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Donnerstag, 19. Juli 2018 Drucken

Südwest

Mordfall Mia: Wo der Verteidiger ansetzen kann

Von Christoph Hämmelmann

Die offene Frage nach dem Grund für die Tat: Um ihn wegen Mordes zu verurteilen, müssen die Richter in ihrem Urteil gegen Abdul D. darauf eine bestimmte Antwort geben. Ein Urteil könnte am 29. August fallen. (Foto: dpa)

Dass Abdul D. seine 15-jährige Ex-Freundin Mia in Kandel erstochen hat, steht zweifelsfrei fest. Offen ist noch, wie ihn die Landauer Richter bestrafen werden. Und mit welchen Argumenten ihn sein Anwalt verteidigen will. Trotzdem lässt sich in etwa abschätzen, was der Jurist im Prozess für seinen Mandanten vorbringen könnte.

2,99 Euro kostet das Messer, das Abdul D. am Nachmittag des 27. Dezember 2017 im Kandeler Netto-Markt kauft und auch gleich auspackt. Dann geht er in einen benachbarten Drogeriemarkt, in dem seine Ex-Freundin und zwei Jungen vor den Kosmetikregalen stehen. Der Afghane packt die 15-jährige Mia und sticht zu: sieben Mal, mindestens. Ihre Verletzungen sind so schwer, dass Ersthelfer und Ärzte für sie nichts mehr tun können: Um 17 Uhr stirbt sie im Krankenhaus.

Erinnerungslücken im Polizeiauto

 

Ein paar Stunden später sitzt der festgenommene Abdul D. in einem Polizeiauto, das ihn nach Landau bringen wird. Während der Fahrt soll er den Beamten erzählt haben, dass er sich an die Ereignisse am Nachmittag nicht erinnern könne. Und in den folgenden Monaten schweigt er ohnehin. Doch was passiert ist, können die Ermittler trotzdem bis ins Detail rekonstruieren. Der Kassenbeleg aus dem Netto-Markt, Spuren am Messer, die Verletzungen an Mias Leichnam und Zeugenaussagen lassen keinen Zweifel daran, wer das Mädchen getötet hat.

 

Doch ob Abdul D. tatsächlich als Mörder verurteilt wird, muss der Landauer Prozess erst noch zeigen. Wenn jemand einen anderen Menschen absichtlich umgebracht hat, werten Juristen die Tat oft als milder zu strafenden Totschlag. Von Mord sprechen sie nur, wenn das Verbrechen besonders verwerflich war. Woran sie den Unterschied festzumachen haben, steht im Strafgesetzbuch. Dort sind gleich zwei „Mordmerkmale“ aufgeführt, die der Staatsanwaltschaft zufolge im Mia-Fall vorliegen. Denn Abdul D. habe „heimtückisch“ gehandelt. Und „aus niederen Beweggründen“.

 

 

 

Offen ist, ob sein Anwalt dieser Einschätzung der Ankläger beipflichten will: Maximilian Endler gibt sich schweigsam. Schließlich hat der Mannheimer Jurist Leitfäden für junge Kollegen geschrieben, in denen steht: „Der Verteidiger sollte im Umgang mit der Presse grundsätzlich zurückhaltend agieren.“ Außerdem wird der Prozess nicht-öffentlich geführt, weil der Angeklagte vielleicht noch minderjährig ist. Das heißt: weitgehende Schweigepflicht für die Beteiligten. Doch welche Argumente Endler nach und nach vorbringen könnte, lässt sich trotzdem erahnen.

 

Zwar hat sein Mandant am ersten Verhandlungstag endlich gesagt, dass er Mia tatsächlich erstochen hat. Aber das Geständnis soll denkbar knapp ausgefallen sein, der Angeklagte kann daher kaum etwas über sein Motiv berichtet haben. Doch darauf kommt es an, wenn „niedere Beweggründe“ unterstellt werden. Die liegen zum Beispiel vor, wenn jemand aus bösartiger Eifersucht getötet hat. Von so einer Gefühlslage könnte die Staatsanwaltschaft bei Abdul D. zum Beispiel ausgehen, weil er so brutal zustach. Und weil er nach der Tat so selbstgefällig dreingeschaut haben soll.

