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Südwest

Kandel: Hätte die Bluttat verhindert werden können?

Von Rolf Schlicher

und Karin Dauscher

Wollen die Hintergründe der tödlichen Messerattacke aufklären (von rechts): der stellvertretende Präsident des Polizeipräsidiums Rheinpfalz (Ludwigshafen) Eberhard Weber, die Leitende Oberstaatsanwältin Angelika Möhlig (Landau) und der Leiter der Ermittlungsgruppe Dieter Lippold.

Wollen die Hintergründe der tödlichen Messerattacke aufklären (von rechts): der stellvertretende Präsident des Polizeipräsidiums Rheinpfalz (Ludwigshafen) Eberhard Weber, die Leitende Oberstaatsanwältin Angelika Möhlig (Landau) und der Leiter der Ermittlungsgruppe Dieter Lippold. ( Foto: KUNZ)

Hätte die Bluttat von Kandel vielleicht verhindert werden können, wenn die Behörden vorher entschlossener reagiert hätten?

Zwölf Tage vor seinem gewaltsamen Tod hatte das 15-jährige Mädchen aus Kandel Anzeige gegen den Ex-Freund gestellt – wegen Bedrohung und Nötigung. Eine detaillierte Einschätzung des Risikos gab es aber daraufhin offenbar nicht.

Was passierte im Dezember?

 

Anfang Dezember hatte die 15-Jährige die mehrmonatige Beziehung zu ihrem Freund, ein nach Behördenangaben 15-jähriger Afghane, beendet, am 27. Dezember wurde sie von ihm in einem Kandeler Drogeriemarkt erstochen. Was passierte in der Zeit dazwischen? „Es gab keine Hinweise, dass die Situation so eskalieren könnte“, sagte der Vizechef des Polizeipräsidiums Rheinpfalz (Ludwigshafen), Eberhard Weber am Wochenende im RHEINPFALZ-Gespräch. Aber wurde die Situation überhaupt professionell erörtert und eingeschätzt?

 Telefonat mit dem Vormund

 

Von der Polizei und dem Jugendamt der Kreisverwaltung Germersheim gibt es unterschiedliche Darstellungen dazu, wie der Informationsfluss zwischen den Behörden war. Zwei Tage nach seiner Tochter hatte auch der Vater Anzeige gegen den Afghanen erstattet – unter anderem auch wegen Nötigung und Bedrohung. In einem Telefonat soll der Ex-Freund in Bezug auf das Mädchen von „abpassen“, „schlagen“ und „man müsse in Zukunft aufpassen“ gesprochen haben. Am 18. Dezember telefoniert der mit dem Fall befasste Polizeibeamte mit dem Vormund des Afghanen, einem Mitarbeiter des Jugendamtes. Der Flüchtling war dem Kreis im Mai 2016 zugewiesen worden, das Jugendamt ist für seine Betreuung zuständig.

Was besprochen wurde, ist strittig

 

 

Was zwischen Polizei und Vormund an diesem Tag besprochen wurde, ist strittig. Polizei-Vizepräsident Weber sagt, der Vormund sei über den Sachverhalt und den Gegenstand beider Strafanzeigen unterrichtet worden. Die Kreisverwaltung erklärte dazu am Sonntag: „Bei diesem Telefonat erfolgte auch Information über die Erstattung von Strafanzeigen, nicht jedoch mit dem Inhalt der Bedrohung des Mädchens.“ Und weiter: „Darüber, dass das Mädchen direkt bedroht wurde, war weder der Vormund noch die Fall führende Sachbearbeiterin informiert.“

 

Trifft dies zu, dann hätte der Polizeibeamte nicht erläutert, was der Hintergrund der Strafanzeigen ist, und der Vormund hätte von sich aus auch nicht nachgefragt, was denn eigentlich zu den Strafanzeigen gegen den von ihm betreuten Jugendlichen geführt hat. Ist ein solch lückenhaftes Gespräch ohne Rückfragen zwischen zwei Behördenvertretern vorstellbar?

