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Montag, 27. Juli 2015 Drucken

Südwest

Mit dem James-Bond-Flieger zum Trifels

Tour de Pfalz (1): Bei Tragschrauber-Schnupperflügen darf der Passagier selbst steuern – Ausgangspunkt ist der Speyerer Flugplatz

Von Christoph Hämmelmann

 

Wartezeit: Los geht es erst, wenn der Fluglotse den Tragschrauber auf die Startbahn lässt. ( Foto: Lenz)

Jetzt hebt er ab: Der Heck-Rotor schiebt den Tragschrauber an, bis ihn der große Propeller in die Luft bringt. ( Foto: Lenz)

Pilot und Copilot studieren mögliche Ziele für einen einstündigen Tragschrauber-Flug über die Pfalz. ( Foto: Lenz)

Aus der Luft gar nicht so leicht zu finden: die Burg Trifels. ( Foto: häm)

Tobias Kloiber (links) und Christoph Hämmelmann schieben die Maschine aus dem Hangar. ( Foto: Lenz)

Schlingert mehr als beim Profi: Der Passagier darf beim Schnupperflug selbst steuern ( Foto: häm)

Im Landeanflug: Blick auf den Speyerer Dom. ( Foto: häm)

Vollgestopft mit Instrumenten: das Tragschrauber-Cockpit. ( Foto: häm)

Auf dem Rhein: Frachtverkehr aus der Vogelperspektive. (Foto: häm)

Die Pfalz von oben: Blick aus dem Tragschrauber-Cockpit. ( Foto: häm)

Am Haardtrand: Villa Ludwigshöhe und die Rietburg. (Foto: häm)

Die Pfalz. (Fast) unendliche Weiten, Ebenen, Berge, Wasser, Wiesen. Und viel Wald. Die RHEINPFALZ hat sich wieder auf den Weg gemacht. Kreuz und quer durch die Pfalz. In unserer Sommerserie berichten Redaktionsmitglieder, was sie bei der „Tour de Pfalz 2015“ erlebt haben. Heute geht es hoch hinaus – mit einem James-Bond-Fluggerät, in dem der Passagier auch selbst zum Steuerknüppel greifen darf.

Ich muss ein wenig überheblich gelächelt haben, als mir mein Pilot Tobias Kloiber vor dem Start noch schnell eine Kotztüte unter den Sitz schob. James Bond brauchte schließlich auch keine, als er mit so einem Tragschrauber 1967 eine komplette Helikopter-Staffel vom japanischen Himmel holte. Und unser fliegendes Kistchen hebt viel magenschonender von der Speyerer Flughafenpiste ab als ein großes Flugzeug.

Doch kaum sind wir in der Luft, schlingern wir merklich vor uns hin. Das ultraleichte Fluggerät wiegt gerade mal 300 Kilo, lässt uns daher auch laue Lüftchen spüren. Wenn Passagiere mit mehr als 100 Kilo Lebendgewicht einsteigen wollen, muss der Pilot genau kalkulieren, wie viel Superbenzin er noch in den 80-Liter-Tank schüttet. Merke: ein Liter wiegt 720 Gramm. Und mehr als 535 Kilo Gesamtgewicht werden dem 115-PS-Motor nicht zugemutet. Ich bin mit gut 60 Kilo ein idealer Fluggast, solange ich nicht den Innenraum versaue.

Vielleicht sollte ich Tobias – wir halten uns ans Sportler- und Piloten-„Du“ – fragen, wo genau er die Kotztüte hingesteckt hat. Vor uns recken sich die Achterbahnen des Haßlocher Holiday-Parks in den bewölkten Himmel. Durch eine flitzt gerade eine Gondelreihe, von oben sieht sie aus wie ein wuseliges gelbes Würmchen. Wir fliegen noch ein wenig näher ran. Und der Motor brummt auf einmal viel tiefer. So ungefähr klingt es wohl, wenn ein Flugzeug abstürzt. Ich schiele zu Tobias, doch der grinst nur. Und lässt den Vogel einmal um die eigene Achse tanzen.

Offenbar habe ich die Kotztüte etwas zu überheblich belächelt. In den blitzblank polierten Tragschrauber mit blau-weiß-gelbem Firmenlogo hat Tobias 90.000 Euro gesteckt. Trotzdem fehlt die James-Bond-Spezialausstattung: Flammenwerfer und Luftminen-Vorrat. Dafür haben wir teure Extras, die dem Superspion fehlten. Und die selbst deutsche Behörden bei Ultraleicht-Fliegerchen für verzichtbar halten: Kollisionswarngerät, zweites Funkgerät, gleißend helle Positionsblinklichter. Mein Pilot, 45 Jahre alt, Familienvater und studierter Betriebswirt, geht gern auf Nummer sicher.

