lebensweg des Afghanen. Doch trotz seiner Antworten soll vieles unklar geblieben sein. Zum Beispiel, ob ihn die Taliban in seiner Heimat tatsächlich schwer verletzt hatten.

Nichts außer Papier-Unterwäsche dürfen junge Männer anziehen, die in die kahle Spezialzelle im Keller müssen. Denn aus der zerreißbaren Notkleidung kann sich niemand einen Strick drehen. Und im „besonders gesicherten Haftraum“ bringt das Schifferstadter Jugendgefängnis Insassen unter, die als selbstmordgefährdet gelten. Auch der am 28. Dezember 2017 eingelieferte Untersuchungshäftling und afghanische Staatsbürger Abdul D. landete zeitweise dort, weil er so verzweifelt wirkte.

Als mutmaßlicher Mörder der Ex-Freundin angeklagt

 

Schließlich, so ungefähr muss er es Betreuern in der Haft erklärt haben, gab es in Deutschland außer einem Verwandten nur eine Person, zu der er eine engere Bindung hatte: die 15-jährige Mia. Die allerdings hat er am 27. Dezember in Kandel erstochen, nachdem sie sich Wochen zuvor von ihm getrennt hatte. Als mutmaßlicher Mörder seiner Ex-Freundin steht er inzwischen in Landau vor Gericht – in einem nicht-öffentlichen Verfahren. Denn die Behörden kennen sein Geburtsdatum nicht, einem Gutachter zufolge ist er vielleicht noch minderjährig.

Also wird der Landauer Prozess gegen ihn heute am zweiten Verhandlungstag von Polizei und Justiz wieder in etwa so abgeschirmt, wie es auch schon am ersten Termin vor gut zwei Wochen geschah. Da sprach Abdul D. hinter den für Außenstehende verschlossenen Türen des Gerichtssaals zum ersten Mal über seine Tat und bekundete auch Reue, doch dabei soll er sich kurz gefasst haben. Ausführlicher scheint er auf Fragen zu seiner eigenen Lebensgeschichte geantwortet zu haben. Doch auch da blieb nach RHEINPFALZ-Informationen vieles offen.

Abdul D. will von Taliban misshandelt worden sein

 

Unklar soll beispielsweise sein, ob die Mutter des Angeklagten noch lebt. Ob er in seiner Heimat mehr Unterricht bekommen hat als den einer Koranschule. Ob seine Familie tatsächlich so reich ist, wie gemunkelt wird. Oder ob er wirklich Angehörige hat, die zu Opfern der Taliban wurden. Dass er vor den Glaubenskriegern geflohen sei, behauptete Abdul D. bei einer Asyl-Anhörung im Februar 2017. Schließlich habe sein Vater früher Treibstoff für die US-Armee transportiert. Doch dann hätten die Islamisten das Heimatdorf der Familie in der Provinz Kabul erobert.

Von den neuen Herrschern will Abdul D. schwer misshandelt worden sein: Sie hätten ihn bei einer ihnen als unislamisch verhassten Sportart erwischt. Und zur Strafe sei ihm eine schlimme Schnittverletzung zugefügt worden. Ein gemeinsam mit ihm nach Deutschland gekommener Verwandter allerdings soll gesagt haben: Er wisse nichts von so einer Gewalttat. Andererseits hat der Angeklagte eine Narbe, die in etwa zu seiner Taliban-Geschichte passen könnte. Doch dieses Verletzungsmal soll er auch schon auf einen Überfall iranischer Wegelagerer zurückgeführt haben.

Er war schon in Ungarn registriert

 

Durch den Iran dürfte Abdul D. jedenfalls gekommen sein, danach scheinen er und sein Verwandter sich durch die Türkei, Griechenland, Serbien und Kroatien bis nach Ungarn durchgeschlagen zu haben. Dort wird der Angeklagte am 10. April 2016 amtlich registriert. Zehn Tage später erfassen ihn deutsche Behörden: Bundespolizisten entdecken ihn, seinen Angehörigen und weitere frisch über die Grenze geschmuggelte Migranten auf einem Pendlerparkplatz bei Passau. Etwa fünf Wochen später werden die zwei jungen Afghanen dem Kreis Germersheim zugewiesen.

Der bringt sie zunächst in einem Wörther Heim für minderjährige Flüchtlinge unter. Im September 2017 wechseln die Verwandten dann in eine Einrichtung in Neustadt, in der sie mehr Freiheiten haben. Dabei hat das dafür zuständige Bundesamt schon Monate vorher entschieden, dass Abdul D. gar kein Flüchtling ist: Er brauche in Deutschland keinen Schutz, weil ihm in seiner Heimat keine Verfolgung drohe. Doch weil er als Minderjähriger eingestuft worden ist, darf er nicht abgeschoben werden. Stattdessen geht er in die Schule: erst in Germersheim, dann in Kandel.

Mia galt als ruhig, liebenswürdig, engagiert

 

Dort wirkt er bisweilen ruhig und zurückgezogen, dann wieder aufbrausend und aggressiv. Auch die Betreuer in seiner Wohn-Einrichtung erleben Abdul D. mal als fröhlich und offen, mal als schroff. Aber er ist ja auch in der Pubertät. Außerdem bessert sich sein Verhalten. Und dafür, vermuten die Pädagogen, gibt es einen Grund: seine Mitschülerin Mia. Mit ihr ist der Zuwanderer ab dem Winter 2016 liiert, sie gilt als ruhig, liebenswürdig, sozial engagiert. Die Teenager-Liebe macht auch auf Lehrer an der Kandeler Gesamtschule einen guten Eindruck.

Vorsichtshalber nehmen sie Abdul D. trotzdem beiseite, sie erklären ihm: In Deutschland hat man andere Vorstellungen als in Afghanistan, hierzulande dürfen, zum Beispiel, auch Frauen eine Beziehung beenden. Was er dazu gesagt hat, ist in den der RHEINPFALZ vorliegenden Unterlagen nicht überliefert. Klar ist aber: Abdul D. hat zugestochen, nachdem sich Mia endgültig von ihm getrennt und einen neuen Freund hatte. Ende August will das Landauer Landgericht deshalb über ihn das Urteil sprechen.

Im Moment, sagt sein Verteidiger Maximilian Endler, wirkt er „bedrückt und eingeschüchtert“.

Pfalz-Ticker