Abul D. könnte verzweifelt gewesen sein

 

Andererseits galt der Afghane anschließend als selbstmordgefährdet, Betreuern in der Haft muss er erklärt haben: Neben einem gemeinsam mit ihm eingereisten Verwandten sei Mia die einzige Person in Deutschland gewesen, zu der er eine engere Bindung hatte. Dass sie Wochen vor der Tat mit ihm Schluss gemacht hatte, könnte ihn daher doch eher traurig als wütend gemacht haben. Und wenn bei einem Täter „Gefühle der Verzweiflung und Ausweglosigkeit“ bestimmend waren, geht der wichtigste Strafgesetzbuch-Kommentar von Totschlag und nicht von Mord aus.

 

Doch dann bliebe im Kandel-Fall immer noch der „Heimtücke“-Vorwurf. Der wird zum Beispiel erhoben, wenn ein Täter leichtes Spiel hatte, weil sich das Opfer in Sicherheit wähnte. Tatsächlich geht die Staatsanwaltschaft aus, dass Abdul D. das 2,99-Euro-Messer unter seiner Kleidung verbarg, als er in die Drogerie ging. Und dass Mia die Gefahr erst bemerkte, als er sie packte und zustach. Andererseits wussten die 15-Jährige und ihre beiden Begleiter schon, dass der Afghane in der Nähe war. Denn sie hatten ihn eben erst am Bahnhof und im Netto-Markt gesehen.

Mia hatte den Afghanen schon angezeigt

 

Mia scheint ihm gleich darauf auch noch etwas gesagt zu haben: dass sie die Polizei rufen wird, falls er ihr folgt. Immerhin soll Abdul D. etwa vier Wochen vorher schon einem vermeintlichen Nebenbuhler auf dem Schulhof die Faust ins Gesicht gedonnert haben. Und auch das Mädchen selbst hatte den Afghanen schon angezeigt, der Vorwurf: Er habe nach der Trennung vertrauliche Fotos von ihr ins Netz gestellt. Also könnte der Verteidiger im Prozess aus den Zeugen herausfragen wollen, dass die 15-Jährige am Kosmetikregal noch auf der Hut vor ihrem Ex-Freund war.

 

Außerdem kann ein Jurist den „Heimtücke“-Vorwurf sogar dann noch infrage stellen, wenn ein Opfer tatsächlich mit keinerlei Gefahr rechnete. Denn Mord war es nur, wenn der Angreifer diesen Umstand auch gezielt ausgenutzt hat. Das kann bezweifelt werden, wenn der Täter geisteskrank oder im Drogenrausch war. Oder wenn er sich so aufgeregt hatte, dass sein Zustand als vorübergehende psychische Störung durchgeht. Für so eine Affekt-Situation könnte bei Abdul D. zum Beispiel sprechen, dass er zwischen Netto- und Drogeriemarkt fast vor ein Auto rannte.

Erinnerungslücken passen zu getrübtem Bewusstsein

 

Dass er gleich nach seiner Festnahme von Erinnerungslücken gesprochen haben soll, würde ebenfalls zu einem getrübten Bewusstsein passen. Also wird am Ende eine psychiatrische Gutachterin darlegen müssen, was sie sie in Gesprächen mit Abdul D. sowie im Prozess über seinen inneren Zustand während der Tat herausgefunden hat. Denkbar ist, dass die Richter sich anschließend für einen Mittelweg entscheiden: Sie könnten den Angeklagten beispielsweise als Mörder verurteilen, ihm aber trotzdem eine Affekt-Handlung zugestehen und die Strafe deshalb mildern.

 

Nahezu ausgeschlossen ist hingegen, dass der Afghane eine Art „Ausländer-Rabatt“ bekommt. Dabei geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass ihn auch Wertvorstellungen aus seiner Heimat zur Bluttat trieben. Doch der Bundesgerichtshof hat gerade erst darauf hingewiesen, dass „der Maßstab für die Bewertung eines Beweggrundes den Vorstellungen der Rechtsgemeinschaft der Bundesrepublik Deutschland und nicht den Anschauungen einer Volksgruppe zu entnehmen ist, die die die sittlichen und rechtlichen Werte dieser Rechtsgemeinschaft nicht anerkennt“.

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