Die entscheidende Frage

 

Die entscheidende Frage: Was hätte das Jugendamt unternehmen müssen, wenn es Kenntnis von der Bedrohungslage gehabt hätte? Der Münchener Sozialpädagoge Andreas Dexheimer, der seit Jahren minderjährige unbegleitete Flüchtlinge betreut, beschreibt das Verfahren so: „In solch einem Fall ist es entscheidend und entspricht der üblichen Vorgehensweise, dass sowohl das Jugendamt als auch die Einrichtung sofort darüber informiert werden.“ Anschließend müssten die drei beteiligten Institutionen dann eine Risikoeinschätzung treffen und entscheiden, ob die Person noch enger betreut oder sogar in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht werden müsse. Die Verpflichtung zu solch einer Risikoabschätzung ergebe sich aus den Vorschriften des Sozialgesetzbuches, sagte Dexheimer der RHEINPFALZ.

 

Doch eine solche Risikoabschätzung in einer Konferenz aller Beteiligten wurde nicht vorgenommen. „Die gab es in dieser klaren Form nicht“, sagt Polizeivizepräsident Weber. Die Drohungen seien im Vergleich auch äußerst niederschwellig gewesen. Bei der Kreisverwaltung heißt es: „Eine erste Abstimmung über das weitere Vorgehen der Polizei wurde bereits bei dem Telefonat getroffen. Aufgrund der Informationen der Polizei wurden im Rahmen eines internen Verfahrens weitere Schritte im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte (Allgemeiner Sozialer Dienst und Vormund) eingeleitet und mit der Jugendhilfeeinrichtung Kontakt aufgenommen.“

 

Doch was wurde konkret veranlasst? Wurde über eine Änderung des Betreuungskonzepts für den Jugendlichen nachgedacht, der zuletzt in der Wohngruppe eines freien Trägers in Neustadt untergebracht war? Gab es weitere Gesprächskontakte zwischen Vormund und Polizei? Zu diesen Fragen der RHEINPFALZ hat die Kreisverwaltung bisher nicht Stellung genommen. In einer schriftlichen Mitteilung der Behörde heißt es dazu: Alle Fragen müssten „selbstverständlich im Laufe des Verfahrens lückenlos und im Detail aufgeklärt werden“. Die Kreisverwaltung arbeite dabei „selbstverständlich vollumfänglich“ mit. Die Ermittlungen seien jedoch Aufgabe der Staatsanwaltschaft, auf deren Arbeit man vertraue.

„Mindestens zehn Stunden pro Woche“

 

Unterdessen wird bei der Aufarbeitung des Falles auch die Entscheidung des Jugendamtes zu hinterfragen sein, den jungen Afghanen im September 2017 von einer Einrichtung mit 24-Stunden-Betreuung im Landkreis Germersheim in eine betreute Wohngemeinschaft nach Neustadt zu verlegen. In solchen Wohngruppen sollen die jungen Menschen auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. Die Betreuung findet „mindestens zehn Stunden pro Woche“ statt. Faktisch kümmern sich die drei Bezugserzieher 40 Stunden in der Woche um die vier Bewohner – außerhalb der Schulzeit. Zudem bestehe eine 24-stündige Rufbereitschaft. Wie die Betreuungssituation konkret zwischen dem 15. und 27. Dezember aussah, ist eine der Fragen, die von der Kreisverwaltung bisher nicht beantwortet wurde.

 

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, wie angemessen es ist, dass ein 15-Jähriger in einer Wohngruppe wohnt, in der nicht rund um die Uhr eine Betreuungsperson anwesend ist. In diesem speziellen Fall gab es nach RHEINPFALZ-Informationen außerdem Zweifel von Fachkräften, einer Verlegung des Afghanen in eine Verselbstständigungsgruppe zuzustimmen. Nach Angaben der Kreisverwaltung Germersheim wurde diese Wohnform „im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte als mittelfristige adäquate Hilfeform als notwendig und geeignet eingerichtet“.

Kirchenpräsident warnt vor Generalverdacht

 

Kirchenpräsident Christian Schad thematisierte im Silvestergottesdienst in Ludwigshafen auch die Bluttat in Kandel: Die abscheuliche Tat müsse bestraft werden. Zugleich wies Schad darauf hin, dass „wir vor der Tat eines einzelnen afghanischen Flüchtlings stehen, nicht vor einer Gruppe von Menschen, die – wie er – Afghane oder Flüchtling sind.“ Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ging in ihrer Neujahrsansprache nicht auf die Kandeler Ereignisse ein. Sie sagte allgemein, die Landesregierung werde alles dafür tun, dass die Menschen in Rheinland-Pfalz sicher leben könnten.

 

Info

Hier geht es zum Überblick der Berichterstattung über den Fall.

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