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Dienstag, 19. Juni 2018 Drucken

Südwest

Landau: Mordprozess im Fall Mia

Von Karin Dauscher und Christoph Hämmelmann

Auf dem Weg zum Geständnis: Der Angeklagte Abdul D. wird am Montagmorgen mit Polizeieskorte ins Landauer Landgericht gebracht.

Auf dem Weg zum Geständnis: Der Angeklagte Abdul D. wird am Montagmorgen mit Polizeieskorte ins Landauer Landgericht gebracht. ( Foto: dpa)

Erläutert den Prozess: Gerichtssprecher Robert Schelp.

Erläutert den Prozess: Gerichtssprecher Robert Schelp. ( Foto: van)

Verteidigt den Angeklagten: Maximilian Endler.

Verteidigt den Angeklagten: Maximilian Endler. ( Foto: BOLTE)

In Landau hat am Montag der Prozess gegen den afghanischen Flüchtling begonnen, der Ende 2017 in Kandel seine 15-jährige Ex-Freundin Mia erstach. Der Mord-Anklage der Staatsanwaltschaft unterstellt: Abdul D. wollte sich rächen, weil das Mädchen mit ihm Schluss gemacht hatte. Die Justiz geht davon aus, dass ihn dabei die Wertvorstellungen seines Heimatlandes beeinflussten.

«Landau/Kandel.» Der Aushang neben der Eingangstür des Landgerichts verrät, dass in einem der Räume heute jemand Schadenersatz einklagen will. Und dass in einem anderen um Ansprüche aus einer Versicherung gestritten wird. Nur zum Tagesprogramm im prachtvollen neobarocken Kuppelsaal schweigt der Zettel: „Nichtöffentliche Hauptverhandlung“, steht da bloß. Schließlich muss sich dort ein Angeklagter verantworten, der zum Zeitpunkt seiner Tat noch minderjährig gewesen sein könnte.

Über das Verbrechen wird in ganz Deutschland berichtet

 

Doch zugleich geht es um ein Verbrechen, über das in ganz Deutschland berichtet wird. Also lädt das Landgericht die ausgesperrten Journalisten wenigstens zu einer Pressekonferenz in sicherer Entfernung zum Justizpalast: ins „Haus am Westbahnhof“, wo sonst geflötet, getrommelt und international gekocht wird, wo die „Atomkraft – nein danke“-Fahne am Dach flattert und eine Wandtafel den Anspruch auf Asyl als Menschenrecht bekräftigt. Eine gute Viertelstunde lang erklärt Gerichtssprecher Robert Schelp hier, was es mit dem Fall auf sich hat.

 

 

Dabei sagt er zum Beispiel: „Aus meiner Sicht ist dieser Prozess nicht herausragend.“ Schließlich geht es darum, dass ein junger Mann seine Ex-Freundin getötet haben soll, weil sie ihn verlassen hatte. Was schrecklich sei, aber häufiger vorkomme. Doch Abdul D. ist ein Flüchtling aus Afghanistan, eingereist im April 2016. Die deutschen Behörden stuften ihn zunächst als 14-jährig ein. Demnach wäre er 15 gewesen, als er Ende 2017 in Kandel seine 15-jährige Ex-Freundin Mia erstach. Einer medizinischen Schätzung zufolge allerdings ist er mittlerweile eher 20.

Die Altersfrage wird im Prozess noch einmal untersucht

Doch weil der Experte – trotz einer zweiten, ergänzenden Stellungnahme – nur eine Grobschätzung abgeben kann, bleibt denkbar, dass der Angeklagte zur Tatzeit noch gerade so minderjährig war. Das bedeutet: Wenn er wegen Mordes verurteilt wird, droht ihm eine Höchststrafe von bis zu zehn Jahren. Anderes sähe es aus, wenn er doch schon volljährig war. Je nach individuellem Entwicklungsgrad könnte er zu 15 Jahren oder gar zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden. Also, erläutert Schelp, wird die Altersfrage auch im Prozess noch einmal untersucht werden.

