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Mittwoch, 16. Januar 2019 Drucken

Südwest

Mordprozess in Frankenthal: Gekränkte Ehre als Tatmotiv?

Von Jörg Schmihing

Rückten 2015 mit 25 Mann zu einem blutigen Streit in Mannheim an: Rocker der Osmanen Frankfurt.

Rückten 2015 mit 25 Mann zu einem blutigen Streit in Mannheim an: Rocker der Osmanen Frankfurt. ( Foto: dpa)

Ein 51 Jahre alter Türke liegt am 8. Januar 2018 mit schwersten Stichverletzungen vor dem Hallenbad in Frankenthal, wenige Tage später stirbt er. Der Täter – ein junger Landsmann des Opfers – ist schnell gefasst. Seit Oktober wird ihm vor dem Landgericht Frankenthal der Prozess gemacht. Heute geht die Verhandlung weiter. Der Vorwurf: Mord. Neben der rechtlichen Würdigung der Messerattacke steht die Frage nach den Hintergründen im Mittelpunkt. Gewalt, Gesichtsverlust und Geschäftliches spielen dabei eine Rolle.

Es ist ein schwieriger Spagat, den Karsten Sauermilch versucht: Der Vorsitzende Richter ist einerseits darum bemüht, die Emotionen im Gerichtssaal mit einer möglichst sachlichen Verhandlungsführung im Griff zu behalten. Andererseits will er auch dahinterkommen, was zu dem tödlichen Angriff geführt hat. Und dieses Interesse rührt empfindlich an die Gefühlswelt auf beiden Seiten: beim 26-jährigen Angeklagten und den drei Nebenklägern – Witwe, Schwester und Bruder des Opfers. Dass neben den Justizwachtmeistern zum Teil auch vermummte und bewaffnete Bereitschaftspolizisten den Prozess schützen, spricht für sich.

Wer die Ehre anderer kränkt, muss mit Konsequenzen rechnen

Die mal mehr, mal weniger stringenten Berichte unmittelbarer Tatzeugen sind es insofern nicht, die vor der Hilfsstrafkammer des Landgerichts Frankenthal für hitzige Wortwechsel und wüste Schimpftiraden gesorgt haben. Vielmehr sind es irritierend provokante Auftritte von Männern mit türkischen Wurzeln – die meisten von ihnen in Ludwigshafen aufgewachsen. Wenn sie über die Tat und mögliche Motive reden, dann offensichtlich sehr ungern. Diejenigen unter ihnen, die wohl am besten wissen, warum einer von ihnen tot ist und ein anderer auf der Anklagebank sitzt, ziehen die sichere Karte, verweigern die Aussage: Paragraf 55 Strafprozessordnung. Sie wollen sich nicht selbst belasten. Oder andere ... Denn eins wird im Zeugenstand rasch klar: Wer in dieser Macho-Männerwelt in den Verdacht gerät, die Ehre anderer gekränkt oder sich sonst wie respektlos verhalten zu haben, der muss mit Konsequenzen rechnen: Drohungen, Beleidigungen, Schläge, Waffengewalt.

Und so liegt der Ursprung allen Unglücks wohl im trotzigen Zurschaustellen der Kutte eines rockerähnlichen Boxclubs aus dem Rhein-Main-Gebiet, der Osmanen Frankfurt, durch einen 28-jährigen Türken. Mit dem öffentlichen Bekenntnis zu dem Club, der sonst vor allem mit kurdischen Gruppen im Clinch liegt, zieht er den Unmut einiger Landsleute auf sich, darunter ist auch der heute wegen Mordes angeklagte 26-Jährige.

Bei Rivalität geht es um Geld und um Geschäfte

Die Beteiligung der Rocker an einer wilden Keilerei, bei der im Februar 2015 in Mannheim auch Schusswaffen und Messer zum Einsatz kommen und in deren Verlauf unter anderem der Angeklagte verletzt wird, legt einen Schluss nahe: Bei dieser Rivalität geht es nicht um ethnische Konflikte, sondern um Geld und um Geschäfte. Die Osmanen sind einem Kenner der Frankfurter Club-Szene zufolge seit Jahren als Türsteher eine etablierte Größe im Milieu. Und wer die Tür eines Ladens hat, bestimmt üblicherweise auch, was drin passiert und womit Geld verdient wird. Ihre führenden Leute kenne er als „hochintelligent und hochaggressiv“. Üblicherweise werde Streit aber durch Reden beigelegt, sagt der Mann.

Paradoxerweise könnte ausgerechnet Gerede die Bluttat von Frankenthal ausgelöst haben. Der Hass des Angeklagten auf sein älteres Opfer, ein austrainierter Boxer und Kampfsportler, beruht – so legen es verschiedene Aussagen nahe – auf dessen vom Hörensagen gefestigter Annahme, dass der 51-Jährige sich in den Streit um die Osmanen-Kutte eingemischt und ihn beleidigt habe. Wie sehr ihn das Thema umtreibt, zeigen von der Polizei sichergestellte Protokolle aus dem Kurznachrichtendienst WhatsApp, in denen sich eine vulgäre Beleidigung der vermeintlichen Rivalen an die nächste reiht.

Fußfesseln aus gutem Grund

Allerdings versucht der Angeklagte in seiner zweiten, etwas ausführlicheren Einlassung kurz vor Weihnachten den im Chat vermittelten Eindruck zu entkräften, der Angriff auf seinen Kontrahenten sei von langer Hand geplant gewesen. Er habe nicht gewusst, „dass sein späteres Opfer beim Boxen in Frankenthal auftauchen würde – an jenem 8. Januar, als er nach längerer Pause wieder ins Training einsteigen wollte. Und wenn er es gewusst hätte, wäre er gar nicht erst gekommen, beteuert er.

Warum der von einem ehemaligen Bundesrichter verteidigte 26-Jährige im Gerichtssaal die Fußfesseln anbehalten muss, zeigt sich bei einem Prozesstag Mitte Dezember. Im Zeugenstand: das frühere Osmanen-Mitglied, 28 Jahre alt, aus Ludwigshafen stammend und derzeit in Heilbronn inhaftiert. Es genügen wenige Worte, und der Angeklagte spritzt von seinem Stuhl auf, brüllt ihn an: „Ich f... deine Mutter!“ Wieder einmal muss Richter Sauermilch für Ruhe sorgen, wieder einmal sagt er: „Ich weiß, Sie werden alle keine Freunde mehr ...“

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