In den deutschen Himmel dürfen Tragschrauber erst seit 2003. Seither sind mit ihnen sieben Menschen tödlich verunglückt, bilanziert die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Tobias meint: So etwas passiert vor allem, weil Piloten in James-Bond-Manier fliegen. Dabei gelten Tragschrauber wegen ihrer speziellen Technik als gut beherrschbar. Ein normaler Helikopter hebt ab, weil ein Motor seinen Propeller antreibt. Fällt der aus, lässt sich die Maschine nur noch mit viel Geschick halbwegs kontrolliert zu Boden bringen.

Den 8,50-Meter-Rotor unseres Tragschraubers hingegen dreht der Fahrtwind. Damit der aufkommt, schiebt uns ein kleiner Heckpropeller von hinten an. Würde dessen Antrieb versagen, könnten wir immer noch sanft zu Boden gleiten, es vielleicht sogar bis zu einem Flugplatz schaffen. 800 Meter unter uns sehen wir jetzt die Graspiste von Lachen-Speyerdorf. Und vor uns das Hambacher Schloss. Dann drehen wir ab, schweben mit 100 Stundenkilometern den Haardtrand entlang: Villa Ludwigshöhe und Rietburg, dann die Madenburg.

Ätsch: James Bond musste auf karge Hügel starren, ehe er die Helikopter-Staffel vom Himmel holte. Warum nur hat Tobias mir diese alberne Kotztüte unter den Sitz geschoben? Der Gedanke an das überflüssige Accessoire lässt mich breit grinsen. Dabei schlingern wir mittlerweile noch stärker. So ein Tragschrauber benimmt sich in der Luft ungefähr so wie ein Boot in fließendem Wasser: Man muss ihn ständig neu ausrichten, damit er auf Kurs bleibt. Wenn der Spion ihrer Majestät oder Tobias das tun, merkt man das kaum.

Aber jetzt habe ich den Steuerknüppel übernommen. Das darf, wer bei Mysky-Mannheim statt klassischer Rundflüge einen „Schnupperflug“ für 250 Euro bucht. Seinen Sitz hat Tobias’ neu gegründetes Unternehmen auf der badischen Rheinseite, doch der Tragschrauber steht in Speyer – der Firmenchef schätzt es, dass dort so eine unverkrampfte Atmosphäre herrscht. Am Boden steht für Schnupperflieger erst einmal eine Theoriestunde auf dem Programm. Von regelrechtem Flugunterricht, wie ihn Tobias selbst absolviert hat, ist das natürlich noch weit entfernt.

Start und Landung behält er sich ohnehin selbst vor, und auch während des Flugs greift er immer wieder ein – weil ich zu viel oder zu wenig gegensteuere. Oder schnell ein Foto machen will. Oder verträumt auf die scheinbar endlosen Hügelketten des Pfälzerwalds schaue. Jetzt will ich auch noch den Trifels finden. Tobias hat vor dem Start ein großes Navi ins Armaturenbrett eingesetzt. Das allerdings kennt nur Flugplätze. Bei der Suche nach Pfälzer Burgen hilft bloß die gute alte Landkarte. Und der Blick auf den Boden.

„Landau ist da drüben“, sagt Tobias und deutet aus dem linken Seitenfenster. Da hätte ich die Stadt nicht vermutet. Aber was soll’s, vor uns müsste dann – ähm, ja, in welche Richtung schauen wir jetzt? Unter mir entdecke ich ein graues Band: die B 10. Dann müsste der Trifels – ach ja, tatsächlich, da vorne. Damit ich die Burg besser sehe, drückt Tobias die Maschine ein wenig nach unten. Und zieht sie dann immer weiter nach oben. Von Wolken müssen sich Tragschrauber fernhalten, doch mittlerweile kämpft sich die Sonne durch.

Durch eine große Lücke steigen wir auf gut 1000 Meter, schauen von oben auf watteweiße Wolkenkissen und in grüne Pfälzer Täler. Auch Tobias fängt jetzt an zu schwärmen: „So schöööön“, tönt es aus meinem Kopfhörer, der Gespräche trotz des dröhnenden Motors ermöglicht. Aber nun müssen wir zurück nach Speyer. Tobias fliegt den Flugplatz extra schnell an, damit er am Ende weniger Gas geben muss und die Anwohner nicht so quält. Der Tragschrauber sinkt, fliegt am Dom und am Technikmuseum vorbei, setzt sanft auf der grauen Piste auf, rollt zum Hangar.

Wir steigen aus, die Kotztüte bleibt irgendwo unterm Sitz. James Bond und ich, wir können auf so etwas verzichten. Aber vielleicht, so denke ich mit einem entspannten Lächeln, braucht sie ja der nächste Fluggast.

  Info

—Die Tragschrauber-Flüge im Internet: www.mysky-mannheim.de

—Mehr Bilder vom Flug: www.rheinpfalz.de

—Nächste „Tour de Pfalz“: Abstecher zum Steinfelder Panzergraben

 

 

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