Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Mittwoch, 22. November 2017 Drucken

Südwest

Ludwigshafen: Bombenbastler soll sich vor Attentatsversuch gefilmt haben

Von Christoph Hämmelmann

Schon als Neunjähriger drohte der spätere Bombenbastler in einer Video-Botschaft mit einem Attentat, bis heute ist die Aufnahme im Netz. Aber auch unmittelbar vor seinem Attentatsversuch im vergangenen November soll er sich gefilmt haben. (Foto: Hämmelmann)

Vor einem Jahr zog ein Zwölfjähriger los, um auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen eine Bombe explodieren zu lassen. Bis heute halten die Behörden Vieles zu diesem Fall geheim. Zum Beispiel, ob der Junge sich bei dem Anschlag auch selbst töten wollte. Nun hat die RHEINPFALZ erfahren: Er soll sich auf dem Weg in den Adventstrubel gefilmt und dabei ein Selbstmordattentat angekündigt haben.

Aus ein paar Hundert Metern Entfernung krähen Hähne gegen die großen Maschinen an, die mächtig durch das weitläufige Areal fernab der Pfalz dröhnen. Irgendwo hier, zwischen Lagerhäusern, Produktionshallen und Bürogebäuden, steht ein Haus, in dem die Behörden seit Monaten eine aus dem Irak stammende Familie versteckten. 

Polizei ermittelt gegen Hintermänner

 

Deren mittlerweile 13 Jahre alter Sohn ist der bislang jüngste Terrorverdächtige Deutschlands. Als gesichert gilt: Am 26. November 2016 trug er ein Einmachglas auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt, das er mit brennbarem Pulver befüllt und mit Nägeln gespickt hatte. Was er damit vorhatte, soll ein von den Behörden bislang geheim gehaltenes Video verraten. Es zeigt ihn nach RHEINPFALZ-Informationen auf dem Weg zum Adventstrubel am Berliner Platz, wo er, so beteuert er es in der Aufnahme, sich gleich als Selbstmord-Attentäter in die Luft sprengen will.

 

Trotzdem bleibt die Katastrophe aus. Eine Sprecherin des Generalbundesanwalts sagt: Dass nichts passierte, lag an technischen Mängeln des Eigenbau-Sprengsatzes. Den holten Polizisten Tage später aus einem Gebüsch am Ludwigshafener Rathaus-Center, seither wird offiziell ermittelt – gegen islamistische Hintermänner des Jungen, nicht gegen ihn selbst. Denn weil er noch keine 14 Jahre alt war, will ihn das deutsche Recht nicht bestrafen, sondern beschützen. Vor Gericht stellen können die Behörden nur etwas ältere Verdächtige, die in den Fall verstrickt sind.

17-Jähriger gab im Netz Ratschläge zum Bombenbau

 

Indirekt ist das zum Beispiel Kevin T. aus Neuss, der seit Januar in Haft sitzt und Pläne für Anschläge gegen Polizisten und Bundeswehrsoldaten geschmiedet haben soll. Auch wenn die Justiz es noch nicht offiziell bestätigt: In Düsseldorf hat die Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen den 22-Jährigen erhoben. Ermittler sagen: Im vergangenen Dezember besuchte ihn der damals 17-jährige Lorenz K. aus Wien, ein in Österreich aufgewachsener Albaner, der sich während seines Zwei-Wochen-Aufenthalts am Niederrhein im Bombenbau versuchte.

 

Schließlich liebäugelte auch er mit Attentaten. Zum Beispiel in Ramstein, um US-Soldaten zu töten. Dabei, sagt sein Wiener Verteidiger Wolfgang Blaschitz, hatte Lorenz K. keine Ahnung, wo dieser Ort liegt. Wenn das stimmt, dann bemerkte der 17-Jährigen auch nicht, dass er in die Nähe des potenziellen Anschlagsziels schon intensive Kontakt geknüpft hatte. Denn im Internet tauschte er sich nicht nur mit Kevin T. aus Neuss aus, sondern auch mit dem Zwölfjährigen aus Ludwigshafen. Dem überließ er zum Beispiel Bombenbau-Ratgeber des IS.

Lorenz K. hat dem IS die Treue geschworen

 

Vor allem aber war Lorenz K. virtuell dabei, als sein Gesinnungsgenosse in Richtung Weihnachtsmarkt marschierte. Im per Internet-Nachrichtendienst live übertragenen Video soll er beobachtet haben, wie der Jüngere loszog und ankündigte, sich gleich in die Luft zu sprengen. Dass er ihn darin von Österreich aus auch noch bestärkte, könnte Lorenz K. dort eine besonders schwere Strafe einbringen: Nach RHEINPFALZ-Informationen erwägen Wiener Strafverfolger, den Jugendlichen als Anstifter eines Attentatsversuchs im fernen Ludwigshafen vor Gericht zu stellen.