Sollte das Gericht Abdul D. doch noch als volljährig einstufen, müsste es den Prozess allerdings noch einmal von vorne beginnen. Denn dann wäre die Öffentlichkeit zu Unrecht ausgeschlossen worden. Einstweilen allerdings bemüht sich die Justiz redlich, das Verfahren abzuschotten. Das große Treppenhaus und die Flure zum prachtvollen Kuppelsaal sind gesperrt, vor den Zugängen harren Justizwachtmeister. Und, in blauen Overalls, die breitschultrigen Beamten einer auf Auseinandersetzungen mit gewalttätigen Randalierern spezialisierten Polizeieinheit.

Die SEK-Beamten plaudern auf dem Hinterhof

Auf dem von der Straße aus schlecht einsehbaren Hinterhof des Gerichts plaudern derweil Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK), die für Antiterror-Einsätze und Geiselbefreiungen ausgebildet sind. In ihren dunklen Zivilfahrzeugen haben sie den Justiz-Kleinbus begleitet, mit dem der Angeklagte am Morgen aus dem Gefängnis ins Gericht gebracht worden ist. Vor dessen Haupteingang postieren sich im Lauf des Vormittags zwei „besorgte Bürgerinnen“, auf ihrem großem Papp-Plakat steht: „SEK-Schutz für Mias Mörder. Wer schützt unsere Kinder?“

Seit Mias Tod ziehen immer wieder fremdenfeindliche Demonstranten durch Kandel, auch zu gewalttätigen Ausschreitungen ist es dabei gekommen. Um so genauer wägt der Gerichtssprecher nun seine Worte, als ihn die RHEINPFALZ fragt, ob Abdul D. den Ermittlungen zufolge bei seiner Tat durch Wertvorstellungen seines Heimatlands beeinflusst wurde. Schelp formuliert es schließlich so: „Also, es ist die Vermutung, dass der Angeklagte aufgrund seiner kulturellen Herkunft eine ganz besonders übersteigerte Eifersucht und eben auch diesen Rachegedanken hat.“

Verteidiger: Abdul B. meidet Blickkontakt zu Mias Eltern

In der Anklageschrift steht: „Er war wütend, weil das Mädchen die Beziehung mit ihm beendet und sich einer anderen männlichen Person zugewandt hatte.“ Eigentlich sollte dieses Dokument gleich morgens im abgeschirmten Gerichtssaal verlesen werden. Doch das Verfahren stockt sofort. Es gibt Probleme mit einem Dolmetscher, der erst zu spät kommt und dann wegen Zweifeln an seinen Übersetzungen ausgetauscht wird. So zieht sich der erste Verhandlungstag bis gegen 18 Uhr hin. Danach teilt die Justiz mit, dass der Angeklagte sich „zur Sache eingelassen hat“.

Das bedeutet: Abdul B. hat – erstmals – über seine Tat gesprochen. Nach RHEINPFALZ-Informationen ist davon auszugehen, dass der Angeklagte ein Geständnis abgelegt hat, aber ohne auf seine Motive einzugehen. Sein Verteidiger Maximilian Endler allerdings will diesen Vorgang am Abend nicht kommentieren. Der Mannheimer Jurist verrät vor dem Gerichtsgebäude ausharrenden Journalisten im Lauf des Tages lediglich, dass sein Mandant einen bedrückten Eindruck macht. Und dass er den Blickkontakt zu Mias Eltern meidet, die ebenfalls im Gerichtssaal sitzen.

Mias Eltern können den Prozess mitverfolgen

Als Nebenkläger haben sie das Recht, den Prozess komplett mitzuverfolgen und sich auch einzumischen. Etwa 80 Zeugen sollen laut Gerichtssprecher Schelp an den kommenden Verhandlungstagen vernommen werden. Derzeit sind bis Ende August zwölf weitere Termine angesetzt, an denen der Zettel neben der Eingangstür über das Tagesprogramm im prachtvollen neobarocken Kuppelsaal lediglich verraten wird: „Nichtöffentliche Hauptverhandlung“. Kommentar, Zur Sache

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