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Mittwoch, 23. Oktober 2019 Drucken

Südwest

Gas-Explosion von Oppau 2014: Als hätte eine Bombe eingeschlagen [mit Bilderstrecke]

Kirchturmhoch schlugen 2014 die Flammen aus der explodierten Gasleitung. (Foto: Bolte)

Die Szenerie gleicht am 23. Oktober 2014 einem Inferno und erinnert an eine Trümmerlandschaft im Krieg – als hätte eine Bombe eingeschlagen an der Grenze zwischen den nördlichen Ludwigshafener Stadtteilen Oppau und Edigheim. Zwei Menschen sterben, 22 werden verletzt. Am Mittwoch jährt sich das Unglück zum fünften Mal.

Ein über fünf Meter tiefer Krater mit einem Durchmesser von zehn Metern klafft auf einer Brachfläche zwischen dem Bahngleis und einem Straßenzug. Kirchturmhoch schlagen am die Flammen aus dem Leck der Hochdruckleitung. Überall steigt Rauch empor, überall stehen Feuerwehrautos. Einsatztrupps versuchen, den Brand zu löschen. Anwohner und Passanten im Umkreis von 300 Metern werden durch die Hitze der bis zu 100 Meter hohen Flammensäule verletzt, zahlreiche Gebäude und Autos beschädigt. Es ist gespenstisch.

Ortsvorsteher Scheuermann "Das vergisst man nie"

Noch am Abend besucht Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) den Unglücksort. Die damalige Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) unterbricht ihren Spanien-Urlaub und fliegt zurück. „Das bleibt einem immer in Erinnerung, das vergisst man nie, das prägt“, sagt der damalige Ortsvorsteher Udo Scheuermann (SPD) zu den schrecklichen Bildern. In den Wochen und Monaten danach ist der heute 73-Jährige als Krisenmanager gefordert. Von insgesamt 80 Betroffenen spricht er im Zusammenhang mit der Explosion. |ier

Aufarbeitung gestaltet sich zäh

Mehrere Gutachten, aufwendige Untersuchungen – die Aufarbeitung der Gasexplosion gestaltet sich zäh und zieht sich hin. Anfang September 2019 wird klar, dass die Staatsanwaltschaft Frankenthal das von ihr eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen vier Beschuldigte – zwei verantwortliche Mitarbeiter der Pipeline-Betreiberin sowie den Bauleiter und den Vorarbeiter der Baufirma – „mangels hinreichenden Tatverdachts“ eingestellt hat. Strafrechtlich seien die Männer nicht zu belangen, erklärt Leitender Oberstaatsanwalt Hubert Ströber auf Anfrage – auch wenn sie sich zum Teil „nicht pflichtgemäß“ und „regelwidrig“ verhalten hätten.

Zu dem Unglück auf der Baustelle war es am 23. Oktober 2014 gegen 12.30 Uhr gekommen, als Bauarbeiter die Pipeline zur Wartung freilegen wollten. Laut Staatsanwaltschaft wurde dabei mit einem Bagger eine Spundwand in den Boden getrieben und die Hochdruckleitung an zwei Stellen durchlöchert. Das führte zu der verheerenden Explosion: Zwei Bauarbeiter starben, 22 Menschen wurden teils schwer verletzt, darunter vier Bauarbeiter. Der Schaden wird insgesamt auf über 20 Millionen Euro geschätzt.

Dem Leitungsbetreiber Gascade – ein Tochterunternehmen von BASF und Gazprom – ist nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kein Vorwurf zu machen. Das Unternehmen habe die Leitung regelmäßig geprüft, es habe keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass die Leitung an der Unglücksstelle so dünn war. Die vier für die Baustelle verantwortlichen Beschuldigten hätten das Vorgehen mit der Spundwand angeordnet – es gebe keine Erkenntnisse, dass weitere Personen oberhalb dieser Ebene damit befasst gewesen seien. |ier

Chronologie:

23. Oktober 2014:

Bei Bauarbeiten an einer Ferngasleitung zwischen Oppau und Edigheim kommt es zu einer Gasexplosion. Zwei Menschen sterben, weitere werden zum Teil schwer verletzt. Gebäude und Autos werden beschädigt, Anwohner vorübergehend obdachlos. Der Schaden wird auf über 20 Millionen Euro geschätzt.

26. Oktober 2014:

Betreiber Gascade repariert die Leitung und nimmt sie mit Genehmigung der Behörden wieder in Betrieb. Der Staatsanwalt hat das beschädigte Teil beschlagnahmt.

20. März 2015:

Ein Gutachten stellt fest: Die beschädigte Rohrleitung hatte statt 8,8 Millimeter nur noch eine Restwandstärke von unter einem Millimeter.

19. Mai 2015:

Die Energieaufsicht des Landes erfährt von der Staatsanwaltschaft von dem Gutachten und veranlasst, dass der Druck in der Leitung von 84 bar auf das bei einem Millimeter Rohrwandstärke zulässige Niveau von zehn bar gesenkt wird.

15. Juni bis 7. Juli 2015:

Die Leitung, die von Ludwigshafen nach Karlsruhe führt, wird stillgelegt und auf einer Länge von 58 Kilometern untersucht. Ergebnis: Überall wurde eine ausreichende Wandstärke gemessen, die einen Betriebsdruck von bis zu 84 bar zulässt. Die Pipeline geht wieder in Betrieb.

20. Oktober 2016:

Die Staatsanwaltschaft gibt Details über das beschädigte Leitungsstück öffentlich bekannt und kündigt weitere Gutachten dazu an. Betreiber und Aufsichtsbehörden versichern, dass die Pipeline sicher ist.

22. Oktober 2018:

Die Tests für ein Gutachten über die Unglücksursache stehen vor dem Abschluss. Das Gutachten wird erst 2019 vorgelegt – als Grundlage für eine Entscheidung über eine Anklage.

Pfalz-Ticker