 

Mittlerweile allerdings scheinen sie davon auszugehen, dass sich der Deutsch-Iraker in Ludwigshafen seine Nagelbombe doch eher aus eigenem Antrieb umschnallte. Derzeit konzentriert sich die Wiener Staatsanwaltschaft nach offiziellen Angaben darauf, ihren Verdächtigen vor allem als Mitglied einer terroristischen Vereinigung anzuklagen. Dieses Delikt wiegt in Österreich weniger schwer als die Verstrickung in einen konkreten Anschlag. Und: An dem Vorwurf wird in diesem Fall schwerlich zu rütteln sein, das räumt Anwalt Blaschitz unumwunden ein.

Sicherheitsdienst bewacht den heute 13-Jährigen permanent

 

Schließlich habe sein Mandant dem IS feierlich die Treue geschworen – auf einem Video, das er nach Syrien schickte, das aber auch den Ermittlern vorliegt. Auf mehrere Jahre Haft wird sich der Wiener demnach einstellen müssen. Sein vier Jahre jüngerer Freund aus Ludwigshafen hingegen hat die deutschen Behörden vor eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt. Denn einerseits ist er zu jung, um in ein Gefängnis gesteckt zu werden. Doch andererseits gilt er als gefährlich. Also landete er zunächst in der Psychiatrie. Doch auch die, entschieden Richter, war der falsche Ort.

 

So kam er zur Fasnachtszeit noch einmal in die Ludwigshafener Wohnung seiner Familie, vor der deshalb Zivilfahnder wachten, bald aber auch Fernsehleute lauerten. Am neuen, der RHEINPFALZ bekannten Wohnort hingegen sind die Eltern und ihr Sohn in den vergangenen Monaten nicht wieder aufgestöbert worden. Obwohl das Gebäude mit einigem Aufwand umgebaut worden sein muss. Und obwohl ein privater Sicherheitsdienst das Objekt Tag und Nacht bewacht. Rund um die Uhr stehen für den 13-Jährigen zudem Pädagogen und Psychologen bereit.

Stadt schweigt zu den Kosten für Bewachung und Betreuung

 

Bezahlen muss all das die Stadt Ludwigshafen. Die schweigt zur Höhe ihrer Ausgaben – angeblich, weil die Kosten noch gar nicht bekannt seien. Wer das als unglaubwürdig einstuft und nachhakt, bekommt wieder eine Abfuhr, aber mit neuer Begründung: Zu Einzelfällen gebe aus rechtlichen Gründen keine Informationen. Also belässt es die Verwaltung bei allgemeinen Aussagen: Für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung eines Kindes würden in der Regel 5,3 Stellen benötigt, das durchschnittliche Jahreseinkommen pädagogischer Fachkräfte liege zwischen 60.000 und 65.000 Euro.

 

Immerhin: Das Jugendamt hat den Eindruck, dass der verhinderte Selbstmordattentäter allmählich anfängt, sich wieder wie ein normaler 13-Jähriger zu verhalten. Dabei war er schon lange vor seinem Anschlagsversuch aufgefallen. Bis heute sind auf Youtube Videos abzurufen, die er im Juli 2013 dort unter seinem echten Namen hochgeladen hat. Eines zeigt ihn mit einer schwarzen Kapuze und vor den Mund gezogenen Schal, gut sechseinhalb Minuten lang stampft der damals Neunjährige in dieser Maskerade breitbeinig durch eine spärlich möblierte Küche.

13-Jähriger darf nicht mehr ins Internet

 

Und während in einem Nachbarzimmer orientalische Musik vor sich hindudelt, krächzt er mit verstellter Stimme eine Botschaft an die „lieben Menschen da draußen“ ins Netz: Sie sollen einen bestimmten Gleichaltrigen aus Ludwigshafen schlagen. Denn wenn diesem Kind innerhalb der nächsten drei Tage nichts passiert, so droht der spätere Bombenbastler, will er selbst einen Anschlag mit vielen Opfern verüben.

 

Mittlerweile allerdings könnte er solche Droh-Videos nicht mehr verbreiten, selbst wenn er es noch wollte. Die Behörden versichern: Wo zwischen Lagerhäusern, Produktionshallen und Bürogebäuden aus ein paar Hundert Metern Entfernung Hähne gegen große Maschinen ankrähen, darf er nicht ins Internet. 

 

Zur Sache

Hier finden Sie einen Überblick zur Berichterstattung im vergangenen Jahr.

 

 

Pfalz-Ticker