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Südwest

Frankenthal: Erinnerung an Schreckensnacht

Von Christoph Hämmelmann

Vom Balkon im zweiten Stock stürzte Senna in den Tod. (Archivfoto: Bolte)

Nachdem der erste Frankenthaler Babymord-Prozess geplatzt ist, mussten die Ex-Nachbarn des Angeklagten am Dienstag zum zweiten Mal als Zeugen ins Gericht. Dort meldeten sie immer wieder Gedächtnislücken an, weil schon fast zwei Jahre verstrichen sind. Und weil sie die Schrecken jener Mainacht ohnehin vergessen möchten.

Irgendwo aus den oberen Etagen kommt mitten in der Nacht der Lärm, der die Frau in ihrer Erdgeschosswohnung hochschrecken lässt. Empört steht sie auf, geht auf ihren halbhohen Balkon, will von dort aus Ruhe einfordern. Dann sieht sie etwas auf einem Schotterweg im Hinterhof, was sie für eine Puppe hält. Verwirrt geht sie ins Zimmer zurück, macht noch einmal kehrt, schaut genauer hin. Und versteht: Da liegt das Baby der Familie aus dem zweiten Stock.

Polizisten traten die Wohnungstür ein

Fast zwei Jahre später sitzt die 40-Jährige nun auf dem Zeugenstuhl im Frankenthaler Landgericht. Angeklagt ist der Vater der kleinen Senna. Am 14. Mai 2016 war er mit einem Messer brüllend auf seine Partnerin losgegangen. Nachdem diese Frau blutend geflohen war, warf er – so berichtete es ein Gast, der mit ihm zuvor gekokst und Playstation gespielt hatte – sein Baby in hohem Bogen vom Balkon. Und als wenig später Polizisten seine Wohnungstür eintraten, verletzte seine Klinge eine seiner Töchter aus einer früheren Beziehung schwer. 

Die Nachbarn sollen berichten

Diese Sechsjährige konnten die Ärzte trotzdem noch retten. Das Baby hingegen war wohl schon tot, als eine Polizistin es vom Boden aufhob. Dass Senna aus seinen Händen etwa acht Meter tief in die Tiefe gestürzt war, hat ihr Vater auch längst gestanden. Doch sein Verteidiger Alexander Klein will belegen, dass die Tat nur ein schreckliches Versehen im Drogenrausch war. Die Staatsanwaltschaft allerdings hat seinen Mandanten als Mörder angeklagt. Also sollen jetzt die Nachbarn berichten, was sie mitbekamen: in der verhängnisvollen Nacht. Und in den Monaten davor. 

Eigentlich möchten die Zeugen vergessen

Dabei wollen diese Menschen möglichst gründlich vergessen, was sie damals erleben mussten. Und obendrein haben sie alles schon mehrfach erzählt – zum ersten Mal, als ihre Erinnerung noch ganz frisch war: wenige Wochen nach der Tat, denn da befragten Ermittler die Anwohner. Doch für die Justiz zählt nur, was nun im Prozess berichtet wird. Die Aussageprotokolle der Polizei dürfen bloß dazu dienen, den Zeugen bei Gedächtnislücken auf die Sprünge zu helfen. Oder um Widersprüche aufzudecken. Was in diesem Fall gerade besonders häufig passiert. 

Sie haben schon einmal vor Gericht ausgesagt

Denn die Betroffenen haben nicht nur bei der Polizei ausgesagt, sondern vor gut einem Jahr auch schon einmal vor Gericht. Doch der erste Prozess gegen Sennas Vater platzte nach mehreren Monaten, weil eine Richterin schwer erkrankte. Anwalt Klein allerdings hat genau mitgeschrieben, was die Zeugen damals berichteten. So fällt ihm zum Beispiel auf: Bei einem Nachbarn sind aus drei bis fünf lautstarken Auseinandersetzungen zwischen dem Angeklagten und seiner damaligen Partnerin inzwischen mindestens zehn, vielleicht sogar 15 oder 20 solcher Vorfälle geworden. 

Verständliche Erinnerungsschwäche

Eine allerdings „nur zu verständliche“ Erinnerungsschwäche bemerken die Juristen auch bei der Frau aus der Erdgeschosswohnung. Zunächst weiß die 40-Jährige nur, dass Senna leblos auf dem Schotterweg vor dem halbhohen Balkon lag. Doch als sie gezielt darauf angesprochen wird, fällt ihr auch ein: Sie hatte den Eindruck, das Bündel habe sich noch bewegt. Aber das, meint sie, könnte der Wind gewesen sein, der mit der Babydecke spielte. Bis ihre Erinnerung noch genauer wird: Auch eines der Füßchen hat sich noch einmal bewegt.

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