Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Freitag, 24. November 2017 Drucken

Südwest

Gerichtspsychologin haftet für Fehlurteil

Homburger Professorin muss Schmerzensgeld zahlen

Von Claus-Peter Schmidt

«SAARBRÜCKEN.» Norbert Kuß saß wegen angeblichen schweren sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter knapp zwei Jahre in Haft. Das Urteil gegen den heute 74 Jahre alten Saarländer war erwiesenermaßen ein Fehlurteil. Der Beamte im Ruhestand wurde 2013 rehabilitiert und freigesprochen.

Grundlage seiner Verurteilung 2004 war ein Gutachten einer Gerichtspsychologin, einer Professorin der Universität in Homburg. Gestern sprach das Oberlandesgericht Saarbrücken Norbert Kuß 60.000 Euro Schmerzensgeld zu. Die Psychologin muss den Betrag zahlen. Die Professorin des Homburger Instituts für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie wollte vorm OLG gegen ein Urteil des Landgerichts Saarbrücken vorgehen, das Kuß in der Vorinstanz 50.000 Euro Schmerzensgeld zuerkannt hatte. Getrennt von der Schmerzensgeld-Klage verhandelt das Landgericht auch noch über eine Schadenersatz-Klage Kuß’ gegen die Medizinerin über 41.000 Euro.

Infolge seiner ungerechtfertigten Haft und seiner Bemühungen um Rehabilitation habe seine Familie vorm finanziellen Ruin gestanden, so Kuß. Die Bank habe die Zwangsversteigerung seines Hauses betrieben, sagt der ehemalige Meister beim Instandsetzungswerk der Bundeswehr in Sankt Wendel. „Die Bundeswehr hat zwar Nachzahlungen geleistet und war sehr kooperativ. Wir haben aber erhebliche Schulden, müssen schauen, dass wir wieder Boden unter die Füße bekommen“, so Kuß gestern. Deshalb komme es ihm auf die Zahlungen der Gutachterin an.

Er und seine Frau waren nach dem Urteil gestern erleichtert. Vergessen könne er aber die schwere Zeit nicht, sagte Norbert Kuß. Die Richter ließen keine Revision gegen ihr Urteil zu.

Im Verfahren vorm Oberlandesgericht hatte der Rechtspsychologe Max Steller von der Berliner Charité, ein weltweit anerkannter Experte für Glaubhaftigkeitsbegutachtung, ein vernichtendes Urteil über die damalige Arbeit seiner Homburger Kollegin gesprochen. Die damals 13 Jahre alte Pflegetochter hatte nach einem Streit, infolgedessen Kuß die Pflegschaft beenden wollte, ihren Pflegevater wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Beweise gab es nicht, Kuß bestritt die Vorwürfe stets. In einem Indizienprozess wurde er 2004 zu drei Jahren Haft verurteilt.

Grundlage des Urteils war die Aussage der Gerichtspsychologin, welche die Aussagen des Mädchens als „mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubhaft“ bezeichnete. Der Berliner Kollege der Homburger Professorin kommt aber zum Schluss, dass ihr Gutachten von 2004 als grob fahrlässig fehlerhaft einzustufen sei. Es beinhalte handwerkliche Fehler und verstoße gegen vom Bundesgerichtshof formulierte Anforderungen an solche Gutachten.

Das OLG Saarbrücken sieht das genauso und bestätigte mit dem gestrigen Urteil die Haftung der Uni-Professorin. Die Richter sprachen Kuß sogar ein um 10.000 Euro höheres Schmerzensgeld zu, als zuvor das Landgericht gewährt hatte. KOMMENTAR

Pfalz-Ticker